Gerne rühmt sich die Biennale in Venedig als wichtigste Kunstschau der Welt, unabhängig und richtungsweisend. In Wahrheit aber, das zeigte sich an den Eröffnungstagen, wird sie von Marktinteressen mitbestimmt. Nicht zufällig werden dort viele der gezeigten Künstler von großen Galerien vertreten. Denn diese Galerien sind es, die weite Teile der Biennale finanzieren. Auf Fragen der ZEIT dazu antwortete der diesjährige Chefkurator Okwui Enwezor bis Redaktionsschluss nicht. Mehrere Galeristen berichten jedoch, dass sie sechsstellige Euro-Summen in die öffentliche Ausstellung gesteckt haben – teilweise angeblich auf dringenden Wunsch der Kuratoren.

Kein Wunder also, dass die Kunsthändler die Biennale auch als Verkaufsausstellung nutzen. Galerien wie David Zwirner, Hauser & Wirth und Gagosian laden die Sammler, Kuratoren und Kritiker zu Festen in prunkvolle Hotels und Palazzi, andere verschicken Karten mit den Standorten der von ihnen vertretenen Kunst. Schon vor der Eröffnung berichteten Galeriedirektoren von sehr guten Verkäufen. Und Sammler beschwerten sich am Tag der Vernissage darüber, dass einzelne Pavillons bereits ausverkauft seien.

Die Biennale in Venedig ist die schönste Kunstmesse der Welt. Nur darf das offiziell niemand wissen, von den Deals erzählen die Galeristen bloß hinter vorgehaltener Hand, ihre Namen wollen sie nicht in der Zeitung lesen. Zwar wurde die Biennale vor genau 120 Jahren von einigen Künstlern als Verkaufsausstellung gegründet, doch 1968 musste das Verkaufsbüro in den Giardini schließen.

Vor der Eröffnung der Biennale, die noch bis zum 22. November läuft, hatte Okwui Enwezor in einem Interview mit dem Kunstmagazin Monopol die heutigen Ausmaße des Marktes als "monströs" bezeichnet. Der starke Kapitalfluss in die Kunst passe nicht zu den mickrigen Ressourcen der Biennale in Venedig, deren Budget viel kleiner sei als das der Documenta in Kassel. Da stellt sich selbstverständlich die Frage nach der Unabhängigkeit des Kurators: Muss er in seine Ausstellung möglichst viele solche Künstler einladen, die von solventen Galerien vertreten werden? Beeinflusst das finanzielle Engagement der Galerien auch die Präsentation der Kunstwerke innerhalb der Ausstellung?

Um die Unabhängigkeit des Kurators künftig zu stärken, sollte der italienische Staat die Biennale entweder mit einem angemessen großen Budget ausstatten. Oder aber wieder ein Verkaufsbüro in den Giardini einrichten. Dann nämlich wäre die Rolle des Marktes bei dieser Ausstellung für jeden transparent.