Kommende Woche wird Ägyptens Präsident Al-Sissi zum Staatsbesuch in Berlin erwartet, und Parlamentspräsident Norbert Lammert verkündet mit einigem Getöse, dass er ihm die Gastfreundschaft verweigern werde. Er verweist auf die "systematische Verfolgung oppositioneller Gruppen" sowie auf eine "unfassbare Zahl von Todesurteilen". Auch den weggeputschten Präsidenten Mursi könnte es am 2. Juni treffen.

Über Grausamkeit und Rachsucht kann es keinen moralischen Streit geben. Sie sind unmenschlich, wobei es kaum tröstet, dass die Ägypter seit je nicht so schnell hängen, wie sie verhängen. Doch in der realen Politik regiert nicht die reine Moral. Wie halten wir’s denn mit dem chinesischen Staatschef Xi Jinping? Kein Land richtet mehr Menschen hin als China. Die Zahl ist Staatsgeheimnis, aber Amnesty International redet von Tausenden.

Dennoch wurde Xi vor Jahresfrist mit großem Gepränge in Berlin empfangen, vom Bundespräsidenten bis zur Kanzlerin. Der Mann ist ein Despot, ein Feind der Freiheit. Leider ist sein Land die Nummer vier im Ranking der Handelspartner Deutschlands; Ägypten scheint erst auf Platz 46 auf. China ist auf dem Weg zur Weltmacht, seine Wirtschaft ist die zweitgrößte der Welt. Da beißt man als Verantwortlicher die Zähne zusammen und hofiert den Gast mit gebremstem Eifer.

Die deutsche Politik hält für solche Fälle die probaten Versatzstücke bereit, wie zuletzt gegenüber dem neoimperialen Russland. Bitte weder "Eiszeit" noch "Sprachlosigkeit"; "jetzt erst recht miteinander reden". Kairo war nie eine "lupenreine Demokratie", um Gerhard Schröder abzuwandeln, aber es wird wieder die Vormacht in Arabisch-Nahost sein. Ohne Kairo sind Terrorbekämpfung und Stabilisierung nicht denkbar.

Holen wir weiter aus. Laut Freedom House, einem Institut, das alljährlich den Stand der Freiheit in der Welt misst, sind nicht einmal die Hälfte aller 195 Staaten "frei". Der Rest kriegt von Berlin die emporgereckte Nase? Das hieße: Bitte auch keine Besucher aus Russland, Zentralasien und Mittelost (minus Israel) mehr.

Wer die Moral zum höchsten Maßstab macht, tappt unweigerlich in die Falle der Heuchelei. Denn wir spielen trotzdem mit den Schmuddelkindern, wenn sie nur wichtig genug sind. Außerdem: Zwar lässt es sich vom hohen Ross gut rüffeln, aber der Erziehungswert sinkt unter null. Denn je autoritärer ein Land, desto heftiger werden die gelenkten Medien den Reiter beschimpfen, weil er das ganze Volk beleidige.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22 vom 28.5.2015.

Nun darf man unterstellen, dass es bei der Brüskierung nicht um Pädagogik, sondern um das heimische Publikum geht: "Schaut her, wie mutig ich das Gewissen der Nation verkörpere." Der Gestus ist umso ergiebiger, als er in Wahrheit nichts kostet. Denn Gauck und Merkel werden Sissi mit den üblichen Ehren empfangen und so die Interessen des Landes wahren. Sie werden der Staatsräson dienen, wenn auch mit rationierter Wärme. Und sie werden Sissi ins Gewissen reden, mit höflichen Worten die Druckmittel vorzeigen.

Die Gesinnungsethiker, um das Wort von Max Weber aufzugreifen, kann das nicht befriedigen. Politiker aber sind Verantwortungsethiker, die Konsequenzen bedenken und auf dem Hochseil zwischen Moral und Interesse balancieren müssen. Predigen ist einfacher als Politik.