Eine lange Treppe hoch. Und noch eine. Ganz oben, in den verwinkelten Gesindekammern des klassizistischen Palais von Senator Jenisch an der Elbe, ganz weit draußen, weit vor den Toren der Innenstadt, hat man sie splendid versteckt: die Bilder und Zeichnungen des Thomas Herbst. So feiert Hamburg einen seiner größten Maler, zu dessen hundertstem Todestag in diesem Jahr.

Was hatte man erwartet? In Hamburg!

Aber nicht doch. Thomas Herbst hätte das gefallen, so unterm Dach. Nichts lag ihm ferner als die Attitüde eines Malerfürsten, eines Lenbach, Makart, Munkácsy. Schon der weltkünstlerische Goldlebensrahmen des Berliner Großbürgers Max Liebermann blieb ihm fremd. Dabei war Liebermann ein Freund seit Jugendtagen, als sie 1876/77 am Pariser Boulevard de Clichy das Atelier miteinander teilten, als sie gemeinsame Bilder malten. War ein großer Bewunderer, wie Wilhelm Leibl, der stets eine kleine Herbst-Studie in seinem Malkasten verwahrte, oder Edvard Munch, der ihn in Hamburg besuchte.

"Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr." Nichts illustriert diese schnöde Einsicht schöner als die Viten des von stiller Selbstbemäkelung geplagten Herbst und des souveränen Liebermann. Und das galt gleichsam über Herbsts Tod hinaus: Der Versuch, sein Werk 1938 in einer großen Ausstellung auch in der Berliner Nationalgalerie und Münchens Pinakothek zu zeigen, scheiterte im Nazischlick. Nach dem Krieg wurden seine Bilder dann abgetan, oft zu lächerlichen Preisen gehandelt.

Aber auch das hätte Herbst nur amüsiert. Denn was hat er selber schon groß verkauft? Die letzten 15, 20 Lebensjahre arbeitete er ganz für sich, ohne noch am "Ausstellungsschwindel" teilzunehmen. Und es waren seine besten Jahre. Denn je älter er wurde, desto jünger wurden seine Bilder.

Geboren 1848 in eine gediegene Hamburger Familie, war er nach ersten Lektionen an Frankfurts Städelschule und einem privaten Berliner Institut durch Deutschlands Kunststädte und -akademien gezogen: Weimar, Düsseldorf, München ... dazwischen Holland und Paris. Die großen Niederländer und die neueren Franzosen, Corot, der Wald von Barbizon, das sind die Fixpunkte. Und Herbst kann’s: Frühe Bilder zeigen hübsch dekorierte Atmosphäre, ein bisschen vertüpfelt vielleicht, ein bisschen preziös. So wäre er in England gewiss ein eleganter Pferdemaler geworden, in Frankreich ein reizender Landschafter. Aber er kehrt nach Hamburg zurück.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 21.5.2015.

Dort lebt er von 1884 bis zum Tod 1915 bei seinen Schwestern. Wie Busch, wie Spitzweg, Keller, Brahms, Menzel, Schopenhauer und all die anderen verknurrten Genies des 19. Jahrhunderts ein ewiger Junggeselle, allerdings keinesfalls misanthropisch oder gar, in eigenen Worten, "ein langweiliger Peter". Herbst liebt die Salons, die Gesellschaft. Ein Causeur, der die Damen charmiert und seine sarkastischen Scherze gelungener findet als seine Bilder, die er bestenfalls als "leidlich geglückt" einschätzt.

Und doch bleibt er ein besessener Maler. 1897, noch vor der Gründung der Berliner Secession, findet sich an der Elbe eine Gruppe jüngerer Kollegen zu einem "Hamburgischen Künstlerclub" zusammen. Kunsthallendirektor Alfred Lichtwark, der die Kunstverwahranstalt Museum in eine weit ausgreifende Produktionsgenossenschaft verwandeln will, feuert sie an. Pleinair-begeistert ziehen sie los, "Spinat mit Ei" zu malen, wie wilhelminische Kennerschaft die farbfroh leuchtende Kunst denn auch sogleich denunziert. Herbst ist der Älteste in ihrem Kreis. Obwohl nicht weniger von Monet oder Degas beeindruckt, geht er eigene Wege – am liebsten querfeldein, im Frack über Wiesen und Weiden. "Da er viel zu Gesellschaften eingeladen wird", berichtet Malerfreund Arthur Illies, "hat er ältere Frackanzüge, die er nun beim Malen aufträgt. Hinten steckt ein Pinselvorrat, und vorne auf der Brust streicht er die Pinsel aus, so daß seine Vorderansicht genauso mit Farbe verkrustet ist wie seine Palette."

Waldränder, Gatter, trübe Wasser, ein verrottender Kahn. Bauernkinder, Arbeiter im Kartoffelacker, das geliebte Dorf Siethwende. Es ist nur ein winziger Motivkreis. Am Deich heißen die Bilder, Rotes Bauernhaus mit geöffneter Tür oder einfach nur Nach links abbiegender Weg. Aber welche Fülle an Grüntönen, an Ocker und zerstreutem Blau, an schwebendem Grau! Nichts flirrt und klimpert hier. Hier blüht nichts süßlich. Alles löst sich im Licht, in einer fliehenden Folge von Pinselstrichen, ein nüchterner Maler der fließenden Welt.