Mark, in den nächsten Wochen wird sich zeigen, ob die große Koalition auch für mehr Fairness sorgen kann. Ich rede von der letzten Steuer, die der Politik geblieben ist, um die wachsende Ungleichheit der Vermögen einzuhegen: der Erbschaftsteuer. Das Bundesverfassungsgericht hat das geltende Gesetz für verfassungswidrig erklärt, und jetzt arbeiten die Fachleute von Finanzminister Wolfgang Schäuble an einer neuen Fassung.

Das wird auch Zeit, denn das Gesetz barg bisher zahlreiche Ungereimtheiten. Besonders offensichtlich war es bei den Firmenerben. Wer eine Villa, eine Jacht oder einfach nur Geldvermögen erbt, muss – nach Abzug von Freibeträgen – darauf bis zu 50 Prozent Steuern zahlen. Wer aber ein Unternehmen vermacht bekommt, also Fabrikhallen und Maschinen, zahlt in vielen Fällen überhaupt nichts. Zumindest dann nicht, wenn er verspricht, Arbeitsplätze zu erhalten und das Unternehmen weiterzuführen.

Es ist ziemlich offensichtlich, dass der Staat dadurch Unternehmerkinder vor dem Fiskus kategorisch besserstellt – was dem Prinzip der Gleichbehandlung der Vermögensarten zuwiderläuft. Die Regelung ist aber auch ökonomisch unsinnig, weil damit falsche Anreize gesetzt und ausgerechnet die Erben der höchsten Vermögen – die Haniels und Merckles der Republik – aus der Verantwortung entlassen werden.

Diese Privilegien beruhen auf dem Gedanken, dass es für alle Beteiligten am besten sei, wenn ein Unternehmen in der Hand der gleichen Familie bliebe. Das ist aber mitnichten so. Studien zeigen immer wieder, dass Unternehmerkinder eben nicht automatisch die erfolgreichen Unternehmer sind. Wenn der Staat sie von der Steuer ausnimmt, verleitet er sie im Gegenteil sogar oft dazu, eine Firma weiterzuführen – obwohl es besser wäre, jemand anderes ans Ruder zu lassen. Die derzeitige Praxis ist also nicht nur schädlich, sondern auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht oft kontraproduktiv.

Volkswirtschaftlich betrachtet, spricht ohnehin wenig dafür, Betriebsvermögen zu privilegieren. Warum sollte es so viel wertvoller sein als Geldvermögen? Auch Finanzkapital kann dazu genutzt werden, um über den Finanzmarkt Investitionen und Arbeitsplätze zu finanzieren. Das spricht aber dafür, sich an die Verfassung zu halten und beide Vermögensformen gleich zu behandeln.

Es stimmt schon: Maschinen und Fabrikhallen sind schwerer zu besteuern als Konten, bei denen der Betrag einfach überwiesen werden kann. Kein Unternehmen sollte wegen der Erbschaftsteuer pleitegehen, und meines Wissens nach ist das in der Geschichte der Bundesrepublik auch noch nicht geschehen. Aber erstens haben viele Unternehmen in den letzten Jahren ordentliche Gewinne gemacht und Finanzpolster aufgebaut, aus denen sie durchaus etwas mehr Steuern zahlen könnten. Und zweitens ist es in Härtefällen immer möglich, die Steuerschuld auf mehrere Jahre zu strecken.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 21.5.2015.

Am sinnvollsten wäre eine Reform, wie sie auch der wissenschaftliche Beirat des Finanzministeriums fordert: ein niedriger Steuersatz von etwa zehn Prozent – ohne Ausnahmen. Je nach Modell würde das Steueraufkommen dabei sogar leicht steigen. Es wäre ein willkommener Beitrag zur Gerechtigkeit, in einem Land, in dem ein Teil aller Bürger Vermögen erbt und ein anderer eher Schulden. Der Staat hätte zudem die Chance, mit dem Geld etwas zu tun, was die Industrieländerorganisation OECD schon lange fordert: den Faktor Arbeit mit höheren Steuern auf Vermögen zu entlasten. Dein Philip

Lesen Sie hier die Antwort von Mark Schieritz.