Also warnt sie vor radikalen Predigern in Moscheen. Also nimmt sie die Schulen und die Medien in die Pflicht. Aufklären, aufklären, aufklären. Vor allem aber knöpft sie sich die islamischen Vereinigungen vor. Sie müssten sich endlich kritisch mit der eigenen Religion auseinandersetzen. Denn der militante Islamismus, sagt Manea, nähre sich immer aus seinen gewaltlosen Ablegern. "Am Ende einer Radikalisierung steht Gewalt. Das ist die Charakteristik einer totalitären Ideologie." Solange Muslime reflexartig jegliche Verbindung zwischen den Extremisten und den Lehren des Islams verneinten, könne es keine Fortschritte geben.

Sie schaut über den kleinen Cafétisch, fokussiert das Gegenüber und sagt: "Es braucht eine grundlegende Reform des Islams." Die Trennung von Staat und Justiz von der Religion. Die Gleichstellung von Mann und Frau – und die Anerkennung universaler Menschenrechte.

Sie selber besucht nur Moscheen, in denen Frauen und Männer miteinander beten dürfen. Mit dieser Haltung leitete sie im Haus der Religionen in Bern ein islamisches Gebet; sie, als Frau, das Haar unbedeckt. Etwas, was für die meisten gläubigen Muslime undenkbar ist. Sie mischt sich ein, wenn Schweizer Professoren vorschlagen, Scharia-Gerichte für hierzulande lebende Muslime anzuerkennen: "Die Scharia leistet Ungleichbehandlungen von Frauen Vorschub und legitimiert, je nach Interpretation, noch heute Kinderheiraten und Zwangsehen." Sie ärgert sich gewaltig, wenn eine von Justizministerin Simonetta Sommaruga beauftragte Expertengruppe damit liebäugelte, die Polygamie zu legalisieren. Wer so denkt, der ignoriere "die patriarchalen Strukturen der Polygamie und verniedliche die Demütigungen und den Schmerz der Frauen, die gezwungen sind, in polygamen Ehen zu leben". Und Elham Manea will, dass nur Volljährige in der Schule ein Kopftuch tragen dürfen: "Die Schule muss ein neutraler Raum sein, in dem sich Kinder frei entfalten können."

Die Weitgereiste bezeichnet sich selber als "Weltbürgerin". Dreh- und Angelpunkt ihres Lebens ist aber Bern. Hier lebt sie mit Mann und Tochter, hier geht sie walken, zur Nachbarin zum Yoga, in die Gartenbeiz auf ein Glas Wein. Wer Elham Manea in ihrer Wohnung besucht, tritt in einen Haushalt, so schnörkellos wie die Hausherrin selbst. Außer dem Modell eines jemenitischen Altstadthauses über dem Fernseher und der Jambia, dem traditionellen jemenitischen Krummdolch ihres Vaters, deutet kaum etwas auf ihre arabische Herkunft hin.

Dennoch ist die Wohnung ein kosmopolitischer Hotspot: Hier bloggt sie, hier schreibt sie ihre wissenschaftlichen Artikel. Rauft sich im virtuellen Raum, auf Facebook und Twitter, mit ihren Gegnern. Und hier laufen die Fäden der internationalen Solidaritätskampagnen für den saudischen Blogger Raif Badawi zusammen, der zu tausend Stockhieben und zehn Jahren Haft verurteilt wurde. Vor gut einem Jahr wurde Elham Manea von seiner Familie kontaktiert, die in Kanada Asyl erhalten hat, und gebeten, sich für Raifs Freilassung einzusetzen. Seither ist sie seine Sprecherin, fast täglich gibt sie Interviews für Bild, BBC oder Al-Arabija. Ihr Engagement für diesen jungen Mann, dem sie noch nie persönlich begegnet ist, ist längst zum Sinnbild ihrer Arbeit geworden: "Raif ist ein Symbol für die Millionen von Frauen und Männern, die ihr Leben riskieren, um jene Rechte zu erlangen, die für uns in der Schweiz selbstverständlich sind."

Selbst wenn sich Elham Manea in Rage redet, bleibt sie wohltuend geerdet, ja bodenständig, und strahlt eine angenehme Ruhe aus. So etwa, wenn sie erzählt, wie sie diesen Januar, nach dem Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo, Mohammed-Karikaturen in den sozialen Medien teilte, um für die Meinungsfreiheit ein Zeichen zu setzen. Wenn sie von den Reaktionen berichtet, die danach über sie hereinbrachen; Applaus, vor allem aber Hass und Unverständnis. "Ich versuche dann immer, mich in die Haut des anderen zu versetzen und gleichzeitig meine Position klarzumachen", sagt Manea. Als man sie gar mit dem Tod bedrohte, antwortet sie: "Ich kann verstehen, warum ihr wütend seid. Mohammed ist ja auch mein Prophet. Aber verteidigen wir den Propheten, indem wir in seinem Namen töten? Beschmutzen wir ihn dadurch nicht erst recht?"