Emma Sulkowicz nennt ihre Aktion "Carry that weight". © Andrew Burton/Getty

Read the English version of this text.

An diesen 56 Seiten hängt alles: Sein Ruf, seine Zukunft, sein Leben. Es ist die Klageschrift "Paul Nungeßer gegen die Columbia-Universität". Sie beginnt mit der Feststellung: "Paul Nungeßer war ein außergewöhnlicher und talentierter Student. Er brillierte in den ersten zwei Jahren an der Columbia University, bis er Opfer der Mobbingkampagne einer Kommilitonin wurde. Die Universität ließ dies erst zu und unterstützte später diese Kampagne sogar."

New York, im Frühling 2015. Ein paar Tage bevor seine Klage im New Yorker Bezirksgericht eingereicht wird, läuft dieser Paul Nungeßer über den Campus der Columbia-Universität. Ehrwürdige Gebäude mit Säulen und Inschriften rahmen das Areal. Auf den Rasenflächen spielen Studenten Fußball, andere liegen mit einem Becher Kaffee in der Sonne.

So wie Paul es vor vier Jahren tat. Paul, der Überflieger aus Berlin, aus dem gutbürgerlichen Viertel Wilmersdorf, der sein Abitur an der Internationalen Schule in Swasiland ablegte. Paul, der Leistungssportler auf dem Rennrad. Paul, der Verantwortliche, der sich in Entwicklungshilfeprojekten engagierte. Und auch: Paul, der Feminist, der jetzt als Vergewaltiger weltberühmt ist. Verurteilt von der Öffentlichkeit, obwohl nie eine Schuld festgestellt wurde. Mit seiner Klage fordert er eine Wiedergutmachung von der Universität, vor allem aber möchte er gerichtlich feststellen lassen, dass Columbias Verhalten gegen ihn unrecht war.

Die Aktion hat Emma zum Star gemacht und Pauls Leben zerstört

Paul zeigt auf die Gebäude. Die Bibliothek, in der er früher seine Tage verbrachte und die er jetzt meidet. Das Studentenzentrum, in dem er erst arbeitete, dann verhört wurde. Das Studentenwohnheim, das der Tatort sein soll und aus dem er ausziehen musste. Immer wieder blickt er sich um. Für morgen ist ein neuer Aufmarsch der Aktivistinnen angekündigt. "Ich habe die Columbia per Mail um Personenschutz gebeten", sagt Paul. Die Universität hat abgelehnt, ihm aber die Nummer des Sicherheitsdienstes geschickt: 212-854-5555.

Paul Nungeßer ist erst 23 Jahre, aber er läuft gebückt. Ein blasser Junge, dessen Hemd leicht über dem Bauch spannt. Er sieht nicht aus wie ein Überflieger, ein Leistungssportler. Am Hudson River sinkt er auf eine Bank. "Hier können wir reden."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 21.5.2015.

Seine Geschichte fokussiert sich in diesem Bild: Eine Studentin schleppt ihre blaue Matratze über den Campus. Sie heißt Emma Sulkowicz, studiert Kunst und behauptet, auf so einer Matratze vergewaltigt worden zu sein – von Paul. Sie will die Matratze tragen, bis Paul von der Columbia University verwiesen sein wird.

Die Aktion mit dem Titel Carry That Weight hat Emma zum Star gemacht und Pauls Leben zur Hölle. Emma zierte mit ihrer Matratze das Cover des New York Magazine. Die Künstlerin Marina Abramović outete sich als Fan, eine Senatorin lud Emma zu Obamas "Rede zur Lage der Nation" ein, und Hillary Clinton erklärte: "Ihr Bild sollte uns alle verfolgen." Dass Paul zuvor von der Universität freigesprochen wurde und die Strafjustiz auf seinen Fall gar nicht erst einging, interessiert niemanden. Im Gegenteil: Die Universität adelte Emmas Matratze als Projekt und Abschlussarbeit in Bildender Kunst.

Pauls Geschichte klingt nach absurdem Theater. Doch sie ist kein Stück von Beckett, sondern gesellschaftliche Wirklichkeit.

Paul hat an der Columbia ein großzügiges Stipendium. Sein Studiengang Liberal Arts enthält von Literatur bis Architektur alles, was eine amerikanische Eliteuniversität zu bieten vermag. Anfangs genießt Paul das Uni-Leben. Er rudert, hat eine Radiosendung, einen Nebenjob als Techniker und gründet mit Freunden ein Film-Kollektiv. "Und dann", sagt er, "kam der 18. April 2013." An diesem Tag wird er in das "Büro für sexuelles Fehlverhalten" bestellt und erhält einen Brief: "Es besteht der Verdacht, dass Sie sich eines Verhaltens schuldig gemacht haben, das eine sexuelle Nötigung darstellt." Paul soll jemanden vergewaltigt haben. Er liest weiter: "... jeglicher Kontakt mit Emma Sulkowicz ist Ihnen hiermit untersagt." Unter Paul tut sich die Erde auf, so erzählt er es heute, er wankt nach Hause, in das Wohnheim der Studentenverbindung Alpha Delta Phi, dessen Mitglied er ist. Genau wie Emma.

Die Kriminalpolizei wird nicht eingeschaltet

Paul hat die Kunststudentin 2011 kennengelernt. Sie stammt von der Upper East Side Manhattans, besuchte eine Eliteschule, beide Eltern sind Psychoanalytiker, die Familie hat jüdische, japanische und chinesische Wurzeln. Wie Paul ist Emma eine Athletin, Fechterin. Paul mag das Mädchen, das ihm so ähnlich ist und doch aus einer anderen Welt stammt. Im Frühjahr 2012 schlafen sie zweimal miteinander, entscheiden sich dann dafür, Freunde zu bleiben. Im August 2012 treffen sie sich bei einer Party und gehen auf Emmas Zimmer.

Pauls Version ist, dass sie dort intim werden und dabei auch Analsex haben. Er bleibt die ganze Nacht. Am nächsten Morgen steht er früh auf, geht leise aus dem Zimmer.

Emmas Version ist, dass Paul beim Sex plötzlich gewalttätig wird, sie schlägt, würgt und anal vergewaltigt, obwohl sie vor Schmerz schreit. Bevor er zum Orgasmus gelangt sei, sei er weggerannt.

Paul sagt, er habe diese Vorwürfe erst im Laufe des Verfahrens erfahren. Und wirklich sind in dem Brief der Universität, der der ZEIT vorliegt, keine Informationen zum Tathergang enthalten. Die nächsten sieben Monate lässt Paul Dutzende von Befragungen durch Universitätsmitarbeiter über sich ergehen, er muss Statements verfassen und darf weite Teile des Campus nicht mehr betreten. Er kann seinen Job kaum noch ausüben und muss aus dem Wohnheim ausziehen. Verhört wird er von Menschen ohne juristische Kenntnisse. Obwohl es sich um den Vorwurf eines schweren Verbrechens handelt, hat das angebliche Opfer Paul erst acht Monate nach der betreffenden Nacht angezeigt. Und auch das nur bei der Universität. Die Kriminalpolizei wird nicht eingeschaltet. Eine Begutachtung, die rechtsstaatlichen Anforderungen genügen könnte, findet nicht statt: Emma wird weder medizinisch auf Würgemale noch auf Verletzungen am Unterleib untersucht. Auch eine Spurenanalyse der Matratze unterbleibt. Paul hat keinen Verteidiger, Rechtsanwälte sind bei den Uni-Verfahren nicht zugelassen. Über die Vorwürfe sprechen darf er mit niemandem. Doch offenbar wird über ihn gesprochen, denn die Studenten fangen an, ihm auszuweichen. Für Paul ist klar: Emma redet. In der Klageschrift gegen die Uni steht: "Pauls Bitte um Rechtsbeistand wurde abgewiesen, wichtige Beweismittel wurden nicht zugelassen, und Paul wurde durch diverse Maßnahmen einer sozialen Isolation ausgesetzt."

Die Columbia University teilt auf Anfrage der ZEIT mit, man werde einzelne Verfahren nicht kommentieren. Doch Unterlagen, die der ZEIT vorliegen, stützen Pauls Angaben.

"Ich dachte, entweder bin ich verrückt oder alle anderen", sagt Paul. Im November 2013 wird er von der Uni freigesprochen. Er bekommt eine verschwiemelte Standardmitteilung, in der die Universität sich wortreich aus der Affäre zieht. Einziger klarer Satz: "Die Anwürfe sind abgewiesen."

Karin Nungeßer, Pauls Mutter, sitzt in ihrem Büro in Moabit, wo sie als freiberufliche Lektorin arbeitet. Schmal wirkt sie neben den Bergen aus Papier, die sich auf dem Tisch türmen. Auf der anderen Seite der Berge sitzt Andreas Probosch, Pauls Vater. Paul wurde zu Hause geboren, beide Eltern studierten noch und kümmerten sich abwechselnd um ihn. Paul trug aus Gründen des Umweltschutzes Stoffwindeln.

In der Klageschrift steht: "Paul wuchs in einem progressiven Haushalt auf. Pauls Mutter ist als Journalistin für [das Magazin] des deutschen Frauenrats tätig. Sie ist Mitgründerin des feministischen Blogs Weibblick und schreibt über Gender-Themen. Pauls Vater war lange Jahre Lehrer in einer der ärmsten und multiethnischsten Gegenden der Stadt." – "Wir waren keine ängstlichen Eltern", sagt sie. – "Nein", sagt er.

Die Angst kommt erst jetzt, in jenen Nächten, in denen sie das Internet durchforsten, um zu begreifen, wie ihrem Sohn geschieht, in diesem fernen Land, das sie zu kennen glaubten. Andreas Probosch hat in den Neunzigern in Yale studiert, da konnte sich doch nicht so viel geändert haben? Ein Irrtum. Probosch fasst ihn so zusammen: "Title IX, 1 in 5, Dear colleague letter, preponderance of evidence und Yes means Yes."

Das alles sind Begriffe, über die in diesen Jahren an US-Unis gestritten wird. Im Kern geht es um die Behauptung, unter den Studenten herrsche eine Vergewaltigungskultur, die solche Ausmaße erreicht habe, dass die Universitäten gegen das Title IX-Gesetz verstoßen, das seit 1972 jedem freien Zugang zu Bildung garantiert, unabhängig vom Geschlecht.

Schuld an der Misere soll ein ungesundes Zusammenwirken von Trinkgelagen, Studentenverbindungen und überzogenem Athletenkult sein sowie die bigotte Sorge der Universitäten, es schade dem Ruf, wenn sexuelle Übergriffe publik würden. Eine Untersuchung sorgte überdies für Aufruhr: Die 1 in 5-Studie besagt, jede fünfte Studentin würde Opfer eines sexuellen Übergriffs.

Die "Yes-means-Yes"-Regel

2011 forderte die amerikanische Regierung die Universitäten auf, bei sexuellen Übergriffen sofort zu handeln, andernfalls sei das als Verstoß gegen das Title IX-Gesetz zu werten, der zum Entzug von Geldern führt. Dieses Schreiben, der sogenannte Dear colleague letter, beinhaltet konkrete Maßnahmen: die einschneidendste ist die faktische Abschaffung der Unschuldsvermutung. Urteile sollen fürderhin nach dem preponderance of evidence- Prinzip gefällt werden, bei dem der Angeklagte automatisch als schuldig gilt, wenn es irgendwie wahrscheinlicher erscheint, dass das Opfer recht hat. Der solchermaßen "Verurteilte" kann exmatrikuliert werden. Strafrechtliche Konsequenzen gibt es keine. Was in Deutschland unvorstellbar ist, hat in den USA Tradition. Das liegt auch daran, dass sich die Universitäten bis in die sechziger Jahre nach dem Prinzip "In loco parentis" wie Eltern um die Studenten kümmerten.

Als Reaktion auf die neue Politik führten etliche Universitäten die Yes means Yes-Regel ein. Sie besagt: Nur wenn beide Partner Ja zum Sex sagen, und dabei zurechnungsfähig sind, ist er einvernehmlich.

Der Kunstprofessor schwärmt von der Kraft ihrer Matratzen-Performance

Wenn Karin Nungeßer all das hört, wird sie rot vor Wut. "Da schaffen sich ein paar hochprivilegierte Frauen eine eigene Gerichtsbarkeit. Für mich hat Feminismus etwas mit sozialer Gerechtigkeit zu tun."

Ein Kreuzberger Grundschullehrer und eine feministische Lektorin. Vertreter eines Milieus, das sich aufseiten der Guten wähnt: der Benachteiligten, der Frauen, der Opfer. Menschen, die reflektieren und einordnen. Doch wie ordnet man eine Welt ein, in der alles, was richtig ist, auf dem Kopf steht?

Pauls Eltern glauben die Vorwürfe nicht. Sie lesen und recherchieren weiter. "Bewältigungsstrategie", sagt Karin Nungeßer. "Als Paul freigesprochen wurde, dachten wir: Die Gerechtigkeit hat doch gesiegt", sagt Andreas Probosch.

Das war sein zweiter Irrtum. Im Winter 2013, kurz nach seinem Freispruch, lauern Reporter vor Pauls Wohnheim, Blogs von Columbia-Studenten schreiben jetzt über den Fall. Pauls Eltern schicken eine Mail an die Columbia University, bitten um eine öffentliche Stellungnahme und darum einzugreifen. Die Universität antwortet, man nehme die Befürchtungen ernst. Nichts passiert.

Im Mai 2014 tauchen Graffiti und Flyer auf, in denen Paul als "Serienvergewaltiger" bezeichnet wird. Jetzt – fast zwei Jahre nach der angeblichen Tat – zeigt Emma ihn plötzlich bei der Polizei an. Damit darf sein Name veröffentlicht werden. Was die Uni-Zeitung unverzüglich tut. Wieder schreiben Pauls Eltern eine Mail an die Universität. Die erklärt sich jetzt für nicht zuständig.

Paul stellt sich der New Yorker Staatsanwaltschaft. Die vernimmt ihn und nimmt keine Ermittlungen auf. Emma zieht die Anzeige zurück mit der Begründung, das Verfahren sei ihr zu langwierig. Ein paar Tage später erscheint sie mit der Matratze erst auf dem Campus, dann weltweit auf den Titelseiten. Ihr Kunstprofessor schwärmt von der persönlichen Art des Werkes als "Stätte der eigenen Vergewaltigung". Emmas Unterstützer veranstalten einen National Day of Action, an dem Studenten im ganzen Land mit Matratzen über ihre Campusse marschieren. Emma erklärt, Paul dürfe sich nicht mehr sicher fühlen. In Seminaren machen Aktivisten Fotos von ihm. Auf Emmas Facebook-Seite schreibt jemand, er wolle Paul die Kehle durchschneiden.

Die Eltern bitten die Universität, diese "Verfolgungskampagne" zu stoppen. Die Columbia antwortet, man nehme das Anliegen ernst. Emma macht indes ungehindert weiter. Andreas Probosch fliegt nach New York und sucht einen Anwalt. Die Anwälte sind interessiert, aber teuer. Karin Nungeßer sagt: "Wir waren im Recht, aber wir wussten, dass wir keine Gerechtigkeit bekommen werden." Aber sie bekommen Andrew Miltenberg.

Ein Büro in Manhattan, fünfter Stock. An den Flurwänden Stiche, auf denen Soldaten feiern. Auf der Herrentoilette ein Churchill-Poster: "Verdiene den Sieg!" Ein Zimmer am Ende des Gangs: Am Tisch sitzt ein Mann und hobelt sich mit dem Messer Haut von den Fingern. Das Messer ist groß, der Mann nicht. Andrew Miltenberg fragt: "Was wollen Sie wissen?"

Miltenberg ist Wirtschaftsanwalt. Nebenher vertritt er Außenseiter: Straßenkünstler gegen die Stadt New York, einen Hausbesitzer gegen Jetset-Freunde von Madonna. Schlachten, die nur einer schlägt, der selbst Außenseiter ist, einer, der sich als kleiner jüdischer Student an einer Südstaaten-Uni durchsetzte. Miltenberg sagt: "Emma lügt. Sie tarnt ihre Attacken auf Paul als Kampf für die gute Sache." Die Spitze des Messers sticht in Richtung Besucher. "Dürften wir beide mit dem Schild 'Emma Sulkowicz ist eine Hure' auf dem Campus stehen? Natürlich nicht." Wieder ein Messerstich. "Aber Emma darf Kundgebungen abhalten. Die Columbia ist ihr Komplize."

Miltenbergs Klageschrift listet Emmas Widersprüche auf: "Obwohl sie behauptet, geschrien zu haben, hat niemand in dem hellhörigen Studentenwohnheim sie gehört. Es gibt keinen medizinischen Befund, obwohl die von ihr geschilderte Vergewaltigung sicher medizinischer Versorgung bedurft hätte. Weder Familie noch Freunde haben Verletzungen oder Verhaltensänderungen bemerkt, obwohl Emma in den Tagen darauf an einer Reihe von sozialen Aktivitäten teilnahm. Emmas Erzählungen darüber, wann und ob sie nach dem Vorfall mit jemandem gesprochen habe, variieren. Es gibt unzählige Liebesnachrichten, die Emma kurz vor und nach dem angeblichen Vorfall an Paul schrieb. Die Universität erlaubte Paul nicht, diese als Beweise aufzuführen. Columbia weiß auch, dass Emma eine Historie hat, was sexuellen Missbrauch angeht. Auch diese Nachrichten wurden als Beweise nicht zugelassen."

"I love you Paul. Where are you!?!?!?!?!"

Es handelt sich um Facebook-Nachrichten, die der ZEIT vorliegen und in Teilen öffentlich sind. Am 26. Juni 2012 schreibt Emma an Paul: "Ich vermisse dich mehr als alles andere" – und dass sie auf einer Party im Drogenrausch mit einem Freund und dessen Kumpeln Geschlechtsverkehr gehabt habe. Am 29. August 2012, also zwei Tage nach der angeblichen Vergewaltigung, schreibt sie, sie wolle Paul sehen: "Wir haben schon lange keine Paul-Emma-Chill-session gehabt." Am 4. Oktober folgt: "I love you Paul. Where are you!?!?!?!?!"

"Paul ist privilegiert und stilisiert sich als Opfer", sagt eine Aktivistin

Emma hat die Echtheit der Nachrichten bestätigt, auf die Bitte der ZEIT, ihre Version der Geschichte zu erzählen, aber nicht reagiert. Auch ihr bekannter Analytiker-Vater Kerry Sulkowicz will sich nicht äußern.

Andrew Miltenberg äußert sich gern. "Das Grundproblem ist, dass dieses Land beim Versuch, sexuellen Missbrauch zu verhindern, seit 2011 jede Balance verloren hat." Die Universitäten stünden unter Druck durch Regierung und Öffentlichkeit, versuchten, Fehler zu vermeiden – auf Kosten der Beschuldigten.

Miltenberg hat schon einige von ihnen vertreten, auch an der Columbia. Seine Geschichten handeln von jungen Männern, denen die Vorwürfe erst kurz vor der Anhörung präsentiert werden, von Verhören durch Kantinenchefs und durch Universitäten, die bei Bedarf die Prozessregeln überraschend ändern, Beweise nicht akzeptieren und Klägerinnen gestatten fernzubleiben. "Außerdem muss niemand dort die Wahrheit sagen, weil es weder eidesstattliche Versicherungen gibt noch Kreuzverhöre."

Das sind Geschichten wie aus einem Kafka-Roman. Oder aus einem Staat, der bereit ist, für das große Ziel die Rechte des Einzelnen zu opfern – so wie nach 9/11. Vielleicht hat sich das Land gar nicht verändert, sondern bloß die Frontlinie. Und vielleicht muss man ein Außenseiter sein, um zu merken, wie gefährlich das ist.

"Viele sagen, wir verweisen die doch höchstens von der Universität." Andrew Miltenberg klopft mit dem Messer auf den Tisch. "Stimmt. Aber mit so einem Verweis kommt niemand in ein anderes College oder kriegt einen Job, bei dem der biografische Hintergrund überprüft wird." Miltenbergs Mandanten waren Überflieger und Athleten aus Harvard, Yale, Dartmouth. "Jetzt kriegen sie nicht einmal einen Platz im College vor Ort und sind depressiv, suizidgefährdet und verschuldet."

Andere profitierten davon: "Eine Opferindustrie aus Aktivistinnen, Rechtsanwälten und Therapeuten. Die Regierung hat sich Interessengruppen ausgeliefert, die jeden angreifen, der faire Verfahren fordert." Etwa jenen Yale-Professor, der vor der Abschaffung der Unschuldsvermutung warnte, oder die Magazin-Autorin Emily Yoffe, die die neuen Regeln als bloße Überreaktion geißelte. Beide mussten sich von aufgebrachten Aktivistinnen als "Vergewaltiger-Verteidiger" beschimpfen lassen.

Pauls Klageschrift erwähnt auch diese Interessengruppen: "Im Dezember 2014 verlasen Aktivisten der Gruppen No Red Tape und Carry That Weight, Becca Breslaw, Michela Weihl und andere, einen Brief im Büro des Uni-Präsidenten, der folgende Passage enthielt: [Emmas] Serienvergewaltiger lebt immer noch auf dem Campus."

Becca Breslaw stützt sich auf das Rednerpult, betrachtet die Studenten. 88 waren angemeldet, bloß ein Dutzend sind gekommen. Sie sitzen etwas verloren im Saal der Knox Hall, ein paar Meter vom Campus entfernt. "Das ist das Teach-in von No Red Tape", sagt Becca.

No Red Tape, gegründet im Winter 2014, hat ein knappes Dutzend Mitglieder. Becca erzählt von den Aktionen der Gruppe: dem Schriftzug "Columbia schützt Vergewaltiger", den sie gestern Nacht auf das Hauptgebäude projiziert haben; der Aktion, als sie den Campus mit rotem Klebeband zuklebten, weil die Universität keine Daten über sexuelle Übergriffe herausgeben wollte. "Bisschen Vandalismus." Der Saal kichert.

Becca redet frei, gestikuliert, ihre Wangen röten sich. Manchmal streicht sie eine braune Locke aus dem Gesicht. Becca ist 20, eine Anthropologiestudentin mit Herzchenring am Finger. Es fällt schwer, sie mit den Geschichten von Andreas Probosch und Andrew Miltenberg in Einklang zu bringen. Aber es fällt noch schwerer, sich vorzustellen, dass ein Gouverneur Gesetzentwürfe mit ihr berät.

Doch so ist es: Es ging um ein Gesetz, das sexuelle Übergriffe an New Yorker Universitäten beenden sollte. Mitarbeiter des Gouverneurs riefen Becca an. "Ob wir nicht zwei 'Überlebende' bei der Verkündung hinter ihn stellen könnten. Aber das Gesetz war furchtbar." Die Polizei sollte der Campus-Security den Umgang mit sexuellem Fehlverhalten beibringen. Aber "Überlebende", wie die Aktivistinnen die Opfer von sexueller Gewalt nennen, gehörten meist Minderheiten an, und die Polizei sei rassistisch, sagt Becca.

Das Gesetz wurde angepasst. Die Aktivistinnen mögen wenige sein, doch sie sind hervorragend vernetzt und hochprofessionell. Sie nutzen soziale Medien, sie geben einen Leitfaden für Journalisten heraus, der unter anderem dafür sorgen soll, dass Opfer als glaubwürdig beschrieben werden, und sie unterstützen Studenten bei Beschwerden wegen Verstößen gegen das Title IX-Gesetz. Mit Erfolg. Wurden 2009 nur 9 Verstöße gemeldet, waren es 2014 schon 102 und bis April 2015 noch einmal 51.

Die Aktivisten nutzen die Tatsache, dass in den USA Universitäten zu Marken geworden sind. Wie ein Apple-Produkt ist auch ein Diplom aus Yale ein Distinktionsmerkmal. Der Unterschied ist der Preis, und der würde sinken, wenn die Marke beschädigt würde. Daher arbeiten die Unis mit den Aktivistinnen zusammen, so wie die Columbia, die 2014 ihre Politik gegen sexuellen Missbrauch geändert hat: verpflichtende Schulungen für Studenten, mehr Personal, eine neue Beauftragte.

Becca steht vor der Knox Hall, raucht. Sie ist unzufrieden mit Columbias Sexual Respect Inititiative. "Bei der Schulung kann man ein Kunstprojekt machen, etwa ein Haiku verfassen. Absurd." Zudem würden Taten einzeln behandelt, auch wenn es derselbe Täter sei. "Und die Strafen sind ein Witz. Da wird einer ein Semester suspendiert, darf aber dann wieder Tutor sein." Also doch lieber Polizei? "Das Justizsystem fördert Gewalt. Wir wollen eine Gesellschaft ohne Gewalt. Wir wollen die Täter umerziehen."

Die Initiativen mögen extrem sein, doch die Unis haben ein Problem. Laut einem Kongress-Report werden nur fünf Prozent aller sexuellen Übergriffe gemeldet. Nur die Hälfte der 440 untersuchten Universitäten hatte eine Telefon-Hotline für Opfer eingerichtet, und bei ebenso wenigen Universitäten konnten Betroffene den Übergriff online melden.

"Diesen Neofeministinnen ist nicht zu helfen"

Becca ist in Princeton aufgewachsen. Ein Artikel in einem Studentenblog hat sie zur Aktivistin gemacht, es ging um Emma: "Sie ist ein Symbol für die Bewegung." Die Facebook-Nachrichten will sie nicht kommentieren, Todesdrohungen lehnt sie ab. "Aber leid tut mir Paul ganz sicher nicht. Er ist privilegiert und stilisiert sich als Opfer."

Becca war selbst nie Opfer, aber sie kennt viele. Nach eigenen Angaben. "Manchmal glaube ich, dass ich auf einer schwarzen Liste stehe." Sie schaut zu Boden. "Hört sich paranoid an, oder? Aber ich habe Angst, dass die mir mein Stipendium wegnehmen und ich gehen muss." Ihren Eltern erzählt sie nichts. "Meine Mutter ist eine Grundschullehrerin, mein Vater ist ein Crossing Guard." – Ein was? – "Er bringt Kinder über die Kreuzung." Sie wird rot.

Der Idealismus, die Intelligenz, die Herkunft – Becca und Paul müssten auf derselben Seite stehen. Doch Pauls Verbündete sind jetzt andere. Man findet sie nicht bei den Liberalen an Universitäten oder in Großstädten, sondern dort, wo Amerika so weit und leer ist, dass nur Gewehre helfen. Und die Bibel.

Universitäten, die keine Lehranstalten sind, sondern Konzerne

Spartanburg in South Carolina, 40.000 Einwohner. Viel Autoindustrie und sonst wenig. Die SUV auf den Straßen sind so breit wie der Akzent. Bei Joshua Strange kommt ein lautes Lachen dazu. Er fährt zum Haus seiner Eltern. Ein Backsteinbau mit Fenstern so groß wie Türen. Bäume wiegen sich im Wind. Drinnen stapeln sich Papiere auf einem Tisch, daneben sitzt eine Frau mittleren Alters, Allison Strange, Joshuas Mutter. Der Anblick erinnert an Pauls Mutter. Bis auf die USA-Fähnchen, die Republikaner-Aufkleber und das Gewehr in der Ecke.

Joshua Strange studiert Politik an der Auburn University, als er im Mai 2011 seine Freundin Sophia* kennenlernt. Kurz darauf zieht sie in seinem Studentenzimmer ein. In der Nacht des 29. Juni ruft sie die Polizei. Joshua habe ihr Sex aufgezwungen, sagt sie. Sie habe Sex haben wollen und sei plötzlich wütend geworden, sagt er. Noch in der Nacht verhören die Beamten das Pärchen. Sie finden keine Anhaltspunkte für eine Vergewaltigung. Im Morgengrauen kommt Sophia wieder zu ihm. Doch Ende August ist alles aus. Eine Woche später legen Polizisten Joshua auf dem Parkplatz vor seinem Wohnheim Handschellen an. Er soll Sophia ins Gesicht geschlagen haben.

Den fraglichen Abend hat Joshua aber mit Freunden in der Bar verbracht, sagen Zeugen. Außerdem rief seine Freundin um 22.30 Uhr bei ihm an.

Joshua war damals 20 Jahre alt. Ein Südstaatenjunge mit Bübchengesicht, der gerne fischt, jagt und mit den Kumpeln abhängt. "Gut erzogen, mit großem Respekt vor Frauen, fast ritterlich", sagt Mutter Strange. Viereinhalb Stunden Fahrt sind es nach Auburn. Allison Strange und ihr Mann kennen die Strecke mittlerweile gut.

Auch bei der Universität hatte Sophia Klage eingereicht wegen Misshandlung und Vergewaltigung in der Nacht des 29. Juni. Wenn er über den Campus läuft, tuscheln andere Studenten. Bekannte sagen ihm, Sophia erzähle herum, Joshua sei ein Vergewaltiger.

Ganz oben auf dem Stapel liegt das Bild einer jungen Frau in einem Stadion, sie lacht. "Das ist sie – zwei Tage nachdem Joshua sie grün und blau geschlagen haben soll. Ich war so naiv." Die Stimme der Mrs. Strange zittert. Jede Nacht saß die Rechtsanwaltsgehilfin am Computer und recherchierte. "Ich dachte, die Wahrheit wird siegen." Sie schluchzt.

Ihre Wahrheit siegte auch. Aber bloß vor Gericht. Im Februar 2012 stellt eine Grand Jury die Verfahren ein. Der Universität aber reichen die Beweise. Sie verweist Joshua von Auburn. Den Vorsitz der Anhörung hatte ein Bibliothekar, die Verurteilungsschwelle wurde kurz zuvor heruntergesetzt. Joshua taumelte aus dem Saal. Er zog zurück nach Spartanburg. Es dauerte Monate, bis er seine Depression überwand.

Die Familie beriet, ob sie Auburn verklagen solle. Doch ein Prozess kostet hunderttausend Dollar, und der Fall müsste vor Gerichten des Bundesstaates verhandelt werden. Gegen eine Universität, die dort ansässig und eine halbe Milliarde Dollar schwer ist. "Das sind Konzerne, keine Lehranstalten", sagt Joshua. Sie entscheiden sich für die Öffentlichkeit. Joshua hat keine Vertraulichkeitsklausel unterschrieben. "Das war unsere Chance", sagt Allison Strange. CNN berichtet, das Wall Street Journal, und im November 2012 kommt eine überraschende Mail.

Die Verfasserin heißt Sherry Warner Seefeld. Auch ihr Sohn wurde zu Unrecht beschuldigt. Die Mütter beginnen, sich auszutauschen, bauen ein Netzwerk auf. Im Juli 2014 gründen sie Face – families advocating for campus equality (Familien für Gleichheit auf dem Campus). Andrew Miltenberg ist mittlerweile ebenfalls Mitglied. "Wir wollen ein faires, funktionierendes System", sagt Allison Strange. Unschuldsvermutung, Kreuzverhör, Rechtsbeistand und geschultes, unabhängiges Personal. "Vergewaltigung. Das ist eine Straftat und deshalb eine Sache für Polizei und Gerichte."

Und was ist mit der Gewalt, dem Rassismus, von dem die Aktivistinnen sprechen? Allison Strange atmet tief durch. "Diesen Neofeministinnen ist nicht zu helfen." Deren Aktionen bestärken Strange in dem Gefühl, dass sich ihr großartiges Land auf den Wahnsinn zubewegt. Man müsse sich nur die amerikanischen Sitcoms anschauen, mit ihren tumben Familienvätern und smarten Müttern. "Gleichberechtigung ist toll, aber die Neofeministinnen wollen Männer fertigmachen." Und die Regierung mache mit, indem sie Zahlen verbreite wie die 1 in 5-Statistik. "Eine lächerlich verzerrte Studie!"

"Emmas Matratzen-Performance ist großartig für Amerika"

Es geht nicht mehr um die Wahrheit, sondern um die bessere Geschichte

Tatsächlich wurden deren Werte nur an zwei Universitäten erhoben, und sogar die Autoren der Studie sagen, dass sie nicht repräsentativ sei. Eine repräsentative Studie, die auf einer Erhebung des Justizministeriums beruht, die von 1995 bis 2011 durchgeführt wurde, nennt eine ganz andere Zahl: 6 von 1.000. So viele Studentinnen wurden Opfer eines sexuellen Übergriffs. Bei Altersgenossinnen ohne Uni-Ausbildung liegt die Rate 30 Prozent höher. Eine andere Umfrage zeigt, dass Frauen ohne Uni-Abschluss viermal häufiger sexuelle Gewalt erfahren als solche mit Uni-Abschluss. Grundsätzlich gilt: Je ungebildeter und ärmer eine Frau, desto eher wird sie Opfer.

Die meisten Anzeigen, die bei der für Columbia zuständigen Polizeistation eingehen, sind Diebstähle im Wert von über tausend Dollar. Es handelt sich um Taschen mit Laptops, iPads und Smartphones, mit denen Studenten in Cafés ihren Platz besetzt halten wollen, wenn sie an der Theke ihre Bestellung aufgeben.

Bei Face haben sich seit der Gründung etwa 150 junge Männer gemeldet. Ihre Geschichten sind es, die Allison Strange und ihre Mitstreiterinnen nun den Politikern erzählen. Viel geholfen hat es bisher nicht. "Junge Frauen sind eben ein riesiger Wählerblock in diesem Land. Wir brauchen einfach bessere Geschichten. Die jungen Männer haben Hemmungen, sich zu wehren", sagt Allison Strange.

Der Kampf um die Campus-Vergewaltigungen ist zu einem amerikanischen Kulturkampf geworden, wie der um Homoehe oder Abtreibung. Es geht nicht mehr darum, wer die richtigen Zahlen hat, sondern darum, wer die aufwühlenderen Geschichten erzählt. Und keiner erzählt so gute wie Stanley Arkin.

In Pauls Klageschrift ist von ihm die Rede. Im Winter 2013 "wurde Emma von einem PR-Berater und/oder Rechtsanwalt mit großer Medienerfahrung beraten, mit dem sie bereits gedroht hatte".

Im Schatten der Gebäude der Madison Avenue in Manhattan drängeln sich Geschäfte wie Dior und Armani. In Nummer 590 notieren Wachleute die Namen der Besucher. Die Arkin Group residiert im 35. Stock. Vor den Fenstern legt sich der Central Park dem Betrachter zu Füßen wie ein Teppich.

"Emmas Matratzen-Performance ist großartig für Amerika. Ihr Protest steht für unsere nobelsten Traditionen." Stanley Arkins Stimme ist brüchig, sein Kopf ist kahl. 77 Jahre ist er alt und verschwindet fast in seinem Jackett. Arkin ist jener Mann, über den Paul sagt, dass er ihn sich nicht leisten könnte: "Ich kann keine 600 Dollar pro Stunde zahlen." Stanley Arkin blickt den Besucher an: "Ich nehme 1.000 Dollar." Außer wenn es um die Gerechtigkeit geht oder um Freunde. Bei der Familie Sulkowicz geht es angeblich um beides. "Das sind gute Menschen, und das Mädchen ist eine beeindruckende Vertreterin ihrer Generation. Interessiert, intelligent, kreativ und von größter Integrität."

Bevor er sich auf PR konzentrierte, arbeitete Arkin als Anwalt für Banker. Arkins Erfolge hätten den "Insiderhandel" neu definiert, schreibt die Los Angeles Times, und die Liste seiner Mandanten lese sich wie das Who’s who der Wall Street.

Jetzt hat Stanley Arkin ein anderes Ziel: "Der Campus muss von Verbrechern gesäubert werden." Pauls Freispruch durch die Columbia sei lächerlich. "Dieses Verfahren genügte keinen juristischen Standards. Hier wollte eine Universität ihren Ruf und einen Athleten retten. Mal wieder."

Aber Kritiker sagen, Emma übe Selbstjustiz.

"Ach was." Arkin schüttelt den Kopf. "In Amerika ändern wir Missstände nicht durch Jammern, sondern durch Taten, durch furchtlosen Kampf für die gerechte Sache."

Amerika, Tradition, Gerechtigkeit. Aus einer Nacht zwischen Emma und Paul erwuchs eine Schicksalsfrage. Für zwei junge Leute. Und eine Gewissensfrage für eine ganze Nation.

Gestern, am 20. Mai, hat Paul sein Abschluss-Zeugnis empfangen. Wie es weitergeht, weiß er nicht. Er möchte Kameramann werden. Aber ein Angebot, das er bereits hatte, wurde zurückgezogen – der Vorwürfe wegen. Paul sagt, es fehle ihm die Kraft, über die Zukunft nachzudenken. Auf dem Hochhaus gegenüber Stanley Arkins Büro flattert die amerikanische Fahne. Alles andere sieht sehr klein aus von hier oben.

* Name geändert

Korrekturhinweis: Im Vergleich zur in der gedruckten ZEIT erschienenen Version haben wir hier drei kleine sachliche Fehler berichtigt. Die Redaktion.