Wer nicht genau hinschaut, könnte Roma Korytkowska für eine undankbare Frau halten. Sie hat einen Job in einem der glamourösesten deutschen Unternehmen. Drei Streifen reichen aus, und jeder weiß, wer gemeint ist: adidas. Sie wohnt in einer kleinen Wohnung in Bramsche, Niedersachsen, sie bekommt Rabatt auf die adidas-Kleidung, die sie kaufen möchte, sie wird bezahlt. Was also erregt Roma Korytkowska?

Wer genau hinschaut, wird mit einer Welt konfrontiert, die eher an die Arbeitsbedingungen zur Frühzeit der Industrialisierung erinnert als an ein deutsches Dax-Unternehmen im Jahr 2015. Es geht um eine gesetzliche Möglichkeit, mit deren Hilfe die Arbeiter viel weniger verdienen sollen, als ihnen eigentlich zusteht. Es geht um Menschen, die schwer zu Schaden gekommen sind, um Menschen, die wie Rechtlose behandelt werden.

Roma Korytkowska und viele ihrer Kollegen möchten sich diese Unterdrückung nicht länger gefallen lassen. Ihre Versuche, intern etwas zu bewegen, sind gescheitert. Jetzt wollen sie adidas öffentlich auffordern, etwas zu verändern. Vier von ihnen nennen deswegen ihren Namen und zeigen ihr Gesicht in der ZEIT. Sie wollen den adidas-Managern gegenübertreten: Marta Ludolf, 50 Jahre alt, eine wache Polin, Vlatko Utkovski, 48 Jahre alt, ein scheuer Mazedonier, Rainer Busch, 46 Jahre alt, ein enttäuschter Deutscher, und Roma Korytkowska, eine Polin, die 42 Jahre alt ist. Offen soll der Aufstand ausgetragen werden, nicht im Verborgenen. Hinter den vier Menschen stehen viele weitere Arbeiter, die bei adidas beschäftigt sind oder waren und die mit der ZEIT gesprochen haben.

Adidas ist ein großes deutsches Traditionsunternehmen und der zweitgrößte Sportartikelhersteller der Welt, 54.000 Mitarbeiter, 14,5 Milliarden Euro Umsatz. Anfang Mai sagte adidas-Chef Herbert Hainer in der FAS, adidas sei "der attraktivste Arbeitgeber in Deutschland und das nachhaltigste Unternehmen dieser Industrie weltweit".

Eine möglichst vorteilhafte Darstellung nach außen ist dem Konzern viel wert. Adidas stattet die besten Fußballclubs der Welt aus. Beim FC Bayern ist adidas sogar als Gesellschafter eingestiegen. Manchester United wird von adidas pro Saison bald fast 100 Millionen Euro bekommen. So viel Geld hat noch nie ein Ausrüster an einen Fußballverein gezahlt.

Weltweit läuft derzeit ein Werbespot von adidas, Here’s to the takers heißt er, Ein Hoch auf die, die sich nehmen, was sie wollen. Trainierte, teure Körper sprinten, springen, schlagen, siegen, alles in adidas-Klamotten. Ganz zu Beginn sieht man den wichtigsten Werbeträger, den Fußballspieler Lionel Messi, in seinem Trikot. We undeniable heißt der Refrain, wir Unbestreitbaren.

Roma Korytkowska und ihre Mitstreiter ziehen jetzt in einen Arbeitskampf der besonderen Art. Sie kämpfen mit ihrem Arbeitgeber nicht um mehr oder weniger Lohn, sondern um mehr oder weniger Wahrheit. In diesem Bericht stehen sich zum ersten Mal direkt gegenüber: Die Arbeiter, die alles einsetzen, was sie haben: Arztbriefe, Abrechnungen, Verträge – und den Mut zu einer Auseinandersetzung, in der sie nichts zu gewinnen haben. Und der Konzern adidas, der, als er von der Recherche erfährt, mit all dem reagiert, was Krisen-PR-Manager empfehlen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 21.5.2015.

Bis November hatte Roma Korytkowska einen anderen Job, in einer Kunststofffabrik, nicht besonders gut entlohnt, aber sicher, unbefristeter Vertrag. Sogar die Pausen waren bezahlt, sagt sie. Man wurde mit Namen angeredet, und zum Geburtstag gab es Kuchen. "Ein Traumjob", sagt Roma Korytkowska. Sie hat ihn gekündigt, weil sie ein tolles Angebot im adidas-Logistikzentrum in Rieste, Niedersachsen, hatte. Von hier aus, erfuhr Roma Korytkowska, wird der Groß- und Einzelhandel in Zentral- und Westeuropa mit den Marken adidas und Reebok beliefert. Ihr zukünftiger Chef habe ihr versprochen: Wir stellen deine ganze Familie ein. Ihr könnt alle bei adidas arbeiten. Ihr bekommt die gleichen Schichten.

Im Logistikzentrum sind viele nur als Leiharbeiter angestellt

Roma Korytkowskas Familie, das sind ihr Lebensgefährte Rainer Busch, ihr Sohn und dessen Freundin. Sie wohnten 18 Kilometer weit weg und kauften ein Auto, damit sie immer pünktlich zum Arbeitsbeginn da sein konnten. Das war nicht genug. Alle Mitarbeiter, sagte ihr der Chef, müssten im Umkreis von zwölf Kilometern zum adidas-Logistikzentrum wohnen. Adidas bestreitet das. Die Familie zog um und fand eine neue Wohnung in Bramsche, das in diesem Umkreis liegt, groß genug für vier Erwachsene. 920 Euro warm, teuer, aber mit den Jobs bei adidas könnten sie es sich leisten, dachten sie. Am 15. Dezember 2014 fing die Familie bei adidas an, und es kam alles anders.

Es ist nicht so, dass adidas selbst die Arbeiter in Rieste so behandelt. Das Unternehmen nutzt eine Möglichkeit, viele andere Unternehmen kennen sie auch. Die Möglichkeit heißt Leiharbeit. Nur 281 eigene Mitarbeiter hat adidas beschäftigt, der überwiegende Teil, 583 Menschen, sind Leiharbeiter. "Ein enorm hoher Anteil", sagt Michael Denecke von der zuständigen Gewerkschaft IG BCE.