Wer nicht genau hinschaut, könnte Roma Korytkowska für eine undankbare Frau halten. Sie hat einen Job in einem der glamourösesten deutschen Unternehmen. Drei Streifen reichen aus, und jeder weiß, wer gemeint ist: adidas. Sie wohnt in einer kleinen Wohnung in Bramsche, Niedersachsen, sie bekommt Rabatt auf die adidas-Kleidung, die sie kaufen möchte, sie wird bezahlt. Was also erregt Roma Korytkowska?

Wer genau hinschaut, wird mit einer Welt konfrontiert, die eher an die Arbeitsbedingungen zur Frühzeit der Industrialisierung erinnert als an ein deutsches Dax-Unternehmen im Jahr 2015. Es geht um eine gesetzliche Möglichkeit, mit deren Hilfe die Arbeiter viel weniger verdienen sollen, als ihnen eigentlich zusteht. Es geht um Menschen, die schwer zu Schaden gekommen sind, um Menschen, die wie Rechtlose behandelt werden.

Roma Korytkowska und viele ihrer Kollegen möchten sich diese Unterdrückung nicht länger gefallen lassen. Ihre Versuche, intern etwas zu bewegen, sind gescheitert. Jetzt wollen sie adidas öffentlich auffordern, etwas zu verändern. Vier von ihnen nennen deswegen ihren Namen und zeigen ihr Gesicht in der ZEIT. Sie wollen den adidas-Managern gegenübertreten: Marta Ludolf, 50 Jahre alt, eine wache Polin, Vlatko Utkovski, 48 Jahre alt, ein scheuer Mazedonier, Rainer Busch, 46 Jahre alt, ein enttäuschter Deutscher, und Roma Korytkowska, eine Polin, die 42 Jahre alt ist. Offen soll der Aufstand ausgetragen werden, nicht im Verborgenen. Hinter den vier Menschen stehen viele weitere Arbeiter, die bei adidas beschäftigt sind oder waren und die mit der ZEIT gesprochen haben.

Adidas ist ein großes deutsches Traditionsunternehmen und der zweitgrößte Sportartikelhersteller der Welt, 54.000 Mitarbeiter, 14,5 Milliarden Euro Umsatz. Anfang Mai sagte adidas-Chef Herbert Hainer in der FAS, adidas sei "der attraktivste Arbeitgeber in Deutschland und das nachhaltigste Unternehmen dieser Industrie weltweit".

Eine möglichst vorteilhafte Darstellung nach außen ist dem Konzern viel wert. Adidas stattet die besten Fußballclubs der Welt aus. Beim FC Bayern ist adidas sogar als Gesellschafter eingestiegen. Manchester United wird von adidas pro Saison bald fast 100 Millionen Euro bekommen. So viel Geld hat noch nie ein Ausrüster an einen Fußballverein gezahlt.

Weltweit läuft derzeit ein Werbespot von adidas, Here’s to the takers heißt er, Ein Hoch auf die, die sich nehmen, was sie wollen. Trainierte, teure Körper sprinten, springen, schlagen, siegen, alles in adidas-Klamotten. Ganz zu Beginn sieht man den wichtigsten Werbeträger, den Fußballspieler Lionel Messi, in seinem Trikot. We undeniable heißt der Refrain, wir Unbestreitbaren.

Roma Korytkowska und ihre Mitstreiter ziehen jetzt in einen Arbeitskampf der besonderen Art. Sie kämpfen mit ihrem Arbeitgeber nicht um mehr oder weniger Lohn, sondern um mehr oder weniger Wahrheit. In diesem Bericht stehen sich zum ersten Mal direkt gegenüber: Die Arbeiter, die alles einsetzen, was sie haben: Arztbriefe, Abrechnungen, Verträge – und den Mut zu einer Auseinandersetzung, in der sie nichts zu gewinnen haben. Und der Konzern adidas, der, als er von der Recherche erfährt, mit all dem reagiert, was Krisen-PR-Manager empfehlen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 21.5.2015.

Bis November hatte Roma Korytkowska einen anderen Job, in einer Kunststofffabrik, nicht besonders gut entlohnt, aber sicher, unbefristeter Vertrag. Sogar die Pausen waren bezahlt, sagt sie. Man wurde mit Namen angeredet, und zum Geburtstag gab es Kuchen. "Ein Traumjob", sagt Roma Korytkowska. Sie hat ihn gekündigt, weil sie ein tolles Angebot im adidas-Logistikzentrum in Rieste, Niedersachsen, hatte. Von hier aus, erfuhr Roma Korytkowska, wird der Groß- und Einzelhandel in Zentral- und Westeuropa mit den Marken adidas und Reebok beliefert. Ihr zukünftiger Chef habe ihr versprochen: Wir stellen deine ganze Familie ein. Ihr könnt alle bei adidas arbeiten. Ihr bekommt die gleichen Schichten.

Im Logistikzentrum sind viele nur als Leiharbeiter angestellt

Roma Korytkowskas Familie, das sind ihr Lebensgefährte Rainer Busch, ihr Sohn und dessen Freundin. Sie wohnten 18 Kilometer weit weg und kauften ein Auto, damit sie immer pünktlich zum Arbeitsbeginn da sein konnten. Das war nicht genug. Alle Mitarbeiter, sagte ihr der Chef, müssten im Umkreis von zwölf Kilometern zum adidas-Logistikzentrum wohnen. Adidas bestreitet das. Die Familie zog um und fand eine neue Wohnung in Bramsche, das in diesem Umkreis liegt, groß genug für vier Erwachsene. 920 Euro warm, teuer, aber mit den Jobs bei adidas könnten sie es sich leisten, dachten sie. Am 15. Dezember 2014 fing die Familie bei adidas an, und es kam alles anders.

Es ist nicht so, dass adidas selbst die Arbeiter in Rieste so behandelt. Das Unternehmen nutzt eine Möglichkeit, viele andere Unternehmen kennen sie auch. Die Möglichkeit heißt Leiharbeit. Nur 281 eigene Mitarbeiter hat adidas beschäftigt, der überwiegende Teil, 583 Menschen, sind Leiharbeiter. "Ein enorm hoher Anteil", sagt Michael Denecke von der zuständigen Gewerkschaft IG BCE.

"Es kommt halt darauf an, was man glaubt, wie viele Minuten eine Stunde hat"

Die Arbeiter, die hier zu Wort kommen, sind nicht bei adidas angestellt, obwohl sie alle im adidas-Logistikzentrum arbeiten. Sie sind bei den Leiharbeitsfirmen Manpower und Olympia Personaldienstleistungen beschäftigt, Olympia ist Teil der europaweiten Otto Work Force. Adidas ist als entleihendes Unternehmen dafür zuständig, wie die Arbeiter eingesetzt werden, was sie tun müssen, auch dafür, dass ihre Arbeitszeiten und -pausen eingehalten werden. So eng verbandelt sind adidas und die beiden Personaldienstleister, dass adidas, mit den Vorwürfen konfrontiert, nicht nur für sich selbst, sondern auch für seine Dienstleister antwortet. Der Betriebsrat, von der ZEIT zu den Vorwürfen der Arbeiter befragt, sagt, seine Einschätzung decke sich hundertprozentig mit der der adidas-Pressestelle.

Die Arbeiter packen, sammeln und verschicken Pakete, sortieren Kleidung, hübschen retournierte Ware auf. Die Teamleiter und Supervisoren seien adidas-Mitarbeiter, sagt das Unternehmen. "Wir schulen unsere Mitarbeiter regelmäßig weiter und haben dafür ein spezielles Führungskräfteprogramm in Rieste entwickelt."

In letzter Zeit haben sich Unternehmen in Deutschland gerne mithilfe ihrer eigenen Mitarbeiter in Werbekampagnen ausgestellt. Die Commerzbank, ThyssenKrupp, die Rügenwalder Mühle. Mitarbeiter statt Models. Authentisch soll das wirken, es soll zugleich ausdrücken: Wir sind transparent.

Mitarbeiter statt Models. Wie sähe eine Kampagne aus, in der Menschen von ihrer Arbeit bei adidas berichten?

In den Verträgen der Leiharbeiter steht: "Die Verteilung der wöchentlichen Arbeitszeit richtet sich nach den Gegebenheiten im Kundenbetrieb." Das heißt, sagen die Arbeiter, dass sie oft ihren Supervisor anrufen oder gleich zum Werk fahren müssen, weil eh niemand ans Telefon geht oder auf SMS reagiert. Sie müssen fragen: "Arbeite ich heute?" Adidas bestreitet das. "Die Mitarbeiter erfahren in der Vorwoche, wie die Schichtpläne für die nächste Woche aussehen."

Die Arbeiter sagen, es gebe Dienstpläne, aber auch wenn sie eingeteilt seien, heiße das nicht unbedingt, dass sie wirklich arbeiten dürften. Manchmal würden sie sofort oder nach einigen Stunden wieder nach Hause geschickt. Adidas behauptet hingegen, die Planungen seien "im Großteil der Fälle verlässlich".

Die Arbeiter, mit denen die ZEIT gesprochen hat, kennen alle den "Abruf". Bei Abruf, sagen die Arbeiter, müssten sie den ganzen Tag per Handy erreichbar sein. Von zu Hause bewege man sich besser nicht weg. Wenn der Anruf komme, müssten sie kurz darauf im Werk sein. Konfrontiert mit diesen Vorwürfen, sagt adidas, es gebe gar keinen Bereitschaftsdienst. Beim Personaldienstleister Olympia könne man sich freiwillig melden, wenn man eine Stunde vor und nach Schichtbeginn erreichbar sei.

Im Werk allerdings sind offen Zettel ausgehängt. "Abruf", steht da, in Rot und auf Deutsch, dann heißt es auf Polnisch: "Person sollte den ganzen Tag telefonisch erreichbar sein." Den ganzen Tag, das heißt, die Arbeiter sind eigentlich immer im Dienst. Manchmal, sagen sie, würden sie mitten in der Schicht angerufen und müssten noch für ein paar Stunden kommen. Adidas sagt: "Bei Olympia kann bei Änderung der Auftragslage ein Anruf erfolgen, es gibt allerdings keine Verpflichtung (freiwillig)." Der ZEIT liegen aktuelle Fotos vor, die die Aushänge zeigen. Mehrere Arbeiter bestätigen, dass die Fotos im adidas-Gebäude aufgenommen wurden.

Für das Warten, sagen die Arbeiter, gibt es kein Geld. Das ist unzulässig, argumentiert der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB). "Nur weil man nach Hause geschickt wird, ist das noch lange keine Freizeit", sagt DGB-Rechtsexpertin Marta Böning. "Bereitschaftsdienst ist Arbeitszeit und muss zumindest mit dem Mindestlohn entlohnt werden."

Offiziell hat keiner der interviewten Arbeiter Überstunden gemacht

Bekommen die, die arbeiten, den Mindestlohn, 8,50 Euro pro Stunde? "Natürlich", sagt Roma Korytkowska. "Es kommt halt darauf an, was man glaubt, wie viele Minuten eine Stunde hat." Für sie und einige Kollegen ist rätselhaft, was mit den vielen Stunden passiert, die sie arbeiten. Roma Korytkowska arbeitet nach ihren eigenen Aufzeichnungen im Monat bis zu 30 Stunden mehr, als in ihren Lohnauszügen stehen. Viele Überstunden, sagt Roma Korytkowska, "wandern aufs Arbeitszeitkonto". Nur kehrten sie von dort nie wieder zurück. In den Gehaltsabrechnungen der Arbeiter ist allein eine tägliche Stundenanzahl erfasst, nicht Arbeitsbeginn und -ende. Nachtschichten werden nicht extra ausgewiesen. Auch Überstunden tauchen nicht auf – geht man nach den Abrechnungen, hat keiner der Arbeiter, die hier zu Wort kommen, mehr als acht Stunden gearbeitet. Dies sei aber der Fall, beteuern die Arbeiter, die mit der ZEIT gesprochen haben. Adidas sagt, es gebe sehr wohl einen Stundenzettel, auf dem die genaue Stundenübersicht ersichtlich sei. Dieser Stundenzettel sei online für die Mitarbeiter einsehbar. Der Link samt Informationen über dieses System werde allen Mitarbeitern zu Beginn des Arbeitsverhältnisses mitgeteilt. Die Arbeiter sagen, davon hörten sie zum ersten Mal, sie hätten diesen Link bis heute nicht erhalten. Fest steht: Wenn der Arbeitnehmer lediglich die Summe der Arbeitszeit ausgewiesen bekommt, bleibt für ihn unklar, ob wirklich die richtige Stundenzahl aufgelistet wurde.

Wenn sie in dem riesigen Werk zehn Minuten lang zu einem anderen Einsatzort laufen soll, wird ihr diese Zeit nicht bezahlt, sagt Roma Korytkowska. Adidas bestätigt, dass die sogenannte Wegezeit nicht entlohnt wird. Monatlich kommt Roma Korytkowska im Schnitt auf gut 1.000 Euro netto.

Sie arbeitet in drei verschiedenen Schichten, mitunter neun oder sogar zwölf Tage am Stück. Der ZEIT liegen Schichtpläne vor, nach denen auch Roma Korytkowska eingeteilt wird. Adidas bestreitet, dass die Arbeiter neun Tage am Stück arbeiten.

"Ich habe keinen Namen, ich bin nur eine Nummer"

So sehr leiden die Arbeiter unter ihrer Tätigkeit bei adidas, dass sie sogar den Unfall einer Kollegin in einen Zusammenhang mit den Arbeitsbedingungen bringen. Eine junge Mutter, 33 Jahre alt, Türkin, stieg nach der Nachtschicht am 24. Februar dieses Jahres ins Auto, an einem Dienstagmorgen. Sie überholte einen anderen Wagen, kam von der Fahrbahn ab, fuhr gegen einen Baum und war wenige Stunden später tot. Roma Korytkowska und eine weitere Arbeiterin sagen, das Unfallopfer habe ihnen kurz vor dem Tod gesagt, es sei so müde, dass es nicht mehr stehen könne. Georg Linke von der Polizei Osnabrück, der die Unfalldetails bestätigt, sagt, die Polizei könne nicht feststellen, warum jemand an den Baum gefahren sei. Adidas sieht die Sache ganz klar. "Der tragische Unfall stand in keinem Zusammenhang mit der Arbeitstätigkeit der Mitarbeiterin", sagt das Unternehmen, und dass adidas die Familie mit der Auszahlung einer Hinterbliebenenversicherung unterstütze.

Roma Korytkowska sagt: "Arbeiten bei adidas, das ist die Hölle."

Roma Korytkowska ernährt ihre Familie mittlerweile allein. Sie ist laut und stürmisch, sie sagt, wenn ihr etwas nicht passt. Was ihr missfällt, räumt sie unerschrocken zur Seite, zumindest versucht sie es. Sie wacht früh auf, geht spät zu Bett, hält es nie lange auf einem Stuhl aus. Sie ist wie ein Kraftwerk, das keine Betriebspausen kennt. Sie ist gelernte Grafikdesignerin, in Polen hat sie Kunst studiert. Sie hat in Polen, den Niederlanden, Italien, Norwegen, Schweden und Dänemark gearbeitet, in Bäckereien und in Hotels, in Kunststoff- und in Textilfabriken. 2010 zog sie nach Niedersachsen und schlachtete Hühner für die Firma Wiesenhof.

Roma Korytkowska ist eine unter Tausenden – einer versprengten Masse von Arbeitern, die nichts verbindet, keine gemeinsame Zukunft, nicht einmal eine gemeinsame Geschichte. Im Westeuropa der Nachkriegszeit hat es so etwas noch nicht gegeben. Diese Menschen stecken unsere Kleidung in Pakete und verschicken sie, hüten unsere Kinder und pflegen unsere Alten, sie zerlegen unser Fleisch, waschen unsere Autos und putzen unsere Wohnungen. Aber wir wissen nicht, woher sie kommen, was sie wollen und wie wir sie nennen sollen. Sie werden immer mehr, doch wir stehen ihnen ausdruckslos gegenüber.

Menschen wie Roma Korytkowska sind keine Gastarbeiter wie früher Türken oder Italiener, die kamen, um lange zu bleiben. Menschen wie Roma Korytkowska bewegen sich durch ganz Europa und lassen sich dort nieder, wo sie arbeiten können, aber nur für kurze Zeit. Sie ziehen schnell weiter, der Arbeit hinterher. Als Europäer haben sie das Recht dazu, Juristen nennen es das Recht auf Freizügigkeit, und doch werden sie oft von Firmen zur Leiharbeit oder Werkvertragsarbeit angestellt und ausgebeutet. Ihre Freiheit ist keine Freiheit, sie wird nur so genannt, sie führt ins Prekariat. Sie sind hochflexible, mobile Arbeiter.

Diese Hilfsarbeiter schleichen über die Hinterhöfe europäischer Fabriken, sind unauffällig gekleidet, tauchen in Geschäften und Büros auf und bitten zaghaft um Jobs. Sie erledigen die gleiche Arbeit wie ihre anständig bezahlten Kollegen, und sie wagen meist nicht, sich über das Unrecht zu beschweren. Man weiß nicht viel über sie. Sie stehen im Schatten der fest angestellten Arbeiter, meist ist von ihnen nichts zu sehen.

Roma Korytkowska ist eine Unsichtbare, die sich bemüht, einen Ausweg zu finden. Sie versucht es mithilfe der Sprache, ihr Deutsch steckt voller Dynamik. Sie sagt "spazieren" oder "wandern", wenn sie eigentlich etwas anderes meint, den Gang zum Arzt zum Beispiel, die vom Zeitarbeitskonto verschwundenen Stunden oder ein Paket, das auf dem Band rollt. Sie kann erzählen, in welchen Gegenden die Arbeiter in Baracken gepfercht und wo sie freundlich aufgenommen werden. Wo sie ihren Lohn erhalten und wo nicht. Wahrscheinlich wissen nur wenige Menschen über die Arbeitsbedingungen in europäischen Fabriken so gut Bescheid wie Roma Korytkowska. Wer im Schatten steht, der entwickelt ein feines Gespür für die Zumutungen der Schattenindustrie.

Wo ist es am härtesten, Frau Korytkowska? "In Deutschland", sagt sie, ohne zu zögern. "Ich habe keinen Namen, ich bin nur eine Nummer. Eine Stempelnummer. Eine Personalnummer. Ein Mensch bin ich nicht."

Manche Arbeiter sind Schlimmes gewohnt – aber von adidas?

Die Ankunft im Mehrbettzimmer, die harte Arbeit in der Geflügelschlachterei, der unregelmäßig gezahlte Lohn. Roma Korytkowska war schon fast auf dem Weg nach Norwegen, als sie bei Freunden einen Mann kennenlernte, Rainer Busch, einen Deutschen. Seinetwegen ist sie geblieben. Sie ist mit ihm zusammengezogen und hat die Wohnung liebevoll eingerichtet. Jedes Mal, wenn Besuch kommt, tischt sie Unmengen an Essen auf. Es ist, als wolle sie sich so weit wie möglich von ihrem Leben im Mehrbettzimmer distanzieren.

Das Argument, dass es anderswo noch schlimmer ist als bei adidas, kennt Roma Korytkowska – und weiß, dass es stimmt, aus eigener Erfahrung. Von adidas allerdings, der Glitzermarke, hätte sie nie erwartet, was sie nun erlebt. So wie ihr geht es vielen Unsichtbaren, deutschen und nicht deutschen, die jetzt gegen adidas aufstehen. Sie alle können nicht fassen, dass die Firma, die sie so behandeln lässt, tatsächlich diese Weltmarke ist.

Der Erste aus der Familie, der entlassen wird, ist Roma Korytkowskas Sohn, Tomek*, 21 Jahre alt. Ein Paket von der obersten Regalreihe knallte ihm auf den Kopf. Das Paket, schätzt Tomek, wog etwa 20 Kilo, und es fiel, sagt er, mit ziemlicher Wucht.

Dann, so scheint es, machte der Supervisor zunächst alles richtig. Er suchte nach Roma Korytkowska, Tomeks Mutter.

"Dein Sohn hatte einen Unfall."

"Was?"

"Du hast fünf Minuten Zeit."

"Die Leute werden weggeschmissen"

Fünf Minuten, sagt Roma Korytkowska, reichten aber nicht aus, um den Sohn ins Krankenhaus zu bringen und rechtzeitig zurück im Werk zu sein. Also musste Tomek warten. Auf einem Stuhl saß er im Werk. Fünf Stunden lang. Dann brachte seine Mutter ihn nach Hause. Zum Arzt, sagt er, wollte er nicht: "Ich hatte Angst, sofort gekündigt zu werden." Aber als er wenig später immer noch Sehstörungen hatte, vertraute er sich einem Arzt an. Die ärztliche Bescheinigung liegt der ZEIT vor. Kurz darauf bekam Tomek einen Brief, während er – wegen einer Magen-Darm-Grippe – krankgeschrieben war. Es war seine Kündigung. Adidas sagt, alle Unfälle am Arbeitsplatz würden erfasst, ein Arbeitsunfall von Tomek sei dem Unternehmen nicht gemeldet worden. Der Rettungsdienst werde immer gerufen und Mitarbeiter nicht alleine nach Hause entlassen. Tomek sagt: "Adidas macht krank."

Rainer Busch, der deutsche Lebensgefährte von Roma Korytkowska, hat vor dem Job bei adidas eine Umschulung zum Lagerlogistiker gemacht. Er kann Lastwagen beladen und Gabelstapler fahren. Er ist ein Experte für den Wareneingang. Dort wurde er aber bei adidas nie eingesetzt. Rainer Busch wurde Picker. Das bedeutet, er hat Packlisten zu lesen, Pakete in Regalen zu suchen, einzusammeln, zu scannen und in Kartons zu stecken, so lange, bis der Wagen voll ist. Neun Kartons passen auf einen Wagen. 25 Wagen, sagt Rainer Busch, muss man pro Schicht schaffen. "Das ist anstrengend, weil die Pakete oft in weit voneinander entfernten Regalen liegen und man häufig minutenlang warten muss, wenn die Regale von den Gabelstaplerfahrern neu beladen werden. Aber ich habe mein Pensum immer geschafft." Adidas behauptet, den Mitarbeitern werde keine Mindestmenge an Kartons vorgegeben.

Am 11. Februar dieses Jahres, nach nicht einmal zwei Monaten, wurde Rainer Busch gekündigt, ohne Angabe von Gründen. Er lebt jetzt von Hartz IV und ist oft allein in der Wohnung. Die Familie wird sie sich wohl nicht mehr lange leisten können, der Verdienst von Roma Korytkowska reicht nicht aus.

Eine Kampagne für adidas, Rainer Busch? "Adidas ist eine totale Enttäuschung."

Viele von ihnen, sagen die Unsichtbaren, werden entlassen, meist noch in der Probezeit. Die Gewerkschaft IG BCE spricht von "einer starken Fluktuation". Mit diesen Vorwürfen konfrontiert, sagt adidas, dass es, wenn überhaupt, nur vereinzelt Kündigungen von Menschen mit unbefristeten Verträgen gab. Aber auch Rainer Busch, Roma Korytkowskas Sohn und dessen Lebensgefährtin sowie zwei weitere Arbeiter, deren Unterlagen der ZEIT vorliegen, gehören zu den Gekündigten. Sie waren alle unbefristet angestellt.

Kündigen darf man. Aber die Arbeiter verstehen nicht, warum sie entlassen und auf eine Weise behandelt werden, die sie als demütigend empfinden. "Die Leute werden weggeschmissen", sagt Roma Korytkowska. Das Unternehmen muss sich um Nachschub offenbar nicht sorgen. Jeden Monat, sagt Roma Korytkowska, kommen neue Unsichtbare: "Das ist ein großer Name, adidas."

Das adidas-Dienstleister Manpower ist einer der drei größten Personaldienstleister der Welt, es war 1948 die erste Zeitarbeitsfirma, heute gibt es 3.100 Niederlassungen in 80 Ländern. Auch in Deutschland ist Manpower groß, 140 Standorte und 19.000 Mitarbeiter, die Firma macht 576 Millionen Euro Umsatz.

Der Deutschland-Chef von Manpower, Herwarth Brune, hat sich vor Kurzem in eine wichtige deutsche Debatte eingemischt, die Flüchtlingsdebatte. Der Vorschlag des Manpower-Chefs war unkonventionell. "Wenn wir die Möglichkeit hätten, Flüchtlinge relativ schnell in Jobs zu bringen, das wäre doch sensationell – für alle", sagte er in der Welt. "Warum nicht schon anfangen, bevor das Verfahren entschieden ist?" Manpower sei sogar bereit, sich in einem Pilotprojekt mit der Bundesagentur für Arbeit die Kosten für Sprachkurs und Eingliederungsmanagement zu teilen, wenn man die Flüchtlinge dann auch unter Vertrag nehmen dürfe. Das klang großzügig und gut. Brune sprach von "Win-win-win" für alle Beteiligten.

Roma Korytkowska hat bei adidas Marta Ludolf kennengelernt, eine blonde Polin, die exzellent Deutsch spricht. Zuvor hatte Marta Ludolf mit Kindern und Behinderten gearbeitet, sie lebt seit 20 Jahren in Niedersachsen, ihre beiden erwachsenen Söhne wohnen ganz in ihrer Nähe.

Ende November begann Ludolf bei adidas, und so etwas, sagt sie, habe sie noch nie erlebt. Sie hätte es besonders in Deutschland nicht erwartet, schon gar nicht von adidas. Auch sie war Picker, musste Pakete sammeln und in Kartons packen. Zehn Kilometer Fußweg pro Schicht.

Nach fast vier Monaten, Mitte März dieses Jahres, ging Marta Ludolf zu ihrem Chef. 97 Stunden hatten sich auf ihrem Arbeitszeitkonto angesammelt. 35 davon wollte sie ausbezahlt haben. "Kein Problem", habe ihr der Chef gesagt.

Am folgenden Tag fand Marta Ludolf ihren Namen nicht auf der Liste.

"Habe ich frei?", fragte sie den Chef.

"Ja, auch nächste Woche", habe der erwidert. Der Brief mit der Kündigung lag kurz danach in ihrem Postkasten.

Falsche Versprechungen, furchtbare Wohnungen, willkürliche Kündigungen

"Ich wusste das ja nicht, dass ich nicht nach Überstunden fragen darf", sagte sie. "Klar, man darf wahrscheinlich nicht fordern, dass alle ausgezahlt werden. Aber ich dachte, ein Drittel, das ist okay."

Adidas sagt, dem Unternehmen liege "kein Antrag auf Auszahlung" vor.

Vlatko Utkovski hat für den Job bei adidas seine Eigentumswohnung in Beckum, Nordrhein-Westfalen, verlassen und ist nach Niedersachsen gezogen. "Ich war so zufrieden", sagt er, "ein Job bei adidas, ein großer deutscher Name!" Sein erster Arbeitstag begann um 22 Uhr, Nachtschicht. Eine Kollegin zeigte ihm die Computer, Scanner und Drucker. Am zweiten Arbeitstag war die Kollegin nicht mehr da, und Vlatko Utkovski wusste nicht, was er machen sollte, auf dem Computer war plötzlich ein anderes Programm zu sehen. "Was ist das für ein Programm?", fragte er die Frau neben sich, immer wieder, bis ein Supervisor vor ihm gestanden und ihn gefragt habe:

"Was ist dein Problem?"

"Ich habe kein Problem. Ich wollte nur wissen, mit welchem Programm wir arbeiten."

Die Leiharbeitsfirmen verhängen eine monatelange Urlaubssperre

Der Supervisor, sagt Vlatko Utkovski, habe daraufhin die Hände gehoben und geschrien: "Raus!"

"Was ist passiert?", habe er, Vlatko Utkovski, erschrocken gefragt.

"Keine Bewegung. Bleib dort auf der Stelle stehen."

Der Supervisor habe zwei weitere Männer herbeigepfiffen, von drei Seiten hätten sie ihn umringt und festgehalten. Die Männer von den Ameisen seien es gewesen, sagt Vlatko Utkovski, so nennt man in der Logistikbranche Beförderungsgeräte. "Wie einen Schwerverbrecher haben sie mich behandelt", sagt Vlatko Utkovski. "Und alle haben es gesehen."

Adidas sagt, man könne den Fall nicht kommentieren, weil der Supervisor krankgeschrieben sei.

Man bekommt eine Ahnung davon, wie verletzt sich Vlatko Utkovski fühlt, wenn er wieder und wieder erzählt, wie die Episode sich zugetragen habe. Der Arzt hat ihm Tranxilium verschrieben, sehr starke und abhängig machende Beruhigungstabletten, die man bei akuten Angstzuständen verabreicht.

Vlatko Utkovski, Marta Ludolf, Roma Korytkowska und ihre Familie wurden von Manpower angestellt. Natalia* ist eine von den Arbeitern, die bei der anderen Zeitarbeitsfirma, Olympia, beschäftigt sind. Sie ist oft nachts eingesetzt. Sie habe, sagt sie, keine Kraft mehr. Sie würde gern wegfahren, aber sie dürfe nicht, seit Monaten bekomme sie keinen Tag Urlaub, sagt sie. Ihrem Freund, der neben ihr sitzt, sagt, ihm gehe es genauso. Adidas sagt, das stimme nicht, die Mitarbeiter bekämen Urlaub. Offenbar hat der Konzern keinen Überblick über das Treiben der Zeitarbeitsfirmen. Der Dienstleister Olympia allerdings fühlt sich so sicher in seinem Tun, dass er seine Regeln auf Zettel gedruckt und im adidas-Werk ausgehängt hat. "Achtung", steht da auf Polnisch: "Im Mai werden alle geplanten Urlaubsanträge kurz vor Urlaubsbeginn entschieden. Für die Monate Juni, Juli und August werden keine Urlaube genehmigt. Vom heutigen Tag an werden keine neuen Urlaubsanträge für diesen Zeitraum angenommen." Der ZEIT liegen aktuelle Fotos vor, die diese Aushänge zeigen. Mehrere Arbeiter bestätigen, dass die Fotos im adidas-Gebäude aufgenommen wurden.

Viele der Unsichtbaren, die von Olympia beschäftigt werden, leben in Mehrbettzimmern, die ebenfalls von Olympia vermietet werden. Zwei der Arbeiterinnen konnten nicht persönlich zum Treffen mit der ZEIT erscheinen, nachdem sie mit der Kündigung auch ihren Schlafplatz verloren hatten und bereits im Bus zurück in die Heimat saßen. Adidas sagt, niemand werde vor die Tür gesetzt.

Otto ist ein europaweit operierendes Unternehmen, Olympia die deutsche Tochter. Als das adidas-Werk in Rieste gegründet wurde, hatten in ganz Europa bereits Arbeiter gegen Otto protestiert. In den Niederlanden, in Polen beschwerten sich die Arbeiter über den Personaldienstleister, bei Organisationen, in Zeitungsartikeln. Noch heute ist das Internet voller Berichte dieser Menschen. Die ersten Einträge stammen aus dem Jahr 2011. Die Beschwerden ähneln denen der adidas-Arbeiter: falsche Versprechungen, furchtbare Wohnungen, willkürliche Kündigungen, unbezahlte Mehrarbeit.

Soll also niemand sagen, auch nicht die Traditionsfirma mit den drei Streifen, "der attraktivste Arbeitgeber in Deutschland", es habe keinen Grund zum Misstrauen gegeben.

* Name geändert

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