Wodka. Ölsardinen. Und Speckstreifen. Das scheinen Oskar Grönings stärkste Erinnerungen an Auschwitz zu sein. Nicht die Berge von Leichen, die er dort brennen sah. Nicht die Schreie der jüdischen Kinder, Frauen und Männer, die er aus den Gaskammern hörte. Nicht einmal das Baby, das vor seinen Augen von einem SS-Mann gegen einen Lastwagen geschleudert und dann auf den Müll geworfen wurde.

"Wir kamen in Auschwitz an, und es gab all diese Dinge, die wir schon lange nicht mehr gesehen hatten", sagt Gröning. "Ölsardinen, Speckstreifen und vor allem: Wodka, Wodka, Wodka." Oskar Gröning, von 1942 bis 1944 SS-Unterscharführer im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz, nimmt sich eine Wasserflasche, lässt seinen Blick durchs Publikum im Gerichtssaal schweifen und sagt: "Ich mach das jetzt wie in Auschwitz mit dem Wodka." Dann kippt er die halbe Flasche hinunter.

Oskar Gröning, 93 Jahre alt, ist vor dem Landgericht Lüneburg der 300.000-fachen Beihilfe zum Mord angeklagt. Aber er sitzt da, als veranstalte er einen Dia-Abend.

Seit einem Monat wird verhandelt über Schuld und Unschuld des deutschen Staatsbürgers Oskar Gröning, der ganz und gar nicht leugnet, vor mehr als 70 Jahren in Auschwitz Dienst getan zu haben. Vordergründig geht es um Fragen wie diese: War Gröning ein Überzeugungstäter oder ein Verbrecher wider Willen? Sitzt da auf der Anklagebank ein strammer Ideologe oder ein bedauernswerter Greis, der das Pech hatte, in einer Diktatur erwachsen zu werden?

Doch je länger der Prozess dauert, desto klarer zeichnet sich ab, dass es in diesem Verfahren um weit mehr geht. Das liegt an Menschen wie Kathleen Zahavi, die drei Wochen nach Prozessbeginn wenige Meter vom Angeklagten Gröning entfernt sitzt und um Fassung ringt. Zahavi ist 86 Jahre alt. Sie hat Auschwitz überlebt. Die Zeit hat aus einem jungen Mädchen eine alte Frau gemacht, an diesem Tag ist sie als Zeugin geladen. Mit tränenerstickter Stimme fragt sie: "Warum, Herr Gröning? Warum durften Sie nach den Gräueltaten, die Sie mit ansahen und an denen Sie beteiligt waren, als freier Mann alt werden?"

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22 vom 28.5.2015.

Zahavi stellt diese Frage nicht nur im eigenen Interesse. Sie stellt sie für die mehr als einhundert Angehörigen, die sie in Auschwitz verloren hat. Ihre Mutter, ihren Vater, ihre Geschwister, ihre Cousinen, ihre Tanten, ihre Onkel. Sie stellt sie für Millionen Juden, die nicht mehr sprechen können.

Und Zahavi richtet ihre Frage nicht nur an den Angeklagten. Ihr Zorn verdeutlicht, dass sich in diesem Prozess die Justiz selbst verantworten muss: Warum – darauf zielt die Frage der Überlebenden – saßen von den etwa 6.500 SS-Männern, die allein in Auschwitz-Birkenau Dienst taten, bloß 43 auf einer bundesdeutschen Anklagebank? Wo sind die anderen 6.457? Sind sie verschwunden? Verschollen? Oder wurden sie verschont?

Es ist Zufall, dass der Prozess in Lüneburg, zu dem Kathleen Zahavi aus Kanada angereist ist und bei dem sich nun Überlebende aus allen Erdteilen treffen, zusammenfällt mit dem Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs und an die Befreiung der Vernichtungslager. Es werden Reden gehalten und Kränze niedergelegt, es wird von Schuld und Mord gesprochen – und zugleich wird ein Vakuum offenbar: Wer waren die Mörder? Wie steht es mit ihrer Schuld?

Meist warten Menschen wie Kathleen Zahavi vergebens auf Antwort.

Der Umgang der deutschen Justiz mit NS-Verbrechern

Warum sitzt jetzt, wie in Vertretung Tausender Täter, Oskar Gröning vor Gericht – warum saß dort aber nie Kurt Juraszek, ein ehemaliger SS-Unterscharführer und Gehilfe in der Lagerapotheke in Auschwitz? In den siebziger Jahren hatte die Frankfurter Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelt. Zeugen sagten aus, er sei mit der Herausgabe des Giftgases Zyklon B beauftragt gewesen, mit dem mindestens 900.000 Menschen vergast wurden. Juraszek bestritt die meisten Vorwürfe, räumte aber ein, "zwei- oder dreimal Zyklon-B-Büchsen" übergeben zu haben, so steht es in den Akten, die der ZEIT vorliegen. Zu einem Verfahren kam es nie, weil der Staatsanwalt nicht ausschließen wollte, "dass das Zyklon B bestimmungsgemäß Verwendung gefunden hat, also zur Entwesung von Kleidungsstücken und Baracken, nicht jedoch zur Tötung von Häftlingen". Kurt Juraszek konnte sein Nachkriegsleben als kaufmännischer Angestellter in Heidelberg weiterführen. Es ist nicht bekannt, ob er noch lebt.

Warum saßen dort, wo jetzt Oskar Gröning sitzt, nie auch jene 13 SS-Männer, die in Auschwitz als Mitglieder der Lager-Fahrbereitschaft die Menschen auf Lastwagen bis an die Türen der Gaskammern fuhren? Fast alle waren vor 40 Jahren geständig oder durch die Aussagen der anderen überführt, aber der zuständige Staatsanwalt notierte: "Die Mitglieder der Fahrbereitschaft erscheinen bei der Gesamtbeurteilung dessen, was im Konzentrationslager Auschwitz geschehen ist, als kleine Handlanger." Bei einem Banküberfall wird der Fahrer eines Fluchtwagens zumindest der Beihilfe angeklagt, bei den Todesfahrern von Auschwitz wurde das Verfahren eingestellt.

Und warum wurde Josef Hofer verschont, der in die Abwicklung der ankommenden Transporte eingebunden war? "In mindestens 30 Fällen", schrieben einst Ermittler in Behördendeutsch, habe er bei der "Durchführung des Tötungsprogramms im Konzentrationslager Auschwitz" geholfen. Aber auch bei ihm lasse der "begrenzte Tatbeitrag" die Schuld "gering erscheinen", zudem habe er nur auf Befehl gehandelt. Verfahren eingestellt.

Kurt Juraszek, Josef Hofer, die 13 Lastwagenfahrer: Sorgten nicht auch sie für den reibungslosen Ablauf des Holocaust? Warum entgingen sie, anders als Gröning, einem strafrechtlichen Prozess? Das deutsche Strafgesetzbuch definiert in Paragraf 27: "Als Gehilfe wird bestraft, wer vorsätzlich einem anderen zu dessen vorsätzlich begangener rechtswidriger Tat Hilfe geleistet hat." Was, wenn nicht vorsätzliche Hilfe zu vorsätzlichem Mord, soll es gewesen sein, das diese 15 Männer vor mehr als sieben Jahrzehnten getan haben?

Die einzige Strafe, die der deutsche Rechtsstaat jemals gegen sie aussprach, war folgende: Es werde davon abgesehen, "die notwendigen Auslagen der Angeschuldigten der Staatskasse aufzuerlegen", weil sie doch "in schwerste nationalsozialistische Verbrechen verstrickt waren". Die Schuld der Männer war nicht groß genug, um sie vor Gericht zu stellen. Groß genug aber, um sie die Kosten der Verfahren tragen zu lassen.

Es sind nur drei Beispiele von zahllosen Fällen aus fast allen Jahrzehnten bundesrepublikanischer Geschichte. Drei Fälle wie eine Blaupause für den Umgang der deutschen Justiz mit NS-Verbrechern. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg beriefen sich Juristen und Bevölkerung zunächst darauf, dass die Schuldigen entweder tot oder verschollen seien – oder von den Alliierten bereits zur Rechenschaft gezogen. Es hatte doch die Nürnberger Prozesse gegeben, dazu die Militärgerichtsverfahren der Amerikaner und Briten und zig Urteile in Israel sowie in Polen. Der Lagerkommandant von Auschwitz, Rudolf Höß, war gehängt worden.

Die Mühe, auch die Verantwortung der vielen kleinen Helfer zu vermessen, wurde lange gescheut. Es entsprach der Mentalität der Adenauer-Regierung, die NS-Vergangenheit möglichst schnell hinter sich zu lassen. Erst 1958 kam es zu einem ersten Verfahren eines deutschen Schwurgerichts, dem Ulmer Einsatzgruppen-Prozess. Vor Gericht standen zehn SS-Angehörige, sie alle wurden zu mehreren Jahren Zuchthaus verurteilt. Noch im selben Jahr wurde im schwäbischen Ludwigsburg die "Zentrale Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen" gegründet, in der Juristen Nazi-Gräuel untersuchen. Ihre Recherchen ermöglichten den sogenannten Frankfurter Prozess, die erste gründliche Auschwitz-Aufarbeitung von 1963 bis 1965, mit 22 Angeklagten, 360 Zeugen und mehr als 20.000 Prozessbesuchern an 183 Verhandlungstagen. Achtzehn Jahre nach Kriegsende.

Dass Männern wie Oskar Gröning 70 Jahre Zeit blieb, liegt daran, dass das Verfahren von Frankfurt zu einer "strafrechtlichen Katastrophe" führte. So sieht es der Kölner Strafrechtsprofessor Cornelius Nestler, der nun in Lüneburg viele Nebenkläger vertritt. Denn der Streit ging damals über mehrere Instanzen, am Ende blieben viele Handlanger freie Bürger. Warum, davon wird noch die Rede sein.

Alles an Gröning wirkt heute rentnerharmlos

Jetzt sitzt also Oskar Gröning vor Gericht – derart gebeugt und gealtert, dass sich weit mehr Mitleid für ihn regt, als es vor 20 oder 30 Jahren der Fall gewesen wäre. Die Zeit ist sein Verbündeter, heute wirkt alles an Gröning rentnerharmlos: Er trägt eine goldgerahmte Brille und einen beigefarbenen Pullunder, seine Augen wirken trüb, den Weg zur Anklagebank überwindet er nur mithilfe eines Rollators. Sieht so ein Mordhelfer aus?

Als sich am ersten Prozesstag der Staatsanwalt erhebt, um die Anklageschrift vorzutragen, ist es vollkommen still. Gröning hat einen Ausdruck der Anklage vor sich liegen, er liest jedes Wort mit, als wolle er kontrollieren, ob der Staatsanwalt einen Fehler macht. Er war sein ganzes Leben lang Buchhalter, auch in Auschwitz. Er sortierte, zählte und verbuchte das Geld, das die Deportierten mit ihrem Gepäck zurücklassen mussten. Er half dem NS-Regime, aus den massenhaften Tötungen Kapital zu schlagen.

In Lüneburg stehen viele Auschwitz-Überlebende zum ersten Mal seit ihrer Befreiung wieder einem Täter gegenüber: Hinter einer Reihe von Anwälten sitzen die Nebenkläger, Männer und Frauen, die wie Gröning alt geworden sind, aber mit der Zeit als Widersacher. Sie tragen Kopfhörer, die Sprache des Gerichts wird für sie ins Ungarische, Hebräische, Englische übersetzt. Sie sind gekommen, um Gröning zuzuhören. Ihm in die Augen zu sehen. Ihre Geschichten aus Auschwitz zu erzählen. Und Gröning endlich zu sagen, was Menschen wie er damals angerichtet haben.

"Meine Eltern", sagte etwa Kathleen Zahavi aus, "hatten nie die Chance, so alt zu werden wie Sie. Bei meiner Hochzeit sind sie nicht an meiner Seite gegangen. Sie hatten nie die Chance, Großeltern zu sein. Und meine Kinder hatten nie das Privileg, Großeltern zu haben."

Der Staatsanwalt wirft Gröning vor, "das fortlaufende Tötungsgeschehen" unterstützt zu haben. Denn Gröning wurde unter anderem an der Bahnrampe im Lager Auschwitz-Birkenau eingesetzt, auch zwischen Mai und Juli 1944, als innerhalb von nur 57 Tagen 425.000 Juden aus Ungarn ankamen. Mindestens 300.000 wurden sofort vergast, 5.000 Tag für Tag. Diese "Ungarn-Aktion" – die schnellste Vernichtungsaktion der Nazis – wertet der Lüneburger Staatsanwalt als eine einzige große Haupttat. Für Gröning bedeutet das: Er soll "wissentlich anderen zu deren vorsätzlich gemeinschaftlich begangenem Mord durch heimtückische und grausame Tötung in mindestens 300.000 rechtlich zusammentreffenden Fällen Hilfe geleistet" haben. Mord verjährt nicht, auch nicht Beihilfe zum Mord. Deshalb wird Gröning noch der Prozess gemacht. Und weil Thomas Walther gegoogelt hat.

Am Tag bevor der Prozess gegen Gröning beginnt, sitzt der ehemalige Richter Walther in einem lichtdurchfluteten Hotelzimmer in der Lüneburger Altstadt. Auf seinem Tisch Akten über Akten. Walther will fast eine ganze Woche lang hierbleiben, aber die Akten sind das Einzige, was er bislang ausgepackt hat. Sein Koffer steht verschlossen neben dem frisch gemachten Bett. Walther, der gemeinsam mit dem Strafrechtsprofessor Nestler die meisten Nebenkläger vertritt, gibt ein Interview nach dem anderen. Ständig klingelt sein Telefon. Bei jedem Gespräch beginnt Walther zu husten. Er nennt das seinen "Stresshusten".

Walther ist 71 Jahre alt. Hellblaues Sakko, weißes Halstuch, buschige Brauen, wallendes Haar: Der Mann, der aussieht wie ein Dirigent im Strandurlaub, war jahrzehntelang Amtsrichter in Bayern. Für seine letzte Station im Staatsdienst ließ er sich 2006 an die Zentrale Stelle in Ludwigsburg versetzen. Seine vier Kinder waren aus dem Haus, und Walther wollte noch einmal etwas anderes anpacken. Er wusste, in der Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen war seit Jahrzehnten wenig geschehen. Während des Krieges hatte sein Vater zwei jüdische Familien im Haus versteckt. Seinem Sohn sagte er stets: "Tu etwas, Junge. Und rede nicht nur darüber."

An einem ganz normalen Arbeitstag im Jahr 2008 stieß Thomas Walther beim Googeln auf das Urteil 2002 WL 544622 eines amerikanischen Landgerichts in Ohio gegen einen gewissen John Demjanjuk. Darin wurde ihm wegen seiner Nazi-Vergehen die Staatsbürgerschaft entzogen.

Walther kam ins Grübeln. Demjanjuk? Das musste jener Mann sein, den man vor Jahren in Israel zum Tode verurteilt hatte, weil man ihn irrtümlich für "Iwan den Schrecklichen" gehalten hatte, den Schlächter von Treblinka. Sieben Jahre saß Demjanjuk in Haft, dann wurde er freigelassen und zurück in die USA geflogen, wo er seit 1952 gelebt hatte. Der Verdacht, dass er den Nazis beim Morden geholfen hatte, war stets an ihm haften geblieben.

Das Urteil im Frankfurter Prozess kam einer Generalamnestie gleich

Walther arbeitete in jenen Monaten Tag und Nacht, suchte nach Schriftstücken in Archiven in Deutschland, Israel und den USA. Damals habe sich sein Stresshusten entwickelt, sagt er. Seine fieberhafte Recherche zahlte sich aus: Entgegen allen Zweifeln, die auch Kollegen hegten, gelang es ihm, Demjanjuk vor ein deutsches Gericht zu bringen. Im Mai 2011 verurteilte das Landgericht München II den 91-jährigen John Demjanjuk wegen Beihilfe zum Mord an 28.060 Juden im Vernichtungslager Sobibor zu einer fünfjährigen Haftstrafe. Ankläger und Verteidiger legten gegen das Urteil Revision ein. Vor einer neuen Entscheidung starb Demjanjuk in einem Altenheim.

Walther ist zu dieser Zeit bereits pensioniert – und arbeitet weiter, wird zum Handlungsreisenden in Sachen Gerechtigkeit. Er fährt durch die ganze Welt auf der Suche nach Zeugen für weitere Prozesse. Er will, dass sie sehen, dass in Deutschland doch noch etwas geschieht.

Als 1963 der Frankfurter Auschwitz-Prozess begann, stand Thomas Walther an der Schwelle vom Jugendlichen zum Erwachsenen. Die Medien berichteten erstmals ausführlich, unter den Zuhörern fanden sich Schriftsteller wie Martin Walser. Die Deutschen wurden mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert, etwa mit einem Wort wie "Mützenwerfen": In Auschwitz rissen SS-Wachtposten Häftlingen die Kopfbedeckung herunter und warfen sie über eine Linie, die kein Häftling überschreiten durfte. Dann befahlen sie ihnen, die Mützen zurückzuholen. Sobald ein Gefangener die Linie überschritt, erschossen sie ihn – er habe ja schließlich versucht, zu fliehen.

Vorangetrieben hatte den Prozess der damalige Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, beseelt von der Idee, "Gerichtstag über uns selbst zu halten", wie er einmal sagte. Bauer, ähnlich engagiert wie Walther heute, wollte den Gerichtssaal zum Klassenzimmer der Nation machen. Die Deutschen sollten finstere Geschichtsstunden in eigener Sache bekommen.

Bauer und seine Staatsanwälte vertraten sowohl in der Anklage als auch später im Plädoyer die Auffassung, der von Hitler, Himmler und Göring befohlene Massenmord an den Juden sei als eine einzige Tat, als einheitliches Vernichtungsprogramm zu werten. Nach Bauers Ansicht war jeder SS-Angehörige – vom Wachmann über den Lagerarzt bis hin zu einem Buchhalter wie Gröning –, der "an dieser Mordmaschine hantierte, der Mitwirkung am Morde schuldig, was immer er tat".

Doch weder die Frankfurter Schwurgerichtskammer noch der Bundesgerichtshof (BGH) im Revisionsverfahren wollten Bauer folgen. Sie sprachen nur die Angeklagten schuldig, denen man konkrete Taten nachweisen konnte. Beide Gerichte waren der Ansicht, dass es sich beim Holocaust nicht um ein einziges Vernichtungsgeschehen gehandelt habe, sondern um Millionen einzelner, voneinander unabhängiger Verbrechen, die "jeweils durch besondere Willensbetätigungen der zum Rampendienst eingeteilten SS-Angehörigen" ermöglicht wurden.

Legt man diese Urteile zugrunde, entschied sich jeder SS-Mann jeden Morgen aufs Neue, ob und wie er am Judenmord teilnehmen wollte; eine Annahme, die leugnet, wie kontinuierlich und routiniert das Morden ablief. Doch Deutschlands Juristen lasen den Rechtsspruch wie ein Grundsatzurteil. Seitdem galt die Auffassung: Jedem SS-Mann von Auschwitz müsse nachgewiesen werden, dass er an einem ganz bestimmten Tag einen ganz bestimmten Dienst tat. Das machte die Beweisführung für die kommenden Jahrzehnte fast immer unmöglich.

Der Frankfurter Prozess, von Medien auf der ganzen Welt als spätes, aber leuchtendes Beispiel juristischer Aufarbeitung der deutschen NS-Vergangenheit gefeiert, war in Wahrheit ein Segen für all jene SS-Leute, die sich wie Oskar Gröning als "Rädchen im Getriebe" bezeichneten. Sie wurden danach kaum mehr verfolgt. Das abschließende Urteil kam einer Generalamnestie gleich.

Cornelius Nestler, Walthers Kompagnon vor dem Landgericht Lüneburg, sagt heute: "Es ist völlig verrückt: In Frankfurt entstand ein Mythos, wonach jedem eine konkrete Einzeltat nachgewiesen werden musste. Und die deutschen Strafverfolger haben sich diesem Mythos nur zu gerne hingegeben." Das dürfte viel mit der Komplexität der Fälle zu tun gehabt haben: Die Taten lagen alle Jahrzehnte zurück, Beweismaterial gab es kaum. Die direkten Zeugen waren entweder tot, weil sie vergast worden waren, oder sie waren selbst Täter, die sich gegenseitig entlasteten. Die Personaldecke in den Staatsanwaltschaften war dünn, vor allem mit Blick auf die immense Anzahl derer, die da zu verfolgen gewesen wären. Da war es bequemer, die Sache ruhen zu lassen. Ein Staatsanwalt, der damals erlebte, wie diese Verfahren zuhauf eingestellt wurden, sagt heute: "Von der Sorte Gröning gab es Hunderte, die wir in den siebziger Jahren noch hätten verfolgen können. Aber man hat sich stillschweigend darauf geeinigt, es sein zu lassen. Diese Verfahren hätten die gesamte Justiz lahmgelegt."

Der Fall Demjanjuk veränderte alles. Denn Demjanjuk wurde Jahrzehnte später verurteilt, ohne dass die Richter ihm konkrete Einzeltaten nachweisen konnten. Es gab keine Zeugen, die aussagten, dass er einen Juden erschossen oder zu Tode geprügelt habe. Es gab keine Schriftstücke, die belegten, dass Demjanjuk persönlich Menschen ins Gas geschickt hatte. Allein seine Zugehörigkeit zur Wachmannschaft genügte den Richtern.

Er hat den Holocaust nie geleugnet

Das Urteil gegen Demjanjuk führte zu einer Ermittlungswelle der deutschen Staatsanwaltschaften, die auch Oskar Gröning erfasste. Die Juristen in Ludwigsburg erinnerten sich an eine schier endlos lange Liste, die vor Jahrzehnten in Frankfurt erstellt worden war und als Kopie auch in Ludwigsburg lag. Darauf: 4.000 Namen von Männern und Frauen, die in Auschwitz-Birkenau eingesetzt worden waren, mit Adresse, Beruf und SS-Dienstgrad. Wachmänner, Lastwagenfahrer, Sanitäter, Buchhalter, Fernschreiberinnen.

Als die Ermittler die Liste 2011 wieder hervorholten, stellten sie schnell fest: Die meisten Erwähnten waren inzwischen tot. Sie trafen eine Auswahl von 50 Namen, in ganz Deutschland gab es Hausdurchsuchungen. Auf der Liste stand auch ein Mann namens Gröning, Oskar. Er ist nun der Erste, der vor Gericht muss. Ohne die Verurteilung von Demjanjuk wäre es wohl nie dazu gekommen.

In Lüneburg regt sich aber auch Widerspruch. Oft sagen Zuschauer im Saal, es sei doch unmenschlich, einen Greis vor Gericht zu zerren. Müsse das denn wirklich noch sein? Ein Mann stellvertretend für Tausende?

Diese inoffiziellen Entlastungsplädoyers auf den Besucherbänken werden für einen Mann gehalten, der Juden "die anderen" nennt und Hitler "den Adolf". Der "entsorgt" und "abgefertigt" sagt, wenn er "ermordet" meint. Der erklärt, seine Jugend habe ihn gelehrt: "Im Krieg wird geschossen, und einer bleibt liegen. Und wenn die Juden als Feinde des deutschen Volks ausgemerzt werden mussten, dann war es eben so."

Gröning hat den Holocaust nie geleugnet, er ist sogar an die Öffentlichkeit gegangen, um den Leugnern die Stirn zu bieten. Er hat sich 2005 neun Stunden lang von der BBC interviewen und später vom Spiegel porträtieren lassen. Seine Botschaft: Ich war da, ich habe es gesehen. Er sagte, was er auch jetzt beim Prozess sagt – dass er sich moralisch schuldig fühle.

Eine der Nebenklägerinnen hat Gröning deshalb verziehen, das Foto, wie Eva Mozes Kor ihm die Hand gibt, ging um die Welt. Was die Medien nicht zeigten: Die anderen Überlebenden im Saal nehmen Gröning die Reue nicht ab. Weil er bis heute auch auf diesem Satz besteht: "Ich war kein Täter."

Es gab zig SS-Männer, die Schlimmeres verbrochen haben als Gröning. Ist das ein Grund, ihn zu schonen? Es gibt keine Gleichheit im Unrecht.

Gröning hat in den achtziger Jahren seine Erinnerungen an Auschwitz niedergeschrieben, für seine Familie. In Auszügen liegen sie der ZEIT vor. Darin beschreibt Gröning auch, wie er 1942 nach Auschwitz kam. Er nennt es eine "beschwerliche Reise" über Breslau nach Kattowitz, von dort weiter bis zu "dieser ominösen Station Auschwitz. Die Bahnfahrt war eine Tortur, denn der Zug war voller Soldaten, die aus dem Urlaub oder aus dem Lazarett oder beides kamen."

Éva Pusztai-Fahidi kam in einem Viehwaggon nach Auschwitz. Achtzig Menschen auf vielleicht 20 Quadratmetern. Drei Tage, drei Nächte. Es gab einen Kübel Wasser und einen Kübel für die Exkremente, sonst nichts. "Wie die Schweine hat uns die ungarische Gendarmerie in die Waggons gestopft. Es war ihnen so entsetzlich eilig, uns loszuwerden. Ich konnte mich nicht mehr regen. Meinen Onkel hatten sie vor der Abfahrt noch zusammengehauen. Er starb die ganze Zeit."

Éva Pusztai-Fahidi, 89 Jahre alt, eine feingliedrige Dame mit eindringlich wachen Augen, sitzt an einem warmen Maiabend am Küchentisch ihrer Altbauwohnung in der Fußgängerzone von Budapest. Wie Kathleen Zahavi, die mehr als 100 Angehörige verlor, ist auch sie Nebenklägerin im Prozess. Grönings Worte hallen seither durch ihren Kopf, sie wird sie nicht los. "Ich hatte das Gefühl, das 'Dritte Reich' sei zurückgekommen. Gröning spricht, als sei Hitler noch da. Ich hätte ihm am liebsten ins Gesicht gespuckt."

Es ist gut möglich, dass Oskar Gröning an der Rampe stand, als Éva Pusztai-Fahidi, damals 18, von den Wachleuten aus dem Zug getrieben wurde. "Sie schrien: ›Schnell! Schnell! Los! Los!‹, immer und immer wieder, Hunde bellten. Es war entsetzlich laut." Der Ablauf war präzise geplant. Die Angekommenen mussten sich in Fünferreihen aufstellen, Männer und Frauen getrennt. "Es ging so schnell, dass ich gar nicht gesehen habe, wie mein Vater verschwand."

"Es gibt Schuld, die nicht verjährt"

Fünf Minuten später stand Éva Pusztai-Fahidi vor einem Mann, der sie und ihre Cousine, die sich sehr ähnlich sahen, freundlich fragte: "Seid ihr Zwillinge?" Erst viel später begriff Pusztai-Fahidi, dass dieser Mann Josef Mengele war. Der Arzt, der Auschwitz-Häftlinge mit Experimenten quälte, folterte, tötete. "Wir haben Nein gesagt. Ich stand neben meiner Cousine, daneben in einem Korb ihr fast ausgetrocknetes Baby, meine Mutter, meine Schwester, die Mutti meiner Cousine. Bei mir hat er die Reihe unterbrochen." Mengele habe nur "eine ganz kleine Gebärde" gemacht. Links. Rechts. Leben. Tod.

Unter Peitschenhieben wurde Éva Pusztai-Fahidi in ein Bad getrieben, sie musste sich ausziehen, ihr wurden die Haare abrasiert. Die Nazis ließen daraus Garn machen – und Filzstiefel für die Soldaten. Bei der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee wurden 7,7 Tonnen menschliches Haar gefunden.

Am Morgen des zweiten Tages fragte Éva Pusztai-Fahidi eine Slowakin, die als Kapo die Häftlinge beaufsichtigte, wann sie ihre Familie wiedersehen werde. Die Frau lachte nur und zeigte auf die Schornsteine der Krematorien: "Dort sind sie, im Rauch." Pusztai-Fahidi verlor ihre Mutter, ihren Vater, ihre kleine Schwester, Onkel, Tanten, Cousins, Cousinen. Sie alle wurden direkt nach der Ankunft vergast.

Seit Jahren besucht Éva Pusztai-Fahidi ungarische Schulen, manchmal spielt sie dann ein Spiel mit den Jungen und Mädchen: Sie teilt Papier aus und lässt die Schüler alles aufschreiben, wozu sie "mein" sagen. Alle Personen, alle Dinge, die ihnen wichtig sind: mein Papa, meine Mama, mein Handy, mein Fußball. Sie sammelt die Listen ein und zerreißt sie vor den Augen der Kinder in kleine Streifen. "Bis das letzte Eckchen nach unten fällt, dauert es nicht lang: Dann sind alle weg. Schluss. Es gibt sie nicht mehr. Und dann steht man dort und hat nichts und niemanden und lebt und fragt sich: Bin ich noch ein Mensch? Und wofür denn?"

Diese Leere, man könne sie eigentlich nicht simulieren, sagt Éva Pusztai-Fahidi. Aber ein Gefühl dafür vermitteln, wie schnell es in Auschwitz ging, bis nichts mehr übrig war, das könne sie doch.

Seit 50 Jahren lebt Éva Pusztai-Fahidi jetzt in ihrer Wohnung zwischen barocken Möbeln. "Ich bin das jüngste Stück hier", sagt sie und lacht. Sie bezeichnet sich selbst als "Hurra-Optimistin". Wie das? Nach allem, was ihr widerfahren ist? "Die Zeit hilft nicht, sie ist schrecklich. Je weiter ich davon weg bin, umso mehr fühle ich den Mangel. Nie im Leben kann man darüber hinwegkommen. Man kann nur erkennen, dass man unbedingt leben will. Niemand auf der Welt kann das Leben so hoch schätzen wie wir, die Birkenau überlebt haben. Wenn man schon mal da war, will man ein volles Leben haben, mit Lachen und Witzen und Lebensfreude."

Der Prozess gegen Oskar Gröning trägt für Éva Pusztai-Fahidi dazu bei, dass sich ihr Leben voll anfühlt. Sie hat sehr lange darauf warten müssen. Auf den Moment, in dem einer der Täter ihr zuhören muss. "Das ist vielleicht die größte und wichtigste Genugtuung, die ich je bekommen habe."

Es gehe ihr nicht um eine Strafe für jemanden, sagt Éva Pusztai-Fahidi, sondern um ein Urteil von jemandem. Um eine Stellungnahme der deutschen Justiz. "Es muss festgestellt werden, dass es Schuld gibt, die nicht verjährt, Schuld, die morgen noch Schuld ist und übermorgen und bis in alle Ewigkeit."

Oskar Gröning ist schon einmal davongekommen. Von 1977 an wurde gegen ihn und 61 weitere SS-Männer ebenfalls von der Frankfurter Staatsanwaltschaft ermittelt. Acht Jahre später, im März 1985, stellte die Behörde das Verfahren "nach gründlicher Durcharbeitung der Vorgänge" ein. Es ergebe sich "kein zur Erhebung der öffentlichen Klage hinreichender Tatverdacht", schrieb der damals verantwortliche Staatsanwalt. Seine Entscheidung beschloss er mit dem Satz: "Die Einstellungsgründe sollen wegen Geschäftsandrangs später ausführlich formuliert werden." Das geschah nie.

Oskar Gröning, Vater zweier Söhne und seit einigen Jahren verwitwet, konnte sein Leben in einem Einfamilienhaus inmitten der Lüneburger Heide weiterführen.

Nachdem sich Gröning 2005 in der BBC geäußert hatte, überprüfte die Frankfurter Staatsanwaltschaft, die einst vom BGH federführend mit der "Untersuchung und Entscheidung" gegen Funktionsträger des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau beauftragt worden war, die Einstellung des Verfahrens von 1985 – und beschloss, die Ermittlungen nicht wieder aufzunehmen. Begründung: Gröning "gehörte ... zur Häftlingsgeldverwaltung und hatte zufolge der in hohem Maße bestehenden Geheimhaltung keinen Einblick in die Tötungsmaschinerie im Einzelnen". Es müsse "in Zweifel gezogen werden, ob dem Beschuldigten subjektiv die Grausamkeit des Todeseintritts durch qualvolles Ersticken an Blausäuredämpfen bewusst war oder die Gemeingefährlichkeit des Tötungsmittels". Oskar Gröning hat mit angesehen, wie Zyklon B durch eine Luke in eine Gaskammer geschüttet wurde. Er hat die Schreie der Erstickenden gehört. Das alles hat er in Interviews und Zeugenbefragungen immer wieder eingeräumt.

"Ich hatte beschworen, dem Führer und seinen Befehlen bedingungslos zu folgen"

Die Staatsanwaltschaft befand aber, Gröning habe "die niedrigen Beweggründe des Rassenhasses und der Menschenverachtung" nicht in seinen Vorsatz aufgenommen. "Das Gegenteil ist der Fall." Denn wiederholt habe Gröning um Versetzung gebeten. Das behauptet er auch jetzt wieder. Aber bis auf ein angeblich drittes Versetzungsgesuch ist keines in den Akten gefunden worden. Und der sachverständige Historiker, der in der zweiten Prozesswoche gehört wurde, glaubt nicht an Grönings innere Abkehr. Er hat eine Liste entdeckt, wonach Oskar Gröning der SS-Kommandantur in Auschwitz sowohl als "kv", also kriegsverwendungsfähig, wie auch als "abkömmlich" galt. Hätte er wirklich mehrere Versetzungsgesuche gestellt, wäre er auf direktem Wege an die Front geschickt worden.

Wann wird aus Dabeisein Schuld? Die deutsche Justiz hat nicht immer dieselbe Antwort darauf. Jahrzehntelang ließ sie SS-Männer unbehelligt. Am Hanseatischen Oberlandesgericht Hamburg wurde dagegen im Januar 2007 ein Mann namens Mounir al-Motassadeq wegen Beihilfe zum Mord in 246 Fällen bei den Anschlägen des 11. September zu 15 Jahren Haft verurteilt. Sein Tatbeitrag: Er hatte drei Monate lang die Miete des Terroristen Mohammed Atta bezahlt.

In Lüneburg berichtet Oskar Gröning in diesen Wochen von seiner Kindheit. Davon, dass er in einer "adolftreuen" Familie aufwuchs, die Erziehung geprägt war von militärischem Drill, dass die Mutter starb, als er vier Jahre alt war. Nach der Banklehre, die er wegen seiner "besonderen Qualifikation" schon nach zweieinhalb statt drei Jahren abschloss, meldete sich Gröning freiwillig zur Waffen-SS. Er wollte dieser "zackigen Truppe" angehören, die "von den hervorragend schnellen Feldzügen gegen Polen und Frankreich ruhmbedeckt nach Hause zurückgekehrt" war. "In 18 Tagen", sagt er, "haben wir die Polacken verhauen." Seine Ehrlichkeit schockiert. Und sie bringt den Prozess voran.

Es ist unmöglich, diesen Mann zu fassen. Das scheint auch für seine Verteidiger zu gelten. Sie lassen den Mann plaudern und hören zu, nur selten greifen sie seinen Arm, um ihn zu zügeln. Sie haben Gröning nicht psychiatrisch begutachten lassen. Mit welcher Strategie sie ihren Mandanten verteidigen, möchten sie der ZEIT nicht sagen.

Wer Gröning im Gerichtssaal erlebt, wer seine Erinnerungen liest, der stößt auf einen Mann voller Widersprüche. Hitler? Ja, unbedingt. Massenmord an den Juden? Wenn es denn sein muss. Den Holocaust leugnen? Niemals. Einen Säugling an den Beinen fassen und ihn mit dem Kopf an einem Lastwagen totschlagen? Unmenschlich! "Man hätte das Kind doch auch erschießen können", sagt Gröning einmal.

Es ist, als wolle Gröning hin und wieder gern anders denken, als er denkt, aber wie soll das gehen? In seinen Erinnerungen schreibt er an einer Stelle, wie er "tröpfchenweise die volle Wahrheit über die Judentransporte" erfuhr. Er sei zwar empört gewesen, "andererseits sagte ich mir aber, dass ich versprochen und beschworen hatte, dem Führer und seinen Befehlen bedingungslos zu folgen". Dann fügt er noch eine Liedzeile ein, die er beim Marschieren mit seinen Kameraden gern gesungen habe: " Und keiner ist da, der feige verzagt, der müde nach dem Wege fragt, den uns der Trommler schlägt."

Je länger der Prozess dauert, desto müder sieht Gröning aus. Es wirkt, als hätten ihn die aufwühlenden Geschichten der Nebenkläger kleiner gemacht. Als habe er in seinem Innersten begriffen, dass sein Schicksal als greiser Angeklagter nichts ist im Vergleich zu dem, was die wahren Opfer berichten. Hat Gröning in den ersten Tagen, als es nur um ihn ging, noch ganz vorn auf seinem Stuhl gesessen, so aufrecht, wie es einem 93-Jährigen möglich ist, so hockt er jetzt gekrümmt da wie ein welker Zweig.

Einmal muss die Verhandlung nach 90 Minuten abgebrochen werden, weil Gröning keine Kraft mehr hat, an einem anderen Tag fällt sie ganz aus, weil er morgens "so schwach und gebrechlich" war, dass er nicht aufstehen konnte, wie der Vorsitzende Richter verkündet. Ende Juli soll das Urteil fallen. Auf Beihilfe zum Mord steht eine Freiheitsstrafe nicht unter drei Jahren. Wenn Gröning verurteilt wird, muss er wahrscheinlich ins Gefängnis oder in ein Haftkrankenhaus.

Oskar Gröning dürfte dann der letzte SS-Mann aus Auschwitz sein, der in Deutschland diesen Weg geht.

Noch immer ermitteln deutsche Staatsanwälte gegen einige andere SS-Männer. Aber die sind alle um die 90, wie Gröning, krank und hinfällig – und sie scheinen den Prozess gegen ihren einstigen Kameraden aufmerksam zu verfolgen. Ihre Anwälte haben beantragt, auf Verfahren zu verzichten, ihre Mandanten seien nicht mehr in der Lage, einen Prozess durchzustehen. In einem Fall hat der Anwalt bereits einen Gutachter beauftragt, der seinen Mandanten für "umfassend verhandlungsunfähig" erklärte.

Es braucht eigentlich nur drei Dinge, um so ein Verfahren zu führen: eine motivierte Staatsanwaltschaft, ein williges Gericht und einen verhandlungsfähigen Angeklagten. Fast fünf Jahrzehnte lang scheiterte es an einer der ersten beiden Voraussetzungen. Um die dritte wird sich nun der Tod kümmern.