Kurz vor Himmelfahrt hatte Joachim Pfeiffer die Freigabe von Cannabis gefordert, dann war er abgetaucht. Der wirtschaftspolitische Sprecher der Union wollte seine überraschende Stellungnahme nicht weiter erklären. "Wie lange brauchen Sie, zehn Minuten, ’ne Viertelstunde?", knurrt er, als ihn die ZEIT- Reporterin nach komplizierten Terminverhandlungen doch sprechen kann.

Es ist Donnerstagabend in Berlin, Pfeiffer hat noch eine Abstimmung vor sich und hat um ein Treffen im Reichstag gebeten. Eilig schreitet er den Gang vom Plenarsaal zum Restaurant Käfer hinab, wo ein paar Abgeordnete an weiß gedeckten Tischen sitzen. Die Sonne scheint kräftig durch die Panoramafenster und wirft lange Schatten. Während sich Pfeiffer auf seinen Stuhl fallen lässt, betont er, dass er nichts Genaueres darüber sagen will, wie er sich so eine Freigabe von Cannabis vorstellt. Er sei kein Gras-Spezialist und wolle es auch nicht werden.

Joachim Pfeiffer, 48-jähriger Abgeordneter der schwäbischen Kreisstadt Waiblingen, ist tatsächlich kein Bob Marley. Er trägt ein kariertes Hemd, einen braunen Anzug und eine braune Kastenbrille, das Auffälligste an ihm ist sein breiter Dialekt. Dies ist ein Mann, der sich in der Welt der Sparkassen, Stromfirmen und Verkehrsbetriebe zu bewegen weiß. Kein Typ für Hanfparades, Coffeeshops und Bongs. In seinem ganzen Leben habe er nicht mal drei Zigaretten geraucht, erzählt Pfeiffer, Cannabis habe er noch nie konsumiert. Aber schon als Kreisvorsitzender der Jungen Union habe er sich für eine andere Drogenpolitik eingesetzt.

Pfeiffer gehört nicht zu jenen Cannabis-Experten, die Geringe-Menge-Regelungen oder wegweisende Gerichtsurteile auswendig zitieren können. Aber seiner Meinung nach sollte der Staat den Bürgern die Entscheidung überlassen, ob sie kiffen oder nicht. Dinge zu verbieten erhöhe gerade für Jugendliche nur den Reiz. Das jetzige Gesetz hält er für "absurd", weil es den Konsum erlaubt, den Besitz und Handel aber verbietet. Wie kam er dazu, sich in dieser Sache ausgerechnet mit einem Grünen zu verbünden? Pfeiffer beugt sich vor: "Es war Zufall!" Er erzählt die Geschichte so:

Als Sigmar Gabriel Anfang März nach Saudi-Arabien flog, saß nicht nur Pfeiffer als Teil der Delegation mit an Bord, sondern auch der wirtschaftspolitische Sprecher der Grünen, Dieter Janecek. Die beiden unterhielten sich eines Abends über die deutsche Drogenpolitik und stellten fest, dass sie sie beide falsch fanden. Ob man nicht mal was gemeinsam veröffentlichen sollte? Zwei Monate später gaben sie eine Stellungnahme heraus. Darin schreiben sie, dass die Verbotspolitik den Schwarzmarkt für Drogen fördere. Und dass die Kosten für die Strafverfolgung lieber in die Prävention fließen sollten. Ein Staat, der den Handel mit Cannabis reguliert, könne den Schwarzmarkt austrocknen und bis zu zwei Milliarden Euro Steuern einnehmen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22 vom 28.5.2015.

Dass der Grüne Janecek diese Meinung vertritt, ist keine Überraschung – seine Partei hat vor Kurzem einen Gesetzesentwurf für die Cannabis-Freigabe vorgestellt. Pfeiffer aber ist der erste hochrangige CDU-Politiker, der sich je für diese Position starkgemacht hat. "Strategische Überlegungen zu Schwarz-Grün waren für mich keine Motivation", beteuert er. Seine Parteikollegen hat er vorher allerdings nicht informiert. Vielleicht wollte er sie provozieren. Oder, um es mit seinen Worten zu sagen: "einen Denkanstoß setzen".

Das ist ihm gelungen. Eine Talkshow nach der anderen rief bei ihm an, doch er wollte nicht den Kifferfreund von der CDU geben. Das Gespräch mit der ZEIT ist das einzige, das Pfeiffer mit Journalisten führt. In den Tagen, in denen er schwieg, meldeten sich umso mehr Unionskollegen zu Wort. Die Drogenbeauftragte Marlene Mortler sagte, sie sehe das Cannabis-Problem durch die "Gesundheitsbrille" und nicht die "Geldbrille". Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Georg Nüsslein bezeichnete den Vorstoß als "guten PR-Gag der beiden". Und der frühere drogenpolitische Sprecher der Union, Hubert Hüppe, betonte: "Das ist wie aus heiterem Himmel gekommen. Die Mehrheit der CDU ist natürlich nach wie vor dagegen."