Barack Obama denkt anders. Er weicht Konflikten mit Putin aus und möchte das Problem lieber Europa überlassen, sprich: Angela Merkel. "Kurz nach der Annexion der Krim durch Putin herrschte im Weißen Haus die Devise, die Russen bloß nicht zu provozieren", sagt Karen Donfried, die ehemalige Europa-Beraterin von Obama. Ein hoher Regierungsberater im Weißen Haus stellt die Zusammenhänge her: "Wir können mit dem Ukraine-Problem nicht isoliert umgehen, denn es geht dabei auch noch um andere Interessen. Wir wollen uns unsere Kommunikationswege mit den Russen zu Themen wie Syrien, IS, Assad oder Afghanistan offenhalten." Mit anderen Worten: Obama ist der Ansicht, dass er die Russen brauche.

In Kiew erzählt die Mitgründerin des unabhängigen Senders Hromadske TV, dessen internationale Sektion durch Spenden der Bürger, aber auch durch Mittel von Stiftungen der EU, der niederländischen und amerikanischen Botschaft finanziert wird, dass es schwer geworden sei, Geld von den Amerikanern zu bekommen. Und das, obwohl es unabhängige Medien in der Ukraine nur mit Unterstützung von außen geben kann. Den ukrainischen TV-Sendern, die in der Hand der Oligarchen seien, sei schließlich nicht zu trauen. Die Amerikaner aber seien verunsichert. Sie wollten um jeden Preis den Eindruck einer Einmischung verhindern.

Man erinnert sich in Washington noch gut an die Zeit nach dem Georgien-Krieg 2008, als die Beziehungen zwischen Bush-Amerika und Russland auf einem Tiefpunkt angelangt waren. Amerika hatte zuvor massiv Geld und Waffen nach Georgien gepumpt, um sich im Südkaukasus einen strategischen Brückenkopf aufzubauen, aber als Russland in Georgien einmarschierte, war es nicht bereit einzugreifen. Die Russlandpolitik Washingtons lag in Scherben. Im Jahr darauf wurde Obama Präsident und suchte einen Neuanfang mit Russland. Wirtschaft, Abrüstung, es gab viele gemeinsame Interessen. Karen Donfried sagt: "Wir waren der festen Überzeugung, Russland habe sich entschieden, mit dem Westen zu kooperieren, statt einen offenen militärischen Konflikt zu riskieren. Von den Ereignissen auf dem Maidan waren wir genauso überrascht wie von Putins Reaktion darauf. Wir wussten natürlich, dass Russland auf die Nato-Erweiterung sensibel reagiert hatte. Aber dass es auch auf ein EU-Assoziierungsabkommen so reagieren würden, hätten wir nicht gedacht."

Weil Obama eine Eskalation des Konfliktes vermeiden will, hat er sich auch bisher stets gegen Waffenlieferungen ausgesprochen. Denn wer Waffen liefert, begibt sich in die Aufrüstungslogik. Putin würde nicht tatenlos zusehen, sondern seinerseits weitere Waffen in die Ostukraine schicken. Auch aus diesem Grund hat Obama bislang nicht auf diejenigen in Washington gehört, die ein forscheres Vorgehen gegen Russland fordern. Die Ukraine sei keine Priorität der amerikanischen Politik, sagt der Regierungsberater, man kümmere sich momentan lediglich darum, die Sicherheitslage dort zu verbessern.

Das Interesse der Amerikaner an der Ukraine war im vergangenen Vierteljahrhundert also äußerst schwankend. Mal galt es dem Aufbau einer demokratischen Gesellschaft, dann wieder dem strategischen Gegner Russland. Sollte die Situation in den kommenden Monaten erneut eskalieren, wird sich Amerikas Politik möglicherweise noch einmal ändern. Barack Obama wird dann erneut über die Waffenfrage nachdenken müssen. Denn seine politischen Gegner und einige seiner politischen Freunde werden ihn zu einer Antwort auf die Frage zwingen: Darf Amerika sich das von Putin gefallen lassen?

Und dann wird es wieder da sein, das Problem zwischen Amerika und Europa.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio