Enno Glantz sitzt im Salon seines Gutshauses und sagt, dass er dieses Gespräch schon jetzt bereue. Hinter ihm hängen goldgerahmte Ölbilder seiner Groß- und Urgroßeltern. Paul und Edith, Friedrich und Anna. Unter seinen Füßen ein dicker Teppich mit eingewebten Erdbeeren. Eigentlich wollte er nur seine Familiengeschichte erzählen, dann wollte er gar nicht mehr mit Journalisten sprechen. Aber da hatte er dem Termin schon zugestimmt. An das, was Glantz sagt, hält er sich auch. Und irgendwie will er ja doch reden. Über Gerechtigkeit. Oder besser, über das, was er darunter versteht.

Und er möchte nicht nur für sich sprechen, sondern für die gesamte Erdbeerbranche. In der gebe es seit Monaten nur noch ein Thema. Früher, da redete man abends beim Essen noch über neue Sorten, Dünger oder Schädlinge wie die asiatische Kirschessigfliege, die im Übrigen ein großes Problem sei. Aber jetzt gehe es nur noch um diesen Mindestlohn.

"Ich habe nichts gegen den Mindestlohn", sagt Glantz. Er will das klarstellen, weil man ihn im Internet schon Dagobert Glantz nennt und ihn beschimpft als "Raffzahn", der seine Arbeiter ausbeute. Vielleicht sollte man es deshalb eher so formulieren: Glantz hat etwas dagegen, wenn der Staat sich in sein Erdbeer-Imperium einmischt.

Wenn Enno Glantz erzählt, womit er sein Geld verdient, nennt er sich selbst "Erdbeerfuzzi". Die Bezeichnungen "Erdbeerkönig" oder "Erdbeerpapst", die die Zeitungen gern verwenden, gefallen ihm nicht. Fuzzi klingt bescheidener. Dabei wäre Bescheidenheit nicht nötig: Glantz, 70 Jahre, silbergrauer Seitenscheitel, braune Haut, ist Herr über mehr als 600 Hektar Ackerland, ein Pferdegestüt, ein kleines Einrichtungshaus, ein Café und ein Restaurant, beide im Erdbeerdesign. Außerdem über zwei weitläufige Gutshöfe mit mehr als 70 Angestellten bei Ahrensburg und bei Wismar. Von dort kommt sie nach Hamburg, die erste Erdbeere des Jahres.

Sie heißt Flair, helles Fleisch, leicht süß, so früh reif wie keine andere. Wenig später folgt Honeoye, herb und sehr intensiv. Dann Sonata, die Sommersorte, und Malwina, die dunkelrote, spät reif, dafür wie aus Omas Garten.

In den kommenden Wochen wird es in der Stadt unmöglich sein, Glantz’ Erdbeerhäuschen zu übersehen, diese roten Buden mit gelben Punkten und grünem Fransenpony. 170 davon werden in diesen Tagen allein in Hamburg aufgebaut, an U-Bahn-Aufgängen, in Einkaufsstraßen oder Shoppingcentern. Glantz hat sich die Idee mit dem erdbeerförmigen Verkaufshaus sogar schützen lassen. Sie war es, die ihn von einem Erdbeerbauern aus Delingsdorf, wenige Kilometer nördlich von Hamburg, zum erfolgreichen Unternehmer gemacht hat. Weil er schon in den siebziger Jahren darauf setzte, seine Früchte nicht mehr für Dumpingpreise an Großhändler, Marmeladen- oder Tiefkühlkosthersteller zu verhökern, sondern direkt an diejenigen, die bereit sind, für gute Erdbeeren auch gutes Geld zu zahlen: 3,80 Euro die Schale. An allen Buden hängt ein Schild: "Eigene Ernte" und "Taufrisch aus Holstein".

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 21 vom 21.5.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Letzteres stimmt nicht ganz, weil es auf den Feldern bei Hamburg noch zu kalt ist. Die Erdbeeren dort sind klein und grün, manche ein wenig rosa. Ein paar warme Tage brauchen sie noch. Aber das Regionale kommt gut an in einer Zeit, in der sich die Menschen beim Einkaufen mächtiger fühlen als beim Wählen. Weshalb sie umso mehr Wert auf faire Löhne und Preise legen. Aber was ist fair? Und wer bestimmt darüber?

Lange war er das: Glantz.

Jeden Sommer arbeiten mehr als tausend polnische Erdbeerpflücker auf seinen Feldern. "Wir sind zu 100 Prozent in polnischer Hand" ist ein Satz, den Glantz oft sagt. Viele Konkurrenten würden längst Rumänen beschäftigen. Weil sie billiger sind. Doch er und die Polen, das sei eine "Solidargemeinschaft" seit Generationen. Er wolle zuverlässige Arbeiter, die Polen zuverlässiges Geld. 6,50 Euro haben sie im Stundenschnitt zuletzt bei ihm verdient. Ungefähr 60 Euro am Tag. In Polen bekäme ein Schlepperfahrer gerade mal die Hälfte, sagt Glantz. Alle seien zufrieden gewesen.

Doch seit diesem Jahr legt nicht mehr Glantz die Löhne in seiner Solidargemeinschaft fest, sondern der deutsche Staat. Nicht weniger als 8,50 Euro soll jeder, der in Deutschland arbeitet, verdienen. Auch die jährlich mehr als 300.000 Saisonkräfte, die auf deutschen Feldern graben, jäten und ernten. Nur weil die Landwirte eine starke Lobby haben, müssen sie derzeit erst 7,40 Euro Mindestlohn zahlen, dann stufenweise mehr, im November 2017 sollen es 9,10 Euro sein.

Von 6,50 Euro auf 9,10 Euro – das sei eine Lohnerhöhung um fast 40 Prozent in nur drei Jahren, sagt Glanz mit aufgeregter Stimme. Er hat das ausgerechnet und auch, was es bedeutet: steigende Kosten, weniger Gewinn, weniger Investitionen. Für manche wohl die Pleite.

Glantz klopft mit beiden Zeigefingern auf den Tisch: "Der Pole ist sehr zufrieden hier." Denn er, der Pole, komme schließlich freiwillig, über lange Wartelisten sogar. Und er, der Unternehmer, gehe doch anständig mit seinen Leuten um. Ganz ohne Gesetz.