Manchmal lässt sich ein großes Drama auf ein einziges Symbol herunterbrechen. In diesem Fall ist es die deutsche Flagge. Seit 17 Jahren weht sie von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang am Heck dieses Schiffes, das Millionen Deutsche aus der Fernsehserie Das Traumschiff kennen, das Staatsmänner, Olympiasieger und Schauspieler beherbergt hat. Die MS Deutschland. Ein Mythos. Das letzte Kreuzfahrtschiff, das unter deutscher Flagge fährt.

Wobei fahren das falsche Wort ist. Die MS Deutschland liegt. Vor Gibraltar. Seit Monaten schon. Zum Ende ihrer Fernsehkarriere war sie verscherbelt worden an einen Finanzinvestor, der Kleinanlegern mit Anlagen in das Schiff ihr Erspartes abnahm. Dann war die MS Deutschland pleite. Es war ihr Ende als Traumschiff.

Im November gingen in Lissabon die letzten Gäste von Bord. Dann folgte eine Irrfahrt wie auf einem letzten großen Dreh: Cádiz, Algeciras, Málaga, schließlich Gibraltar. Dort klettern immer wieder Inspektoren möglicher Käufer zur Restbesatzung an Deck: Franzosen, Koreaner – und schließlich dieser kleine Amerikaner, der nun seit Wochen an Bord rumlungert, Bier trinkt, telefoniert, auf der Brücke seine E-Mails checkt. Von dem niemand weiß: Ist er die Rettung? Oder der Mann, der die deutsche Flagge einholen wird – und das Ende des Mythos besiegelt?

Am Morgen des 8. Mai liegt die MS Deutschland wie eine verwundete Schönheit im Gibdock, einer Werft an der Westseite von Gibraltar, noch immer strahlend weiß, aber am Bug klafft ein hässliches Loch, zwei mal drei Meter groß. Hinter ihr, auf der Backbordseite, erhebt sich der Felsen von Gibraltar, berühmt für seine Affen, die gern arglose Touristen bestehlen. Auch Robert Lambert, der kleine Amerikaner, auf den sich alle Aufmerksamkeit richtet, war schon oben. Einem seiner Begleiter haben sie die Zigaretten geklaut. Lambert konnten sie nichts abluchsen. Er ist kein Mann, den man so leicht übers Ohr haut. Schon ewig im Geschäft. Scheinbar die Ruhe selbst.

Lambert frühstückt Rührei mit Speck in der Mannschaftsmesse, Deck 3. Es ist ein Ort, den die wohlhabenden Gäste der MS Deutschland nie zu Gesicht bekommen haben: kahle Wände, orangefarbene Plastiktischdecken, Kaffee aus der 15-Liter-Pumpkanne. Auf den Tischen Aschenbecher voller Zigarettenstummel. Es riecht nach kaltem Rauch.

Auf Lamberts Visitenkarte steht: President, Cruise America Associates. Lange hat er für Cunard gearbeitet, eine große Kreuzfahrtreederei, die Ende der 1990er Jahre von einer noch größeren geschluckt wurde. Nun ist er Berater. Repräsentant des möglichen Käufers. Wer das ist? "Kann ich nicht sagen", sagt Lambert lächelnd. "Er würde mich erschießen."

Das Schiff ist leer wie ein Geisterschiff, bloß die Crew ist noch da und putzt es

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 21.5.2015.

Nur so viel verrät Lambert: Der Käufer komme aus Texas, er wolle die MS Deutschland wieder auf dem deutschen Kreuzfahrtmarkt anbieten. Zumindest im Sommer. Im Winter könne das Schiff an die amerikanische Organisation Semester at Sea verchartert werden, es würde dann zu einer schwimmenden Universität.

Kreuzfahrten und die Universitätsidee lassen sich aber nicht von heute auf morgen umsetzen. Lambert braucht eine Zwischenlösung. Jeder Tag, den das Schiff nur rumliegt, kostet nämlich 20.000 Dollar. Deshalb will er so schnell wie möglich mit der MS Deutschland nach Ägypten. Dort soll sie, das wäre Lamberts Zwischenlösung, hundert Tage lang im Sueskanal belgische und niederländische Bauarbeiter und Ingenieure beherbergen. Schon am 12. Mai soll das Schiff dort sein, in fünf Tagen. Eigentlich müsste Lambert also sofort los und in See stechen. Sonst könnte der Deal platzen, und die Bauarbeiter und Ingenieure könnten anderweitig unterkommen.

Auch wenn man es ihm nicht gleich anmerkt, Lambert steht unter Druck.

Da ist erstens: das Loch. Durch Kabinen auf Deck 3 kann man durch das Loch hindurch nach draußen gucken. Bei einem Sturm in Málaga war die MS Deutschland von der Pier weggebracht worden. Ein Seil riss, der Schlepper drückte zu stark gegen die Außenwand. Es entstand eine Beule, die herausgeschnitten werden musste. Nun sprühen die Funken der Schweißgeräte, Arbeiter fluchen, selbst nachts hört man ihr Klopfen und Hämmern bei dem Versuch, das Loch zu schließen.