Sie kennen das sicher auch. Auf einer Party sprechen Sie mit jemandem über das Buffet. Bald entpuppt sich dieser als Schwätzer, der Ihnen ausführlich darlegt, dass der Wein, die Vorspeisen, das Fleisch hier zwar sehr gut sein mögen, er aber in einer Enoteca, einer Tapasbar, einer Osteria, einer Street Kitchen oder einem anderen ausschließlich von Einheimischen frequentierten Lokal bei Sevilla, im Hinterland der Côte d’Azur, in einem Bergdorf in den Dolomiten oder auf dem Nachtmarkt von Bangkok noch etwas Besseres und feiner Abgeschmecktes dieser Art gegessen und/oder getrunken habe. Kurz: dass er sich auskenne.

Während Sie Ihren Wein einfach trinken, wird der Schwätzer Sie darauf hinweisen, wie "vollmundig" der Tropfen schmecke. Sie werden sich dann fragen: Wie komme ich hier weg? Wie werde ich ihn los? Machen Sie es wie mit der Werbung: Glauben Sie nicht blind, hinterfragen Sie! Tchibo etwa preist seinen Kaffee ja auch als "vollmundig" an, wie Leserin Friederike M. auffiel. Was genau das heißen soll, sagt Tchibo aber nicht. Niemand sagt das. Weil niemand es genau sagen kann.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 20 vom 13.5.2015.

Bitten Sie den Partyschwätzer also um eine eindeutige Definition. Er wird gütig lächeln, eine Chance sehen, Sie zu belehren – und in die Egofalle tappen. Sie müssen bloß hartnäckig bleiben. Bestehen Sie auf einer präzisen Antwort, die mit "Vollmundig ist etwas, das ..." beginnt und die in jeder denkbaren Konstellation ein objektives und unanfechtbares Urteil erlaubt! So dürften Sie den Prahlhans problemlos an seine Grenzen führen können. Ertappt, wird er sich irgendwann abwenden und sich heimlich ärgern. Weil er durchschaut wurde und lernen musste: Man soll den Mund niemals zu voll nehmen. Erst recht nicht, wenn es um Lebensmittel geht.