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An diesen 56 Seiten hängt alles: Sein Ruf, seine Zukunft, sein Leben. Es ist die Klageschrift "Paul Nungeßer gegen die Columbia-Universität". Sie beginnt mit der Feststellung: "Paul Nungeßer war ein außergewöhnlicher und talentierter Student. Er brillierte in den ersten zwei Jahren an der Columbia University, bis er Opfer der Mobbingkampagne einer Kommilitonin wurde. Die Universität ließ dies erst zu und unterstützte später diese Kampagne sogar."

New York, im Frühling 2015. Ein paar Tage bevor seine Klage im New Yorker Bezirksgericht eingereicht wird, läuft dieser Paul Nungeßer über den Campus der Columbia-Universität. Ehrwürdige Gebäude mit Säulen und Inschriften rahmen das Areal. Auf den Rasenflächen spielen Studenten Fußball, andere liegen mit einem Becher Kaffee in der Sonne.

So wie Paul es vor vier Jahren tat. Paul, der Überflieger aus Berlin, aus dem gutbürgerlichen Viertel Wilmersdorf, der sein Abitur an der Internationalen Schule in Swasiland ablegte. Paul, der Leistungssportler auf dem Rennrad. Paul, der Verantwortliche, der sich in Entwicklungshilfeprojekten engagierte. Und auch: Paul, der Feminist, der jetzt als Vergewaltiger weltberühmt ist. Verurteilt von der Öffentlichkeit, obwohl nie eine Schuld festgestellt wurde. Mit seiner Klage fordert er eine Wiedergutmachung von der Universität, vor allem aber möchte er gerichtlich feststellen lassen, dass Columbias Verhalten gegen ihn unrecht war.

Die Aktion hat Emma zum Star gemacht und Pauls Leben zerstört

Paul zeigt auf die Gebäude. Die Bibliothek, in der er früher seine Tage verbrachte und die er jetzt meidet. Das Studentenzentrum, in dem er erst arbeitete, dann verhört wurde. Das Studentenwohnheim, das der Tatort sein soll und aus dem er ausziehen musste. Immer wieder blickt er sich um. Für morgen ist ein neuer Aufmarsch der Aktivistinnen angekündigt. "Ich habe die Columbia per Mail um Personenschutz gebeten", sagt Paul. Die Universität hat abgelehnt, ihm aber die Nummer des Sicherheitsdienstes geschickt: 212-854-5555.

Paul Nungeßer ist erst 23 Jahre, aber er läuft gebückt. Ein blasser Junge, dessen Hemd leicht über dem Bauch spannt. Er sieht nicht aus wie ein Überflieger, ein Leistungssportler. Am Hudson River sinkt er auf eine Bank. "Hier können wir reden."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 21.5.2015.

Seine Geschichte fokussiert sich in diesem Bild: Eine Studentin schleppt ihre blaue Matratze über den Campus. Sie heißt Emma Sulkowicz, studiert Kunst und behauptet, auf so einer Matratze vergewaltigt worden zu sein – von Paul. Sie will die Matratze tragen, bis Paul von der Columbia University verwiesen sein wird.

Die Aktion mit dem Titel Carry That Weight hat Emma zum Star gemacht und Pauls Leben zur Hölle. Emma zierte mit ihrer Matratze das Cover des New York Magazine. Die Künstlerin Marina Abramović outete sich als Fan, eine Senatorin lud Emma zu Obamas "Rede zur Lage der Nation" ein, und Hillary Clinton erklärte: "Ihr Bild sollte uns alle verfolgen." Dass Paul zuvor von der Universität freigesprochen wurde und die Strafjustiz auf seinen Fall gar nicht erst einging, interessiert niemanden. Im Gegenteil: Die Universität adelte Emmas Matratze als Projekt und Abschlussarbeit in Bildender Kunst.

Pauls Geschichte klingt nach absurdem Theater. Doch sie ist kein Stück von Beckett, sondern gesellschaftliche Wirklichkeit.

Paul hat an der Columbia ein großzügiges Stipendium. Sein Studiengang Liberal Arts enthält von Literatur bis Architektur alles, was eine amerikanische Eliteuniversität zu bieten vermag. Anfangs genießt Paul das Uni-Leben. Er rudert, hat eine Radiosendung, einen Nebenjob als Techniker und gründet mit Freunden ein Film-Kollektiv. "Und dann", sagt er, "kam der 18. April 2013." An diesem Tag wird er in das "Büro für sexuelles Fehlverhalten" bestellt und erhält einen Brief: "Es besteht der Verdacht, dass Sie sich eines Verhaltens schuldig gemacht haben, das eine sexuelle Nötigung darstellt." Paul soll jemanden vergewaltigt haben. Er liest weiter: "... jeglicher Kontakt mit Emma Sulkowicz ist Ihnen hiermit untersagt." Unter Paul tut sich die Erde auf, so erzählt er es heute, er wankt nach Hause, in das Wohnheim der Studentenverbindung Alpha Delta Phi, dessen Mitglied er ist. Genau wie Emma.