"Ein Schuss Anti-Amerikanismus kommt in Deutschland immer gut an", notiert Berthold Kohler in der FAZ mit Blick auf Sigmar Gabriel, der die BND-NSA-Interessengemeinschaft zur "Staatsaffäre" hochgepusht hat. Ein bisschen was holt der AA immer – siehe den SPD-Wahlsieg 2002. Doch selbst Gerhard Schröder nutzte die Waffe nur zaghaft. Im Irakkrieg gab er den treuen Verbündeten, der den USA Überflugs- und Stützpunktrechte einräumte. Regierungschefs müssen anders agieren als Wahlkämpfer.

Tatsache aber ist, dass Amerika in den deutschen Medien nicht gut wegkommt. Tief sitzen im deutschen Gemüt Abwehr und kulturell-moralische Überlegenheitsgefühle, wie sie diese Umfrage widerspiegelt: Ist die amerikanische "Konsum- und Wegwerfgesellschaft ein abschreckendes Beispiel"? Fast drei Viertel stimmen zu (2013).

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 21.5.2015.

Damit tut sich ein hübsches Paradox auf. Wahrscheinlich ist Deutschland das "amerikanisierteste" Land in Europa. Made in USA beherrscht, was wir hören, gucken, lesen, tanzen, essen und anziehen. Von Hip-Hop über Breaking Bad bis zur Ray-Ban. Der "Sommerschlussverkauf" ist dem täglichen "SALE" gewichen. McDonald’s "I’m lovin’ it" ist direkt ins deutsche "Ich liebe es" übersetzt worden. "We love to entertain you" ist der Slogan eines deutschen Senders. Wir "checken" und "canceln", nutzen "Hotlines" und "Catering". Geschäfte nennen sich "Street Culture Store" oder "American-Style Nail Care".

"Na ja", schallt es zurück, "aber wir haben die Hochkultur." Trotzdem besuchten 1,2 Millionen 2004 die MoMA-Ausstellung in Berlin. Unvergesslich bleibt der verstorbene SPD-MdB Hermann Scheer, ein Experte im Amerika-Bashing. Im Disput mit diesem Autor wechselte er plötzlich das Thema: "Sach mal, du warst doch in Harvard. Kannst du helfen, meine Tochter da reinzukriegen?"

Die Sache ist also hoch ambivalent. Sieben von zehn wollen Amerika nicht als "Vorbild" sehen. Zugleich aber nehmen die Deutschen vergnüglich alles Amerikanische an. Aber Zuneigung? Schon die 68er, die mit Steinen auf das Amerika-Haus losgingen, trugen Jeans und US-Army-Kutten und spielten dabei Jimi Hendrix ab. Kulturelle Durchdringung ist eben nicht "Soft Power", um ein importiertes Modewort aufzunehmen.

Vor sechzig Jahren versuchte Hannah Arendt die Ambivalenz zu erklären: Amerika sei der Rammbock der "Moderne": "Traum und Albtraum", Magnet und Monstrum. Verlockung aber zeugt Ressentiment und Kompensationsdrang. Unser aller Onkel Sigmund würde dozieren: Je mehr sich einer der Verführung hingibt, desto stärker betont er seine moralisch-kulturelle Vorherrschaft.

In der realen Welt aber müssen die Dinge im Lot bleiben. "Wir machen nicht, was die NSA macht" lautet die hehre Parole. Der BND tut aber, was er tun muss, um Terror schon im Keim zu ersticken. Und um Tauschmaterial im Geschäft mit anderen Diensten zu gewinnen; wer nichts hat, kriegt nichts. Die Grenze ist klar: Er darf nicht im Inland schnüffeln. Darum geht es, nicht um den Amerika-"Pudel" namens Merkel, wie die Linke höhnt. Das weiß auch Sigmar Gabriel, der nun in der Regierung die Opposition gibt. Das Staatsvolk honoriert es nicht. Im direkten Match gegen Merkel fällt er um zwei Punkte auf elf zurück. Die Kanzlerin kriegt 47 Punkte mehr.