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Junge Genies brauchen Erweckungserlebnisse. Larry Page hatte seines Mitte der achtziger Jahre. Er ist vielleicht zwölf – genau weiß er es heute nicht mehr –, als sein großer Bruder ihm eine Biografie von Nikola Tesla mitbringt. 500 Seiten über diesen serbisch-amerikanischen Erfinder, der bereits vor 120 Jahren gedanklich vorwegnahm, wie wir heute Wechselstrom erzeugen und drahtlos kommunizieren. Tesla war ein exzentrischer Pionier, der zum Liebling der New Yorker Gesellschaft avancierte und die größten Investoren seiner Zeit als Geldgeber gewann. Doch eines war er nie: ein Geschäftsmann. Von den einen ließ er sich übers Ohr hauen, die anderen verloren das Vertrauen in ihn – schließlich starb er verarmt und einsam, ohne seine Visionen verwirklicht zu haben.

Der junge Larry, Sohn eines Computerwissenschaftlers und einer Programmiererin in Michigan, liest das Buch in einem Rutsch. Als er fertig ist, fängt er an zu weinen und hört eine ganze Weile nicht mehr auf. Am Anfang des Buches hat er gedacht: "Wow, wie erstaunlich, er konnte dieser wahnsinnig tolle Erfinder sein und Trafos und all diese Dinge entwickeln, die wir heute noch benutzen." Aber Teslas Geschichte wird von Seite zu Seite trauriger. "Es wirkte wie ein Scheitern, dass er seine Forschung kaum finanzieren konnte", erinnert sich Page. "Man denke nur, was er hätte erreichen können, hätte er bloß mehr Geld gehabt."

Larry Page ist förmlich als Technikfreak geboren. Schon im Grundschulalter nimmt er Computer auseinander und baut sie wieder zusammen, und als Erster in der Schule erledigt er seine Hausaufgaben am Rechner. Später denkt sich der menschenscheue Schüler wilde Innovationen aus: ein in den Himmel gespanntes Seil, an dem entlang Satelliten einfach in ihre Umlaufbahn aufsteigen können; oder eine futuristische Hochbahn, bei der jeder Passagier im eigenen Wagen zu seinem Ziel unterwegs ist. Doch seit jener Nacht mit Tesla ist Page mehr als der ultimative Nerd – im Kopf wird er zum Geschäftsmann, er denkt: Will ich wirklich viele Menschen erreichen und die Welt verbessern, muss ich eines schaffen – meine Erfindungen schnell und radikal kommerzialisieren.

Als Forscher braucht man lang, zehn Jahre oder zwanzig, bis man mit seinen Erfindungen bei den Menschen ankommt. In den jungen kalifornischen Computerfirmen geht es deutlich schneller. Page ist fasziniert, bewirbt sich fürs Promotionsstudium in Stanford, der Uni im Herzen des Silicon Valley. Noch geht seine Fantasie in viele Richtungen. Telepräsenz, also Anwesenheit an einem fernen Ort. Selbst fahrende Autos. Am spannendsten findet sein Professor die Idee, die Struktur des noch jungen World Wide Web zu erkunden. Page macht sich ans Werk und erkennt bald, dass die Bedeutung der einzelnen Inhalte damit zusammenhängt, wie zahlreich die zu ihnen führenden Links sind. Wenig später wird genau das die Grundlage für eine neuartige Suchmaschine. Sein Partner Sergey Brin und er nennen sie Google, nach einer ungeheuer großen Zahl mit hundert Nullen, die im Englischen googol heißt.

Larry Page hat die Lektion aus seiner Jugend ziemlich erfolgreich angewendet oder, wie er selbst sagt: "Bisher kann ich mich nicht beklagen." 17 Jahre ist Google erst alt und hat zuletzt mit 55.000 Mitarbeitern gut 60 Milliarden Dollar Umsatz und fast 15 Milliarden Dollar Nettogewinn erzielt – vor allem dank der Werbung im Internet, das global weit mehr als zwei Milliarden Menschen nutzen. Kein Wunder also, dass der kalifornische Konzern mit etwa 350 Milliarden Dollar Börsenwert zu den wertvollsten Unternehmen überhaupt zählt. Und der 42-jährige Page ist hier nicht bloß der Gründer und Chef, sondern hält – zusammen mit seinem Geschäftspartner – auch die Mehrheit der Stimmrechte. Das gibt es sonst nicht in der Liga der Weltkonzerne.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 21.5.2015.

Es macht den Erfinder aus Michigan wohl zum einflussreichsten Unternehmer der Welt. Und diesen Einfluss nutzt er jetzt, um technologische Durchbrüche zu erzielen. Google baut selbst fahrende Autos, entwickelt Roboter, fliegende Windturbinen oder riesige Kommunikationsballons und versucht mit Hightech die Medizin zu revolutionieren. Andere Unternehmer wie der Microsoft-Gründer Bill Gates stecken ihre Milliarden in Stiftungen, nicht aber Larry Page. Er will die Welt mit unternehmerischen Mitteln verändern. Er ist eine Art Jules Verne mit Geld.

Page vollzieht ein historisches Experiment: Kann ein Konzern, der ein Geschäft so gut beherrscht und so vehement verteidigt wie Google, mit weiteren Innovationen noch erfolgreicher sein? Alle Giganten der amerikanischen Industriegeschichte sind an ähnlichen Herausforderungen gescheitert. General Motors wollte das Ingenieursunternehmen schlechthin werden – und musste nach langem Abstieg vom Staat gerettet werden. IBM verlor den Softwaremarkt an Microsoft, als die Personalcomputer aufkamen, Microsoft wiederum musste Google die Position als führendes Internetunternehmen überlassen.

Bei seinem Experiment hat es Larry Page daher gleich mit zwei Kohorten von Kritikern zu tun: Investoren in Amerika sorgen sich, dass er die Google-Milliarden verbrennen könnte, auf der anderen Seite des Ozeans fragen sich die Europäer bange: Was, wenn er Erfolg hat? Kontrolliert Google dann unser Leben?

Höchste Zeit, mit dem Mann zu sprechen, der so selten redet. Jahre hat es gedauert, viele Gespräche mit seinen Mitarbeitern waren dazu nötig. Dass der Anruf mit der Zusage jetzt kam, könnte an Googles Charmeoffensive gegenüber Europa liegen. Gerade hat der von den Wettbewerbshütern attackierte Konzern eine Initiative für europäische Zeitungen verkündet: Google will gemeinsam mit verschiedenen Verlagen neue Wege für digitalen Journalismus finden und zudem 150 Millionen Euro für innovative Ideen bereitstellen. Der Zeitverlag gehört zu den Gründungsmitgliedern des Projekts – was seine Journalisten nicht im Mindesten daran hindert, unabhängig über Google zu berichten.

Mitte April in Mountain View. Der Ort im Süden des Silicon Valley ist Google-Land. Zwischen den Schachbrett-Straßen stehen halbhohe Gebäude mit den bunten Logos, dazwischen Spielzonen und Lounge-Sessel, Fahrradständer und Parkplätze mit Stromladestationen – das Page-Reich, eine verspielte Ausgabe der Stanford-Uni. Jährlich bewerben sich hier zwei Millionen Menschen um Jobs, 5.000 werden genommen. Bis die neuen Öko-Hauptgebäude mit ihren weißen, in den Boden fließenden Dächern fertig sind, arbeitet der Chef in einem verglasten Haus nahe dem alten Zentrum. Das Treffen findet in einem schlichten Konferenzraum im zweiten Stock statt.

Was man wissen sollte: Larry Page ist nicht gesund. Er hat schon seit mehr als einem Jahrzehnt Hashimoto, eine bei Männern seltene Autoimmunerkrankung. Sie verursacht eine chronische Entzündung der Schilddrüse, deren Folgen mit Hormontabletten ausgeglichen werden müssen. Hashimoto kann zu Schwäche und Gewichtszunahme führen und viele andere Symptome mit sich bringen. Page sagt, ihn behindere die "ziemlich gutartige" Krankheit nicht. Ob seine deutlich auffälligere Stimmbandstörung damit zu tun hat, kann niemand genau sagen. Jedenfalls hat sich sein linkes Stimmband nie von einer länger zurückliegenden Lähmung erholt, und 2012 erkrankte das rechte dazu. Eine Weile blieb Page deshalb sogar wichtigen Geschäftsterminen wie dem Aktionärstreffen von Google fern. Seither hat die Frage, wie er aussieht und wie er sich anhört, besondere Bedeutung.