Zwei schlichte Holzmasken spielen eine Rolle, ein bunter Thronsessel, mit Glasperlen bestickt, Speere und Pelze, afrikanische Könige, der deutsche Außenminister und der Botschafter der Republik Kolumbien, Justiziare ziehen ihre Fäden im Hintergrund, Wissenschaftler und Wutbürger. Das Stück kreist um das Ethnologische Museum in Berlin. Viele Jahre stellte es seine Exponate aus und war eher mäßig besucht. Nun, da es sich anschickt, ins wiedererrichtete Stadtschloss umzuziehen, schauen die Leute hin. Und ihr Blick ist nicht nur wohlwollend, denn es geht um Besitztümer, die nach der Auffassung mancher besser den Völkern zurückgegeben werden sollten, die sie einst besaßen.

Kann ein in Zeiten großer kolonialer Gier gefülltes Museum seine Stücke überhaupt zu Recht sein Eigen nennen? Was muss es tun, damit es, moralisch gesehen, fortbestehen kann? Noch verzwickter werden diese Fragen, weil die völkerkundliche Sammlung ein Kernstück des Humboldtforums sein wird, das doch dem freundlichen Austausch der Kulturen gewidmet ist. So will es die Politik. Und nun nimmt dieser Austausch die Form unfreundlicher Kabalen an – kein guter Anfang, aber immerhin einer auf dem Boden realer Interessen, nicht nur im Gewölk kulturpolitischer Erklärungen.

Ob indigene Gruppen nicht ihre Schätze und Ritualobjekte zurückerhalten sollten, ist eine Debatte, die in den USA oder in Australien schon lange geführt wird. Sie erreicht Deutschland verspätet. Die Berliner Sammlung ist auch nicht irgendeine, sie gehört vielmehr zu den größten, schönsten, bedeutsamsten ihrer Art. Sie ist ein Spiegel der Welt, ihr Gedächtnis im besten und schlechtesten Sinn. In den endlosen Depots verstecken sich die Schönheit und die spirituelle Kraft lebender genauso wie verschwundener Völker, aber auch ihre Trauer ist hier verwahrt, ihr Groll über das Unrecht, das an ihnen begangen wurde. Und nun spitzt sich die Lage zu. Einige Beispiele:

Auf der Suche nach neuen Präsentationsformen gab das Museum ein Puppenspiel in Auftrag, dessen Hauptfigur der alte Seebär Adrian Jacobsen sein sollte. Jacobsen war 1881 die Nordwestküste Amerikas hochgeschippert und raffte in Südalaska, beim Eskimovolk der Yup’ik, Tausende von Schnitzereien, Pelzen und Speeren zusammen. Heute ist diese Sammlung einzigartig. Jacobsen erpresste und betrog, es war nicht in Ordnung, wie er an seine Beute gelangte. Die Puppenspielertruppe Das Helmi machte aus dem Beutezug ein überdrehtes, witzig-anarchisches Stück für Kinder und Erwachsene. In ihm gab es auch eine Szene, in der nackte Eskimos beim Potlatch zu sehen waren.

Die Aufregung darüber war groß. Ein ehemaliger Kurator des Museums fand, das sei ein Spiel mit dümmlichen Indianerklischees. Er alarmierte die Fachöffentlichkeit, und sogar in den USA hörte man von der wilden Orgie. Eine Kooperation mit dem Anchorage-Museum stockte. Was ist schlimm an Nacktheit und an Karikatur? Antwort: Die Yup’ik sind inzwischen missioniert worden, sie schworen dem Alkohol ab und wurden so gschamig wie ihre evangelikalen Pastoren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 21.5.2015.

Nun ist Rücksicht auf Gefühle anderer nichts Falsches, bloß haben die Yup’ik wohl nie etwas von der Sache erfahren, jedenfalls machte sie keinen Eindruck auf sie. Wer sich erregt hatte, waren Weiße, die in ihrem Namen sprachen, die Anwälte der indigenen Sache. Der Fall zeigt die neuen Empfindlichkeiten, vor allem führt er vor, dass es gar nicht so einfach ist, sich mit fremden Kulturen auszutauschen. Wohin immer sich der Westen wendet, um "die Anderen" zu treffen, ist er schon da, sei es in Gestalt von Weißen, die die Anderen noch besser verstehen als diese sich selbst, sei es, dass er sich über die Fußstapfen seiner eigenen Zivilisation beugt.

Das Museum sucht unterdessen den Kontakt mit den Indigenen aktiv, es erforscht im Rahmen seiner Möglichkeiten die Provenienz der Stücke und wird in der neuen Ausstellung, die im Humboldtforum präsentiert werden wird, das Thema des völkerkundlichen Sammelns kritisch darzustellen versuchen. Auch die Yup’ik waren schon mit einer Delegation zu Gast. Sie freuten sich, dass alles gut verwahrt wird. Es ist nicht so, dass Rückgabeforderungen in Mengen einträfen. Eine einzige formelle liegt vor. Aber es gibt ein verbreitetes Interesse, das Museum zum Sprechen zu bringen.