Es ist tief in der Nacht, als sich Dirk Nockemann an den Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer setzt und seinen Tablet-Computer anknipst. Nockemann hat einen langen Arbeitstag hinter sich. Aber die Uhrzeit ist ihm egal an diesem Mittwoch Ende April. Die Sache ist ihm wichtig. Nockemann ist stellvertretender Landeschef der Alternative für Deutschland, und er bebt vor Ärger. Er muss jetzt etwas klarstellen und beginnt zu tippen. Die Zeilen werden ein Frontalangriff gegen Jörn Kruse, seinen Chef.

"Sehr geehrter Herr Prof. Kruse", schreibt Nockemann, obwohl die beiden seit Jahren Du zueinander sagen. Er habe sich immer hinter ihn, Kruse, gestellt. Stets habe er ihn "offen und kompromisslos" gegen innerparteiliche Gegner unterstützt. Nach dem Rücktritt des AfD-Bundespolitikers Hans-Olaf Henkel habe er dafür plädiert, dass niemand die Personalie für seine Zwecke instrumentalisiere. Genau das habe Kruse jedoch in Interviews getan, indem er dem rechten Flügel die Schuld gab. "Sie haben wiederholt ohne Not Öl ins Feuer gegossen", schreibt Nockemann. Kruse habe "aus reinem Machtkalkül" gegen die Interessen seiner eigenen Partei gearbeitet. Dann tippt Nockemann den Schlussabsatz ein: "Da Sie offensichtlich überfordert sind, Ihre Aufgabe ›Versöhnen statt Spalten‹ wahrzunehmen, werde ich zukünftig nicht länger auf Ihrer Seite stehen."

Um 1.15 Uhr klickt der 57-Jährige auf Senden. Die Nachricht geht an alle wichtigen AfD-Funktionäre der Stadt, wenig später werden erste Auszüge in den Zeitungen stehen.

Nockemanns E-Mail ist der vorläufige Höhepunkt eines Lagerstreits in der AfD, der die junge Partei zerreißen könnte, kaum dass sie in die Bürgerschaft eingezogen ist.

Es ist ein Kampf um Inhalte, vordergründig zumindest. Soll sich die Partei auf ihre Gründungsthemen konzentrieren, also auf Euro-Kritik oder Steuerpolitik? Für diese Richtung steht Jörn Kruse, der pensionierte Professor. Oder müssen künftig andere Fragen im Vordergrund stehen, Kriminalität, innere Sicherheit, Asylpolitik? Dafür steht Nockemann, der Provokateur. Es ist die Hamburger Variante des Konflikts zwischen Wirtschaftsliberalen und Rechtskonservativen, der die AfD gerade bundesweit erschüttert. Der Kampf der Inhalte ist in Hamburg vor allem aber auch ein Kampf der politischen Charaktere, zweier Politikertypen, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 21 vom 21.5.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Nockemann ist ein stramm konservativer Politikprofi, der gern über die Grenze des Rechtspopulismus prescht. Er war Ronald Schills Büroleiter und, als der entlassen wurde, ein halbes Jahr lang Innensenator, weshalb er sich Senator a. D. nennt. In seinen Reden zieht er über den "Schandfleck Rote Flora" her oder prangert den "linksradikalen Mob" an. Sein Ton ist hart, klar, bisweilen schneidend. Der Verwaltungsjurist, der als Abteilungsleiter in der Hamburger Bildungsbehörde arbeitet, strotzt vor politischer Aggressivität. Politische Gegner sagen über ihn, er arbeite mit "Ekelfaktor" und gebe sich Mühe, seine Gegner "persönlich anzugreifen". Nockemann hat kein Problem damit, am Rand zu stehen.

Kruse hingegen: ein ehemaliger Professor der Wirtschaftswissenschaften, Eppendorf, Establishment. Sein Ton ist höflich, professoral, bisweilen ausschweifend. Kruse will gemocht und akzeptiert werden, in seiner ersten Rede in der Bürgerschaft lächelte er den Bürgermeister an und wünschte ihm eine glückliche Hand. Kruse will kein Außenseiter sein.

Nockemann, sagen sie in der Fraktion, trinke gern mal ein Bier, gebe sich "volksnah". Kruse hingegen sei Weintrinker und ein Mann der Bücher. Lange Zeit verstanden sich die beiden trotzdem ganz gut. Heute sagt Nockemann: "Wir grüßen uns schon noch. Aber man klopft sich nicht mehr auf die Schulter und ruft ›Hallo, Jörn!‹"

Kruse sagt: "Es ist nicht so, dass wir uns jedes Mal umarmen, wenn wir uns sehen."