Aus Hochschule und Forschung: Neue Studie: Wie gewinnt man Arbeiterkinder für das Studium?

Das Gerede von der Akademikerschwemme ärgert Katja Urbatsch. Es muss ja nicht jeder studieren! Die Ersten, die das zu hören bekämen und auch glaubten, seien die Arbeiterkinder. Die würden sich das nicht zweimal sagen lassen und zurück in ihr Schneckenhaus flüchten. Dort hat schließlich auch niemand studiert. Genau das will Katja Urbatsch mit ihrer Initiative Arbeiterkind.de ändern. Sie kämpft gegen die Abhängigkeit von Herkunft und Bildungserfolg.

Vor allem die "Studierenden der ersten Generation" haben es an deutschen Hochschulen immer noch schwer. Ohne Vorbilder, ohne sozialen Rückhalt, meist ohne Rücklagen auf dem Konto. Katja Urbatsch hat selbst als Erste aus ihrer Familie studiert und erlebt, wie fremd man sich fühlen kann zwischen all den Kommilitonen, die genau wissen, was verlangt wird und wie man sich in Szene setzt. 2008 gründete sie Arbeiterkind.de, und zum siebten Geburtstag der Initiative liegt jetzt eine erste Evaluation ihrer Arbeit vor. Im Auftrag von Arbeiterkind.de und der Vodafone-Stiftung haben Forscher der FU Berlin und des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung zwei Instrumente der Initiative genauer untersucht: die Infoveranstaltungen an den Schulen, mit denen Arbeiterkind.de im Jahr 2014 etwa 11.500 Schüler erreicht hat – und das Infotelefon, bei dem sich pro Jahr rund 1.000 Anrufer melden. Es zeigte sich, dass die Schulveranstaltungen für einen klaren Wissensvorsprung der Teilnehmer gegenüber der untersuchten Kontrollgruppe sorgen.

Am Infotelefon werden all jene Fragen gestellt, auf die zu Hause niemand eine Antwort weiß. Wie finanziere ich ein Studium, wo gibt es Stipendien, wie bewerbe ich mich? Arbeiterkind.de schlüpft in die Rolle des großen Bruders, der Cousine, die in Akademikerfamilien solches Wissen weitergeben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 21.5.2015.

Die Studie zeigt aber: Das alles kostet Zeit. Um Einstellungsänderungen bei den Schülern zu erreichen, müsste sich die Initiative noch mehr mit deren persönlicher Situation auseinandersetzen. Regelmäßige Sprechstunden an Schulen wären eine Lösung, sagt Katja Urbatsch. Sie brauche dafür aber mehr Unterstützung aus der Politik. 6.000 Ehrenamtliche arbeiten für Arbeiterkind.de, es gibt Gruppen in 75 Uni-Städten. Geleitet werden sie von 14 Hauptamtlichen. Zu wenige, um die studentischen Mentoren zu schulen und für qualitativ gleichwertige Beratungsarbeit zu sorgen. Gleichzeitig beklagen die Ehrenamtlichen immer öfter, dass es schwieriger werde, sich für ihr Engagement an der Uni auch mal freizunehmen. Hier sollten die Hochschulen der Initiative entgegenkommen. Denn ohne Arbeiterkind.de wäre so mancher Platz in den Hörsälen gar nicht besetzt.

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