Die Aussendung des Heiligen Geistes auf die Apostel: "Hortus Deliciarum" von Herrad von Landsberg, um 1180

Wenn es der Zeitgeist je geschafft hat, in einem einzigen Satz unterzukommen, dann in diesem Werbespruch: "Unterm Strich zähl ich!" Das moderne Ich ist die Sonne, um die alles kreist. Sie strahlt aus sich selbst, sie braucht nur sich selbst und fällt niemandem zur Last. In der Egoshooter-Gesellschaft kreist jeder um seine eigene Umlaufbahn, und was die isolierten Bürger verbindet, das sind ihre gegensätzlichen Interessen, denn: "Unterm Strich ..."

Wer diesen Typus einer liberalen kapitalistischen Gesellschaft für den Stein der Weisen hält, dem wird die Idee des Pfingstfestes kurios vorkommen, wie ein Traditionsrelikt mit Weihrauchkomponente: Unter den Talaren – der Muff von zweitausend Jahren. Doch säkulare Selbstgewissheit ist fehl am Platz. Tatsächlich ist die Pfingsterzählung ein radikaler Gegenentwurf zur Gesellschaft der atomisierten Bürger, denn sie stellt die Frage: Was hält eine Welt zusammen, die nur aus Einzelkämpfern besteht? Eine Gesellschaft, in der unterschiedlichste Kulturen aufeinanderprallen, die oft nur eines gemeinsam haben, nämlich ihre schier unüberwindliche Fremdheit?

Was den Zustand der Gesellschaft im Galiläa der dreißiger Jahre angeht, nimmt die Bibel kein Blatt vor den Mund. Die multikulturelle Gesellschaft war keine Idylle; es gab die üblichen Kulturkämpfe zwischen Einheimischen und Migranten, und mit den römischen Besatzern war ohnehin nicht zu spaßen. Der mitleidlose Machthaber hatte gerade einen jüdischen Unruhestifter am Kreuz hinrichten lassen, nachdem ihm dessen Friedensbotschaften gefährlich geworden waren. Damit hatten die Jünger ihren Anführer verloren – den charismatischen Intellektuellen Jesus von Nazareth.

Was dann am jüdischen Wochenfest geschieht, trägt zu Recht den Namen "Wunder". Ein "Brausen" entsteht, und plötzlich hört jeder den anderen in seiner eigenen Muttersprache reden. Wildfremde Menschen sprechen mit einer Zunge. "Sie gerieten außer sich vor Staunen: Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden?" Jedenfalls sind die Menschen seltsam beseelt und "eines Geistes". Römer, Kreter, Ägypter, Parther, Meder, Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Menschen aus Phrygien und Pamphylien.

Mit anderen Worten: Die menschlichen Sprachen bleiben zwar immer noch voneinander geschieden, aber sie sind keine undurchdringlichen Universen mehr – sie lassen sich vollständig ineinander übersetzen. Jeder versteht jeden, und man muss nicht Muttersprachler sein, um eine fremde Kultur verstehen zu können. Für einen wunderbaren Augenblick ist es vorbei mit der babylonischen Sprachverwirrung, die die Strafe für den größenwahnsinnigen Turmbau zu Babel war – den Versuch des Menschen, gottgleich zu werden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 21.5.2015.

Das Pfingstereignis ist unerhört, es ist revolutionär. Die "Feuerzungen", so beteuert die Bibel, machen keinen Unterschied zwischen den Menschen, vor dem Heiligen Geist sind alle gleich: "Auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder." Frauen und Männer, Freie und Sklaven, Juden, Griechen, Römer – alle sind erfüllt von dem einen universalen Geist. Dass der "Geist" wie eine Flamme ist, das ist altes griechisches Denken; aber dass der Geist eine radikale Gleichheit freisetzt und alle Sprachmauern niederreißt, dies bedeutet für die antike Sklavenhaltergesellschaft eine "unglaubliche" Provokation.

Pfingsten ist Differenz ohne Feindschaft und ohne Gewalt

Nun behauptet die Bibel nicht, dass die Menschen sich plötzlich zum Verwechseln ähnlich gesehen hätten. Nein, in ihrer Gleichheit sind sie sehr wohl Unterschiedene; die Römer bleiben Römer, und die Griechen bleiben Griechen. Gleichwohl verbürgt der egalitäre "Heilige Geist" die Einheit ihrer Unterschiede; er verbürgt das Gemeinsame jenseits brutaler Trennungen, jenseits von Herkunft und Religion. Pfingsten ist Differenz ohne Feindschaft und ohne Gewalt. Kein Wunder also, dass das Ereignis einen abgründigen Schrecken auslöst. Die Menge ist bestürzt und zutiefst verwirrt, ganz so, als sei ihr unter der Knute des römischen Imperiums die gegenseitige Entfremdung derart zur zweiten Natur geworden, dass ihr das jähe Ende dieser Entfremdung wiederum – fremd vorkommt. Außenstehende halten die Erleuchteten deshalb für verrückt und vermuten, sie seien "voll von süßem Wein".

Noch heute lässt die Pfingsterzählung das Herz eines jeden Sprachphilosophen höherschlagen. Ist es nicht wunderbar, dass schon vor zweitausend Jahren das rein Symbolische – die menschliche Sprache – über die unerbittliche Faktizität gesellschaftlicher Macht den Sieg davontrug? Gibt die Bibel nicht dem Philosophen Walter Benjamin recht, der sagt, die Sprache sei die eigentliche Sphäre der Gewaltlosigkeit?