Es ist Bernward Rothe ernst mit seiner Mission, das sieht man gleich an diesem Nachmittag auf dem Marktplatz von Halle. Der schüchterne Mann hält unzähligen Passanten seine Zettel entgegen. Aber sie weichen ihm aus, ihm, dem Weißhaarigen im schwarzen Anzug: Erst einer, dann zwei, dann acht Menschen gehen an ihm vorbei. Da nimmt Rothe seine Broschüren und steckt einfach je ein Exemplar in jeden Briefkasten von Halles Fußgängerzone.

Rothe hat ein Ziel. Dafür sammelt er Unterschriften an zugigen Infoständen in Weimar, Merseburg oder Grimma, dafür schreibt er Anträge an Parlamente und Ministerien, dafür durchforscht er Studien, dafür gibt er seine Diäten aus. Rothe ist SPD-Landtagsabgeordneter aus Halle in Sachsen-Anhalt, und sein Ziel heißt: Mitteldeutschland. Ein großes, starkes Bundesland; bestehend aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Ein hoffnungsloser Fall, eigentlich. Der 56-Jährige führt einen Kampf gegen die Wahrscheinlichkeit. Unzählige Politiker sind an dieser Idee gescheitert. Noch viel mehr Politiker lehnen sie sogar von Herzen ab.

Nur: Rothe ist ein Überzeugungstäter. Er hat die Zettel verteilt, er fährt zu seiner Wohnung im Zentrum von Halle. "Meine Lieblingsversion", sagt Rothe im Auto, "ist die Vollfusion der drei Länder." Im Kofferraum liegen Broschüren, Überschrift Infobrief Volksbegehren Mitteldeutschland. Der Politiker wirbt in Leipzig, Halle und drei angrenzenden Landkreisen für sein Ziel. Denn für eine Neugliederung des Bundesgebiets müssen Befürworter laut Grundgesetz in einem ersten Schritt in einem abgegrenzten, länderübergreifenden Gebiet mit mindestens einer Million Einwohner 7000 gültige Unterschriften sammeln. 10.000 Stück hat Rothe nach eigenen Angaben bereits beisammen.

Doch er sammelt weiter, damit die öffentliche Aufmerksamkeit nicht schwindet. Denn im nächsten Schritt müsste jeder zehnte Wahlberechtigte dieses Gebiets binnen 14 Tagen in kommunalen Ämtern für den Volksentscheid unterschreiben. Eine zu hohe Hürde, kritisiert Rothe. Er hat deshalb den Petitionsausschuss des Bundestags gebeten, die Frist auf sechs Monate zu verlängern. Nach fast zwei Jahren Warten kam vor Kurzem die Ablehnung. Ein Rückschlag. Warum macht er weiter?

Rothe öffnet die Wohnungstür. Zwei Zimmer, Küche, Bad. An den Wänden stehen Regale voller Bücher und Aktenordner, selbst in der kleinen Küche. "Ich bin leider Junggeselle geblieben", sagt Rothe. "Deswegen habe ich keine Familie, dafür viele Bücher." Nach dem zweiten Staatsexamen zog der junge Jurist 1991 von Köln nach Halle. Er, in Bonn geboren, hoffte, etwas Neues aufbauen zu können.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 21.5.2015.

Mit Erschrecken sah Rothe, wie die eilig beschlossenen Grenzen der "neuen Länder" rasch Fakten und Pfründen schufen. Kurz nach dem Aufbruch begannen die Strukturen schon wieder zu erstarren. Rothe fand sich damit nicht ab. Mitte der neunziger Jahre plädierte er auf einer Juristenveranstaltung zum ersten Mal für die Zusammenlegung der drei Bundesländer. Heute arbeitet der Abgeordnete mit aller Kraft daran, seinen Arbeitsplatz abzuschaffen. Es gehe ihm, so versichert er, dabei allein um die Sache. Einen Posten strebt er nicht an. Bei der Wahl 2016 wird er nach 18 Jahren sowieso nicht mehr für den Landtag kandidieren.

An den Infoständen wirbt Rothe mit beeindruckenden Zahlen. Seinen Berechnungen zufolge käme ein geeintes Mitteldeutschland jedes Jahr mit mehr als einer Milliarde Euro weniger aus als Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen getrennt voneinander. Weniger Bundesländer, das hieße: weniger Ministerialbeamte, weniger Abgeordnete.

Seit Jahrzehnten blitzt diese Idee immer wieder auf. Besonders ausdauernd warb Sachsen-Anhalts Finanzminister Jens Bullerjahn (SPD) für den "unausweichlichen und zwingenden" Zusammenschluss. Im Sommer 2013 erklärte Bullerjahns Chef, Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU): "Wenn Länderfusionen bundespolitisch gewollt sind, die Interessen der schwächeren Länder dabei berücksichtigt werden, werden wir uns in Mitteldeutschland der Fusionsfrage sicher nicht verschließen." Doch den Appellen folgte – nichts. Die Befürworter sagen, erst müssten weitere Kooperationen zwischen den drei Ländern entstehen. Dann ließe sich über eine Zusammenlegung reden, irgendwann. Bernward Rothe hält das für "Aufschieberitis", behauptet: "Kein Politiker beschließt die eigene Abschaffung. Deshalb müssen das andere beschließen." Die Bürger.

Als Kompromiss kann er sich vorstellen, dass die Zahl der Abgeordnetenmandate über Jahre schrittweise um die Hälfte sinkt. Seine Fraktion reagiert kühl auf solche Pläne. Pflichtschuldig bedauert ihr Sprecher den Rückzug des "erfahrenen und geschätzten Kollegen" aus dem Landtag. Aber die Parlamentarische Geschäftsführerin Petra Grimm-Benne blickt skeptisch auf Rothes "Privatinitiative", sie sagt: "Die Fraktion verfolgt das nicht. Ich sehe dafür im Moment auch keine realistische Mehrheit in den drei Bundesländern."