DIE ZEIT: Herr Möller, Sie lassen wirklich nichts unversucht, um den Deutschen Ihre Wahlheimat ans Herz zu legen. In dem Werbevideo für Ihr neues Buch Viva Warszawa radeln Sie durch die polnische Hauptstadt und singen: "Die Häuser haben Strom, die Klempner ein Diplom, im Fernsehen gibt es mehr als zwei Programme."

Steffen Möller: Hätte ich mir auch nicht träumen lassen, dass ich in Warschau einmal aufs Fahrrad steigen würde. Als ich vor 20 Jahren als junger Deutschlehrer hierhergezogen bin, war Radfahren noch etwas für Selbstmörder. Inzwischen gibt es nicht nur kilometerlange Radwege, auch hier ist ein schickes Fahrrad ein Statussymbol. Aber das mit den Fahrradwegen glaubt mir in Deutschland natürlich keiner.

ZEIT: Hierzulande steht Warschau noch immer in dem Ruf, ein postsozialistischer Moloch zu sein. Selbst Polen-Fans fahren lieber nach Krakau.

Möller: Wunderschöne Stadt, aber machen wir uns nichts vor: Krakau ist nicht Polen, sondern die pittoreske Ausnahme. In Warschau hingegen erleben Sie das Land mit all seinen Brüchen und Widersprüchen.

ZEIT: Viele scheint genau das abzuschrecken. Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk notierte nach seinem ersten Warschau-Besuch: "Du meinst, in altes, gut katholisches Land zu reisen, und landest im grellsten Konsumismus."

Möller: Und so unrecht hat er ja nicht. Auf den ersten Blick ist Warschau eine Zumutung. Wenn ich Gäste zu Besuch habe oder eine Reisegruppe begleite, schicke ich die Leute gleich nach der Ankunft auf den Kulturpalast, diese 243 Meter hohe stalinistische Steinrakete neben dem Bahnhof. Von der Aussichtsplattform blickt man auf ein gigantisches Betonmeer und fragt sich, was schlimmer ist: die sozialistischen oder die kapitalistischen Bausünden.

ZEIT: Und fühlt sich als Deutscher gleich schuldig. Man weiß ja, dass es da unten so aussieht, weil die Wehrmacht das historische Zentrum 1944 dem Erdboden gleichgemacht hat.

Möller: Um die Geschichte kommt man in dieser Stadt nun mal nicht herum, auch ein gutes Viertel meines Buches handelt davon; ursprünglich wollte ich es sogar "Komm nach Warschau, dein Großvater war auch schon da" nennen. Das hielt der Verlag aber nicht für so eine gute Idee.

ZEIT: Weil es zynisch klingen könnte?

Möller: Weil man einfach nie weiß, wie die Deutschen auf die Geschichte reagieren. Für mich ist das immer ein Spießrutenlauf: Einige Manager und Investoren, die zum Geldverdienen nach Warschau kommen, sind genervt von der Allgegenwart des Zweiten Weltkriegs, weil sie finden, dass irgendwann auch mal Schluss sein muss mit dem ganzen Erinnern. Geschichtslehrer und andere historisch Interessierte hingegen suchen oft nur nach Spuren der Nazizeit. Und so richtig und wichtig ich das finde – mit dieser Haltung wird man der Stadt auch nicht gerecht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 20 vom 13.5.2015.

ZEIT: Wie denn dann?

Möller: Damit die Leute sich ein bisschen entspannen, zeige ich gleich nach dem Kulturpalast den Königspark. Da spazieren wir zwischen den Schlösschen, den Seen herum, füttern zahme Eichhörnchen. Und wenn Samstag ist und die Sonne scheint, fahren wir anschließend noch zum Frühstücksmarkt in Żoliborz: große Tische unter freiem Himmel, regionale Produkte, alles lecker, alles bio.

ZEIT: Das gefällt den Deutschen natürlich. Bio ist ja ein großer Trend.

Möller: So sind Touristen nun mal: Sie suchen in der Fremde immer, was ihnen auch zu Hause wichtig ist. Ich bin da nicht viel besser. Ich bin ja nach dem Studium auch nicht nach Japan oder Korea gegangen, sondern in ein Land, das uns mentalitätsmäßig näher ist als viele unserer Nachbarstaaten. In meinen Kabarettprogrammen mache ich mir seit Jahren einen Spaß daraus, Polen und Deutschen Gemeinsamkeiten unter die Nase zu reiben, von denen sie nichts wussten.