Was zeichnet gute Bücher aus? "Vor allem wahrhaftig sollten sie sein", sagt Matthias Koch. "Aber auch gut lesbar." Das erklärt, warum in Kochs Verlag die Erinnerungen Viktor Klemperers, der als Jude in Nazideutschland überlebte, ebenso Platz haben wie ein Buch namens Fuck the Möhrchen. Ein Baby packt aus. Das nennt man wohl: breites Programm.

Matthias Koch, das muss man dabei wissen, ist nicht Eigentümer irgendeines Verlages. Er besitzt ein Stück DDR-Geschichte, das bekannteste Buchhaus Ostdeutschlands, einst das literarische Flaggschiff des SED-Staats: Aufbau.

Heute ist Aufbau: ein Familienunternehmen, das Matthias Koch gehört. Ein Verlag, der, bevor Koch ihn übernahm, kurz vor der Pleite stand – aber nun, mit einer Mischung aus anspruchsvoller Literatur und leichterer Unterhaltung, rentabel arbeiten soll.

Wie macht man ein Haus wie dieses, auf das in den neunziger Jahren kaum jemand mehr eine Mark gewettet hätte, zu einem modernen, profitablen Unternehmen? Koch empfängt in seinem Büro in einer der oberen Etagen des Aufbau-Hauses am Moritzplatz, Berlin-Kreuzberg – Aufbau hat seinen Sitz längst im Westen der Stadt. Der schwere Schreibtisch, an dem Koch sitzt, ist – das berichten Journalisten gerne – mit hoher Wahrscheinlichkeit der von Gustav Kiepenheuer. Dessen 1909 gegründeter Verlag lebte nach dem Krieg in beiden Landesteilen weiter. Im Westen wurde Kiepenheuer & Witsch daraus. In der DDR wurde das, was vom Kiepenheuer-Verlag noch übrig war, irgendwann Aufbau angeschlossen.

So viel zur Patina. Koch ist Jahrgang 1943, aber noch gar nicht lange im Literatur-Geschäft. Er hat sein großes Projekt in einem Alter gestartet, in dem andere schon an den Ruhestand denken. 2008 kaufte er Aufbau. Davor war er jahrzehntelang Deutschlehrer an einem Gymnasium in Nordrhein-Westfalen gewesen, in Mülheim an der Ruhr. In den neunziger Jahren begannen Koch und seine Frau Ingrid, das Vermögen ihrer Familie in Immobilien anzulegen. Und sie hatten offenbar ein Händchen.

Koch ist ein agiler Mann, freundlich, aber nicht schüchtern. Stolz ist er auf seine Urkunde, die er nach 25 Jahren als Lehrer in Nordrhein-Westfalen bekommen hat. Als die Pensionierung anstand, sagt er, habe er sich die Frage gestellt: Was anfangen mit all der Zeit – und dem teils ererbten, teils selbst erwirtschafteten Wohlstand? Daran, einen Verlag zu kaufen, habe er, der Deutschlehrer, immer schon gedacht. Da stand auf einmal Aufbau zur Disposition.

Kannte er als Westdeutscher denn den Verlag noch von früher, aus DDR-Zeiten? Oh ja, sagt Koch, eine Tante in Dresden habe ihn regelmäßig mit Büchern aus dem Osten versorgt, auch denen von Aufbau. "Eines dieser Bücher besitze ich heute noch: Tom Sawyers Abenteuer und Streiche in einer illustrierten Ausgabe von 1952." An diesem Band hat er sechzig Jahre festgehalten. Später, als er an der Berliner Freien Universität Germanistik studierte, besuchte er regelmäßig den Osten der Stadt und investierte das Geld aus dem Zwangsumtausch in Bücher, wiederum gerne solche von Aufbau. "Ich habe damals die Literaturdebatten der DDR sehr aufmerksam verfolgt", sagt Koch.

Koch ist davon überzeugt, dass gerade die Tradition Stärke verleiht. Die Tradition von Aufbau jedenfalls ist einzigartig.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 21.5.2015.

Noch während der sowjetischen Besatzung, ergo vor der DDR gegründet, sollte dieser Verlag einstmals an die humanistische Tradition der Vorkriegszeit anknüpfen; zugleich den sozialistischen Neubeginn begleiten. Er sollte also die Freiheit hochhalten, ohne die es die Kunst des Worts nicht geben kann, und gleichzeitig eine staatsoffizielle Mission erfüllen. Ein Auftrag voller Widersprüche. Diese Sache ging mal gut, und sie ging mal schlecht. Ging sie gut, durfte Aufbau sich als Speerspitze einer freieren sozialistischen Gesellschaft fühlen. Ging sie schlecht, wanderte der Verleger, der sich dem Druck der Partei nicht beugen wollte, ins Zuchthaus; das passierte Walter Janka im Jahr 1956. Damals ging Koch noch zur Schule.

So ziemlich jeder DDR-Bürger besaß mehrere Aufbau-Bände, die Bücher erschienen in unvorstellbar großen Auflagen, so gut wie alle bedeutenden Schriftsteller der DDR publizierten hier. Christa Wolf und Christoph Hein, Anna Seghers, Erwin Strittmatter und Sarah Kirsch sind Aufbau-Autoren gewesen.

Was haben seine Bekannten im Westen dazu gesagt, dass er sein Geld in diesen Ost-Betrieb gesteckt hat? "Dass ich einen so renommierten Literaturverlag vor der Zerschlagung bewahren wollte, haben alle akzeptiert; dass ich ein so hohes wirtschaftliches Risiko einging, stieß allerdings auch auf Unverständnis", sagt Koch.