Das Radio war die Rettung für Roddy Dangerblood. 1983 im Landkreis Plön, an der Ostseeküste Schleswig-Holsteins. Roddy war ein Punk. Er hatte das Gymnasium, die Realschule und das Jugendaufbauwerk für schwer erziehbare Jugendliche abgebrochen. Um seinen Eltern zu beweisen, dass er etwas durchziehen konnte, hatte er eine Töpferlehre begonnen. "Die Lehre, die totale Leere", sollte Roddy später über diese Zeit schreiben.

Während der einsamen Tage in der Töpferwerkstatt war das Radio Roddys einziger Kontakt zur Außenwelt. Es liefen NDR 1 oder NDR 2, Dudelfunk, doch manchmal kam ein Song, den Roddy liebte. "Wenn ich hinter meiner Töpferscheibe auf die Kirchenmauer starrte und Radio hörte, dachte ich oft an Bowie oder Annie Lennox", schreibt er. "Wie sich ihnen die Welt präsentierte und wie sie sich mir darbot."

Das Radio war damals ein Wegweiser in eine bessere Welt. Bald darauf zog der Junge, der sich bis dahin Roddy Dangerblood genannt hatte, nach Hamburg, gab sich einen anderen Namen und erfand sich neu. So beschreibt es Rocko Schamoni in Dorfpunks, seinem autobiografisch geprägten Bestsellerroman.

Man muss ein bisschen vorsichtig sein mit Schamonis Jugenderinnerungen. In Risiko des Ruhms, einem früheren Buch, das auch schon als autobiografisch angekündigt worden war, hatte er sich noch als Sohn eines indischen Schlangenbeschwörers ausgegeben. Die Sache mit der Rettung durch das Radio könnte allerdings stimmen. Denn es scheint, als hänge Rocko Schamoni dem heute noch nach.

Bevor er Schriftsteller wurde, Filmschauspieler, Theatermacher, Clubbetreiber (Golden Pudel) und Maler (das Studium an der HfbK hat er allerdings nach alter Manier abgebrochen), war Rocko Schamoni Musiker. Er spielte in Punkbands und trat als ironischer Schlagersänger auf. Nach langer Pause erscheint jetzt ein neues Album von ihm. Es heißt Die Vergessenen und enthält fast ausschließlich Coverversionen.

Das Album enthält eine exzentrische Mischung an Songs: Ein Stück des Filmmusik-Komponisten Ennio Morricone steht neben dem Dada-Pop von Jeans Team, ein Song des DDR-Jazzers Manfred Krug neben dem Revoluzzer-Rock von Ton Steine Scherben. Gemein ist allen Liedern, dass Schamoni sie zu Unrecht für "vergessen" hält – weil sie nicht im Radio laufen. Ausgeliefert wird die Platte mit einem Brandbrief. "Überall hören die Menschen die gleichen paar hundert Titel", schreibt Schamoni da.

Die Empörung ist rührend – und wirkt aus der Zeit gefallen. Denn die Gefahr, dass ein Song tatsächlich verloren geht, war wohl nie so gering wie heute. Es gibt Plattenfirmen, die Sampler mit Stücken japanischer Girlgroups der sechziger Jahre veröffentlichen oder neu aufgelegte Filmsoundtracks des tschechischen Autorenkinos. Die App Forgotify spielt derweil ausschließlich jene Tracks aus dem Streamingdienst Spotify, die bisher nicht ein einziges Mal abgerufen worden sind.

Im Internet machen sich einige einen Sport daraus, selten gehörte Sounds zutage zu fördern. Ihre Blogs heißen Music for Maniacs, Weirdomusic oder Awesome Tapes from Africa.

Wie hoch die Messlatte im Wettkampf der Entdecker inzwischen hängt, zeigten DJ Arok und DJ Scientist, als sie vor einigen Jahren einen einstündigen Mix veröffentlichten, der ausschließlich aus deutschsprachigem Funk besteht. Und, als wäre das nicht abseitig genug: aus deutschsprachigem Funk mit christlichen Texten. Wen kümmert es da noch, was im Radio läuft? WLAN ist das neue UKW. Der Mainstream befindet sich ohnehin im Erosionsprozess.