In der Altstadt von Freiberg liegt die Akademiestraße. Auf halbem Weg zwischen Rathaus und Dom – unweit des berühmten Oberbergamtes, der traditionsreichen Schaltzentrale des erzgebirgischen Reviers. Leicht gekrümmt, mit Kopfsteinen gepflastert, führt die Straße an prächtigen Renaissance- und Barockgebäuden entlang. Zwischen ihnen erhebt sich ein lang gestreckter, dreistöckiger Bau mit klassizistischer Fassade. Tritt man ein, befindet man sich unversehens in den Funktionsräumen einer modernen Hochschulverwaltung. Studienberatung, das Prüfungsamt, das Rektorat – eine Infrastruktur für über 5.000 Studierende. Junge Gesichter, viele Hautfarben. Rucksäcke, Laptops, Wasserflaschen.

Gleich links vom Eingang ein offener Raum mit Sitzecken, Kaffeeautomat, der obligaten Infosäule. Just dieser Raum ist die Keimzelle der weltweit ältesten montanwissenschaftlichen Hochschule, der heutigen TU Bergakademie Freiberg. Hier hörte einst ein Dutzend "junger Cavalliers" die ersten Vorlesungen über die "Grundlagen der Lehre vom Bergbau".

Vermutlich hatten sie alle Blasen oder Schwielen an den Händen. Zum Curriculum gehörte die Arbeit vor Ort mit Schlägel und Eisen auf einer der zahlreichen Erzgruben des Freiberger Reviers. In diesem Raum begann 1775 der junge Mineraloge Abraham Gottlob Werner, die "Lehre von den Gebirgen" zu unterrichten. Wenig später nannte man das "Geologie". Ihm zu Füßen saßen – im Abstand von nur wenigen Jahren – junge Wilde wie Alexander von Humboldt, Friedrich von Hardenberg (der sich als Dichter Novalis nannte), Don Fausto d’Elhúyar, der kurz nach seinem Studium das "Bergwerkscorps in Neu-Spanien", also die Leitung der mexikanischen Silberminen übernahm, und Robert Jameson, der schottische Naturforscher und Lehrer Charles Darwins.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 21.5.2015.

Das Geburtsjahr der Akademie ist 1765. Damals hatte sich der kursächsische Prinzregent Xaver, Enkel Augusts des Starken, der seit zwei Jahren die Staatsgeschäfte führte, in der Stadt angesagt. Zu einer zweitägigen "Lustreise" zwecks Besichtigung seines "Bergstaats". Mit von der Partie waren der 14-jährige, noch nicht mündige Kurfürst Friedrich August und dessen Mutter Maria Antonia. Ihre Gastgeber in Freiberg waren die beiden Spitzen des sächsischen Montanwesens, Generalbergkommissarius Friedrich Anton von Heynitz und Friedrich Wilhelm von Oppel, der amtierende Oberberghauptmann. Die Inszenierung geriet entsprechend aufwendig: Begrüßung durch ein kräftiges "Glückauf" der ausfahrenden Bergknappen. Vorführung von Sprengarbeiten im Fels und Illuminierung der Schächte mit Grubenlichtern.

Der Höhepunkt war eine Anfahrt im Silber- und Bleierz-Bergwerk Lorenz Gegentrum. Hier lustwandelten Maria Antonia und ihr Gefolge in einem ebenerdigen Stollen. Währenddessen stiegen Xaver und der junge Kurfürst in bergmännischem Habit mehr als achteinhalb "Fahrten" (Leitern) tief in den – wie man damals sagte – Schoß der Erde.

Am Abend beim Umtrunk auf Freibergs Schloss Freudenstein kamen Heynitz und Oppel zur Sache. Sie unterbreiteten Xaver "unterthänigst" den Vorschlag, "zum Besten hiesiger Bergwerke" einen Fonds einzurichten. Mit dessen Gewinnen sollte eine "metallurgisch chymische Schule" finanziert werden, eine "geometrische Zeichen-Schule", eine Modellkammer, eine Mineraliensammlung, eine Bibliothek sowie Studienstipendien.

Xaver handelte prompt. Im Herbst 1765 gab er dem Unternehmen seinen Segen. Zu Pfingsten des folgenden Jahres begann im umgeräumten Erdgeschoss von Oppels Wohnhaus der Vorlesungsbetrieb. Nummer 1 im Matrikel der neuen hohen Schule war Heinrich von Trebra. Der junge Adlige brachte es im Laufe seiner Karriere bis an die Spitze des sächsischen Oberbergamtes – und nebenbei zum Ratgeber und Freund Johann Wolfgang Goethes.