Sie ließ sich auf dem Stuhl am Kopfende des Esszimmertisches nieder und stützte sich dabei mit den Händen ab. Dann griff sie den Kuli, den ich ihr reichte. Sah auf die Blätter vor ihr. Legte den Kuli langsam zurück auf den Tisch. Sie zog die bedruckten Blätter auseinander, wie um darin zu lesen, aber strich nur fahrig mit den Fingern darüber. Legte die Blätter wieder zusammen. "Ich will das nicht", sagte sie und wiederholte nach einigen Momenten: "Ich will das eigentlich nicht." Ich stand schräg hinter ihr. Der gebeugte Rücken. Wie klein sie geworden war. Sie atmete schwer. Setzte noch einmal zum Sprechen an. Ich glaube, sie sagte: "Du zwingst mich." Dann, nach einer quälend langen Minute, nahm meine Mutter den Kuli erneut und unterschrieb den Heimvertrag. Sie wurde still. Ich nahm die Blätter. Wollte sie beruhigen oder vielleicht mich: "Es ist nur zur Sicherheit." Und ich hätte viel darum gegeben, ihr diesen Moment zu ersparen. Natürlich hatte ich Druck gemacht. Ich hatte meine Mutter ins Heim gesteckt.

Hätte ich warten sollen, einen Tag, eine Woche, einen Monat? Ihr Zeit geben, wo sie so langsam geworden war? Das Heim war beliebt. Es lag in unserer Nähe. Das überzeugte. Mich.

Bald nach der Unterschrift trat sie den Weg ins obere Stockwerk an, zur Nacht ins Gästezimmer, wo sie seit zwei Monaten untergebracht war. Sie schlief schlecht. Heute würde sie vielleicht gar nicht schlafen können. Vor der Treppe hatte sie Angst, morgens und abends. Sie war zu schwach geworden zum Treppensteigen. Das Gleichgewicht war gestört. Nächste Woche, am Karfreitag, würde ich sie wegbringen.

In ihren letzten neun Monaten ist das ganze Lebenshaus meiner Mutter eingestürzt. Ich wollte ihr eine neue Heimat anbieten. Aus der Heimat wurde ein Heim. In Gedanken hatte sie ein Heim immer weit weggeschoben.

Hätte es eine andere Möglichkeit gegeben? Hätte ich ihr anders zureden müssen, wieder in ihr Haus zu gehen, die leere Dachgeschosswohnung herzurichten und eine Polin aufzunehmen, die nach ihr sah? Sie hatte es abgewehrt. Wollte nicht, dass jemand einfach in ihre Wohnung kommen konnte. Ich wollte nicht, dass sie allein ist, 100 Kilometer von ihren Kindern weg und so krank, dass sie den ganzen Tag Hilfe brauchte.

Dafür hatte ich mit meiner Frau vor acht Jahren ein Haus mit Einliegerwohnung gekauft. Wenn einer der Eltern starb, wollten wir dem andern anbieten können, zu uns zu kommen. Jedes Kind hat ein Haus, aber keins hat Platz für alte Eltern – das sollte bei uns anders sein. Doch als die Zeit kam, war es zu spät für die Wohnung. Zudem lag sie am Hang, und meine Mutter schaffte keine Treppen mehr.

Der Einsturz begann Ende November, nach einem Termin beim Notar. Sie sollte meinem Bruder und mir ihr Haus übertragen, das ihr über den Kopf wuchs. Ich holte sie ab. Der Vertrag war vorbereitet. Sie schien guter Dinge zu sein, ein bisschen still vielleicht. Der Notar schüttelte uns routiniert die Hände und las routiniert den Vertrag vor, vom ersten bis zum letzten Wort. Ich bemerkte, dass ihr Kopf gegen Ende leicht vornüberkippte. Als der Notar fragte, ob wir alles verstanden hätten, antwortete sie nicht. Er sprach sie an und fragte nach. Sie brachte mit Mühe ein "Ja" heraus. Und sie griff neben den Kuli, als sie unterschreiben sollte. Wieder kippte der Kopf vornüber. Sie fand die Zeile zum Unterschreiben erst, als der Notar ein Lineal darunterlegte.

Abends, bei ihr zu Hause, musste ich sie fast hineintragen. In ihrem Zimmer schienen ihr die Sinne noch weiter zu schwinden. "Lass mich doch", sagte sie schwach und ohne Grund, und sie sagte es in der Sprache ihrer Kindheit, dem Platt der nordnassauischen Dörfer. War es über ihre Kräfte gegangen, das Haus abzugeben? War sie im Innern in die Vergangenheit geflüchtet? Ich bettete sie und beschloss, über Nacht zu bleiben.

Am nächsten Morgen rief ich im Krankenhaus an. Sie regte sich kaum noch, aber sie atmete regelmäßig. Der Arzt in der Notaufnahme stand vor einem Rätsel. Sie sank in ein Koma. Die Ärzte fanden keine Ursache. Ich blieb drei Tage. An einem Montag, als ich zur Arbeit aufbrechen musste, schlug sie die Augen wieder auf. Sagte undeutlich meinen Namen. Ich musste meine Hand aus ihrer ziehen und mich verabschieden.

Nach zwei Wochen fiel sie erneut ins Koma und kam in ein fremdes Stadtkrankenhaus. Es dauerte wieder drei Tage, und sie brauchte noch länger zum Aufwachen. An Weihnachten war sie wieder ansprechbar. Ich habe tagelang an ihrem Bett gesessen. Wir kämpften um einen Rehaplatz, der für uns erreichbar war. Ich telefonierte mit ihr, als die Sinne sich wieder verabschiedeten, schrie Oberärzte an, die sie operieren wollten, ohne ihre Krankengeschichte zu kennen. Erkämpfte mir den Zugang zur Intensivstation. Trug ihr die große Einkaufstasche mit den Krankenhaussachen nach. Zuletzt fand ein alter, erfahrener Arzt heraus, was ihr fehlte. Die Leber versagte. Die Zuversicht war weg, die sie sonst vor sich hertrug.