Es fing ja alles so gut an, so viel besser, als es zu erwarten gewesen war, geradezu traumhaft. Der Aufsteiger SC Paderborn 07, ein Verein, der noch nie in der Ersten Bundesliga gespielt hatte, startete raketengleich in die Hinrunde. Gegen Mainz, den HSV, den 1. FC Köln und Hannover 96 nur insgesamt zwei Gegentore und dann, am fünften Spieltag, als Tabellenführer nach München. Ob Pep Guardiola vielleicht doch etwas nervös war, un poquitito? Paderborns Trainer André Breitenreiter, so unbekannt wie seine Elf, hatte da vom Sportfernsehen schon einen Ehrentitel verliehen bekommen: André Spitzenreiter. Er quittierte es mit einem bübischen Lächeln.

Goldig gerahmt hängt der historische Tabellenstand seither beim SC-Vizepräsidenten und Vereinsgeschäftsführer Martin Hornberger im Büro. Sein Blick fällt gern darauf. Gleich nebenan das Bild mit der Bundeskanzlerin bei der Entgegennahme ihres blau-schwarzen Trikots. "Merkel" steht riesengroß drauf, Rückennummer 1.

Paderborn ganz oben. Dann ging es bergab. Der SC verliert in München 0:4. Nach der noch passablen Hinrunde die furchtbare Rückrunde. Das 0:5 in Mainz, das 0:3 zu Hause gegen den HSV. Die erfahrenen Gegner schießen sich auf die Nobodys ein und erinnern an das monetäre Prinzip der Liga: Das Geld schießt die Tore. Paderborn hat weniger davon als jeder andere Erstligist. Die ganze Mannschaft kostet im Jahr zusammen so viel wie ein einziger Bayern-Spieler im Schnitt: 15 Millionen.

Kann Paderborn sich halten? Diese Frage wird wohl offenbleiben bis zur allerletzten Minute der Saison. Ein Spieltag noch und der letzte Platz – da hilft nur noch Hoffen und Kämpfen; vom Beten nicht zu reden. Der Paderborner Dom mit dem Hasenfenster ist übrigens sehenswert.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 21.5.2015.

Sage einer, die Bundesliga sei langweilig, weil der Meister seit Wochen feststeht – am Ende der Tabelle ist schwer was los. Hamburg, Freiburg, Hannover, Stuttgart, Berlin: Welche zwei wird es treffen? Der Absteiger muss ja nicht aus Ostwestfalen kommen.

So jedenfalls sieht man es in Paderborn. Sowenig der Aufstieg hier als Wunder galt, sondern als verdientes Ergebnis harter Arbeit, so wenig will man einen möglichen Abstieg als Ergebnis höherer Gewalt verstehen. Noch lässt sich ja etwas dagegen tun.

Mit einem Sieg gegen Stuttgart am Samstag ließe sich Platz 16 erreichen, wenn der HSV nicht gegen Schalke gewinnt. Und Platz 16 hieße Relegation: zwei Entscheidungsspiele gegen den Drittplatzierten der Zweiten Bundesliga um die Frage der Erstklassigkeit.

Ende April, am 30. Spieltag, beim Heimspiel gegen Werder Bremen, war die arg geprüfte Paderborner Elf endlich wieder zu sich gekommen. Angriffsfußball vor proppenvollem Stadion, schon steht es 2:0 – und zu Recht. Aber dann machen die Bremer zur Halbzeit ein "doofes Tor", wie es auf den Rängen heißt, und danach noch ein zweites. Letztlich muss Paderborn in Unterzahl um den einen Mannschaftspunkt bangen.

Doofe Tore. Kein Bundesligateam verzeichnet mehr Gegentreffer als Paderborn. 63 sind es bis heute. Ein unwiderleglicher Hinweis auf Mängel in der Defensive. Die No-Name-Elf mochte mit ihrem Teamgeist die Zweite Liga dominieren; in der Ersten Liga hat sie es mit Mannschaften aus Alleskönnern zu tun. "Die Spieler sind abgezockter", resümiert Mannschaftskapitän Uwe Hünemeier. "Sie haben eine Cleverness, die uns noch fehlt." Eine kleine Unaufmerksamkeit, und im Nu ist der Ball im falschen Tor. Das ist wirklich doof, und dies zu ändern wäre die wichtigste Aufgabe für die nächste Saison.

Natürlich gibt es mehr Schwächen. Einen Rückstand stecken sie nicht so leicht weg. Bei Verletzungen ist der Ersatz nicht so stark wie bei der Konkurrenz. Schließlich mag sogar der anfängliche Erfolg zum Problem geworden sein: "Das Gefühl, wir können bestehen, wir haben was zu verlieren", so sagt es Paderborns Sportmanager Michael Born, "und dann ist plötzlich die Lockerheit weg."

Seit dem Spiel gegen Werder gab es einen Erfolg und zwei Misserfolge. Man oszilliert in der Abstiegszone. Und doch ist in Paderborn alles anders als anderswo. Die Stimmung ist gut, vom Hamburger Jammer keine Spur. Die Stadt empfindet immer noch Dank für das Dabeisein in der Ersten Liga, ein Gefühl, das von den Niederlagen kaum geschmälert wird.

Nach dem 0:6 gegen Bayern München in der Rückrunde bleiben die Fans in der Südkurve eine Stunde lang sitzen und singen. Gegen die hammerharte Niederlage steht die Tatsache, dass Bayern München tatsächlich gekommen ist. Nach Paderborn! In einen Ort, von dem viele bis dahin gar nicht wussten, wo er eigentlich liegt.

Jens Reinhardt, Sprecher der 147.000 Einwohner zählenden Stadt, spricht von "einer Art Urlaubsstimmung", die seit dem Aufstieg über allem liege. Davor habe man sich für den heimischen Fußball nicht sonderlich interessiert; inzwischen sei er das Gesprächsthema schlechthin. Zum einen kämen die großen Namen in die Provinz, zum anderen komme die Stadt in der Welt groß heraus.

Der Vereinsgeschäftsführer Hornberger spricht von den 208 Ländern, in welche die Bundesliga übertragen werde. Paderborns Ruf dringe bis nach Asien, wenn es gegen den VfL Wolfsburg gehe, der Xizhe Zhang, einen Mann aus dem Reich des Mittelfeldes, verpflichten konnte. Da schauen dann schon mal 40 Millionen Chinesen zu.

Die Welt nimmt auch Notiz vom "Tor des Jahrhunderts", das dem Paderborner Mittelfeldspieler Moritz Stoppelkamp am 8. September 2014 gegen Hannover gelingt. In der 93. Minute wagt sich der gegnerische Torwart bis weit in die Paderborner Hälfte vor, um den 0 : 1-Rückstand ausgleichen zu helfen. Stoppelkamp drischt den Ball über ihn hinweg in Richtung des fernen gegnerischen Kastens – und der Ball hoppelt und rollt tatsächlich hinein. 82,3 Meter, Weltrekord! "Irre, diese Paderborner", analysiert Bild.

Eine baumlose "Moritz-Stoppelkamp-Allee" vor dem Stadion erinnert an den Weitschuss. An ihrem Anfang grüßt Stoppelkamp als Pappkamerad. Von den 1.900 Fahrradständern (auch das ein Rekord) bis zum Eingang der Benteler Arena zieht sich eine ewig lange blaue Linie hin. "Stoppeltooooor!" Die Fans haben den Jubel noch im Ohr. Und der Stadt-Sprecher Reinhardt erzählt von der E-Mail, die ihn aus Australien erreichte. "Sagenhaft! Super!" Das sei der Tenor gewesen.

Paderborn ist kein Freiburg und kein St. Pauli. Der SC, vor wenigen Jahren aus Fusionen entstanden, ist kein seit Ewigkeiten kultisch verehrter Club. Die Stadt entdeckte ihren Verein nur unwesentlich früher als der Rest der Welt. Insofern könnte man sagen: Auch Paderborn weiß jetzt, wo Paderborn liegt. Zuvor war man sich da nicht immer so sicher gewesen.

Die Stadt hat Wirtschaftskraft und Potenzial, einige global führende Unternehmen sogar. Benteler-Rohre, Claas-Traktoren, Comprion-Testgeräte, Wincor-Nixdorf-Geldautomaten. Aber sie hatte immer auch ein Problem mit ihrem Selbstbild. Das Nichtwahrgenommenwerden nagte am Ego. Selbst Bielefeld genoss dank Arminia größeres Ansehen. Ausgerechnet Bielefeld! Die Paderborner sind den Bielefeldern so innig verbunden wie die Kölner den Düsseldorfern. Bei Düsseldorf weiß immerhin jeder, wo es liegt.