Angela Marquardt, Jahrgang 1971, ehemaliges Mitglied der PDS, ist 2008 der SPD beigetreten. © Martin U. K. Lengemann

Hanna, die erste Freundin, die ich 30 Jahre nicht gesehen hatte. Wir telefonierten und verabredeten uns im Café Einstein Unter den Linden. Das war im April 2005, vor zehn Jahren. Draußen der unabänderliche Berlin-Strom, drinnen hielt Hanna meine Hand, als wäre sie ein Gegenstand, den sie für immer verloren geglaubt hatte. Ich bemerkte, wie die Hand zu zittern anfing, weil ihr Körper so stark zitterte, und es war klar, dass sie jetzt etwas erzählen musste, was ich nicht hören wollte. 16 Jahre nach dem Zeitschnitt 1989 waren es im Osten benommene, ortlose Zeiten. Und nach jeder Lesung von mir kamen diese Frauen, Frauen mit wunden Augen. Jetzt, nach der Lektüre des Buchs von Angela Marquardt, muss ich unwillkürlich an Hanna und die Frauen mit ihren irrlichternden Geschichten denken. Geschichten, die sich auf bemerkenswerte Art ähneln, als hätte man sie an einem zentralen Ort für sie erfunden. Geschichten einer unvordenklichen Akkuratesse von Gewalt.

Hannas Sätze, die sie stockend, bittend, Halt suchend in mich hineinerzählte. Von Dresden, den kommunistischen Großeltern, bei denen sie als Vollwaise aufwuchs, vom Internat im Norden von Berlin, in das sie mit 14 musste, und von ihrem Stasi-Onkel, der sie mit 15 an den Geheimdienst auslieferte. Sie berichtete von Fahrten alle 14 Tage in einem cremefarbenen Lada und mit einem Mann, der für sie Robert hieß, und der gut ausgestatteten Datscha "Waldfrieden", in der sie jedes Mal zwei, drei Stunden verbrachten. Er hatte immer etwas für sie dabei: Kaffee, zwei Schachteln "Duett"-Zigaretten, Pralinen, eine Flasche widerlich süßen Weißwein, der Murfatlar hieß. Während sie "für die Sache, das Land, den Frieden, das Organ" möglichst viele Details aus dem Internat und von den Freunden preisgeben sollte, hatte er die ganze Zeit über die Hand unter ihrer Bluse. Genauer könne sie sich nicht erinnern, sagte sie leise, der Wein sei so schwer gewesen. In seinem Bericht an die Stasi hob der Mann mit dem Namen Robert hervor: "Die Atmosphäre der Gespräche wurde mit Kaffee und Gebäck umrahmt." Im Anforderungsprofil des Geheimdienstes für Hannas Anwerbung, mit dessen Umsetzung sechs Stasi-Männer beauftragt waren, ist zu lesen, dass es bei ihr zu "einer positiven Herausbildung der Fähigkeit zur Verschwiegenheit und Verstellmöglichkeit" kommen müsse und sie außerdem zu lernen habe, "hilfsbereit, kontaktfreudig und anpassungsfähig" zu sein.

Bei Hanna hießen die Männer Robert, Steffen, Paul, Helmuth, Hans. In Angela Marquardts Leben hießen sie Jörg, Egbert, Wieland, Thomas, noch mal Jörg, Falco und Michael. Einer war Oberstleutnant, der Zweite Major, der Nächste Hauptmann. Alle von der Staatssicherheit. Wie bei Hanna, so auch bei Angela Marquardt lieferte eine Frau aus der eigenen Familie – da die Großmutter, dort die Mutter – das Mädchen an die Tschekisten aus, an das staatlich geschützte "Organ", das Männern gestattete, ihre Perversion auszuleben. Perversionen, zumal politische, sind keine einfachen Sachverhalte. Oft sind es schillernde, undurchschaubare, hochagile Systeme mit allerhand Akteuren und einer durchweg destruktiven Kreativität. Wie bei Hanna, so auch bei Angela Marquardt gab es vor und während des politischen Missbrauchs als Kinder-IMs eine ununterbrochene Zurichtung mittels physischer und sexueller Gewalt.

Angela Marquardt, Jahrgang 1971, geboren in Ludwigslust und in Greifswald zur Schule gegangen, wuchs in einer Stasi-Dynastie auf. Großvater, Mutter, Stiefvater, auch deren Freunde, die in ihrer Kindheit auf dem Sofa saßen, waren für den Geheimdienst tätig. Stasi als Alltag, als Normalität, in der das Kind dem Geheimdienst Kaffee kochte, in der der Geheimdienst mit dem Kind auf dem Teppich spielte. In der ein Kind derart aus der Welt fallen konnte, dass es sich nicht wiederfand.

Angela Marquardts Martyrium begann, als sie neun war. Es war der leibliche Vater, der sie in einem fort und brutal quälte. Nach ihm kam Michael, der Stiefvater, ein seelisch verwahrloster Stasi-IM, der sie mit 14 Jahren das erste Mal missbrauchte. Die Mutter, Pädagogin und IM Barbara, die die Tochter an die Staatssicherheit empfahl, sah diesem Grauen nicht nur zu. Im Schatten ihrer Gewalt-Männer fundamentierte sie ihr eigenes System. Was konnte ein Kind in dieser Wüstenei aus Ausgeliefertsein, Leere und Abhängigkeit tun? Nur eins: den Irrsinn für normal erklären. Diesen ganz normalen Irrsinn einer versuchten Auslöschung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22 vom 28.5.2015.

"Die Schuld irrt irgendwo in mir herum und geht nicht weg", beharrt Hanna, mit der ich seit zehn Jahren über ihren Albtraum spreche. Über die Jahre nach 1989 und ihr Leben wie unter einer Deckadresse. Die Angst vor Robert und den Stasi-Männern. Hannas Panik, den Ekel, den Selbsthass, die endlosen Therapien, die nichts brächten. "Die haben mich fertiggemacht", sagt sie tonlos. Hanna, die erste Freundin. Sie war die Frechste, Wachste, Hitzigste, Hellste von uns. Die mit der Stupsnase, die alle zum Lachen brachte.

Das einsame Panoptikum von Tausenden verstörten Kinder-IMs. Es gab niemanden, zu keiner Zeit, der eine einfache, zivile Geste für sie übrig hatte. Kein Stopp einer Großmutter, kein Nachfragen eines Nachbarn, kein Nein eines Onkels. Diese Kinder vegetierten weggeschlossen und preisgegeben in ihren Stasi-Familien wie in einer Krypta. Und so gleichen sich ihre Seelengräber, als hätte man sie auf Pauspapier gelegt. Aber was mit ihnen machen, mit jedem einzelnen dieser Leben, heute, wo eine Gesellschaft das Wort Stasi so selbstgewiss wie prompt mit Skandal gleichsetzt und darauf den sozialen Tod folgen lässt?