Das Land ist in Aufruhr, politisch bewegt wie seit Jahren, ach was, wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Es wird gestreikt und demonstriert, dass es nur so kracht. Jede Gemeinde darf sich eines harten Kerns an Wutbürgern, jede Stadt ihrer Demos rühmen, von den Tumulten im Netz ganz zu schweigen.

Allein was in der Hauptstadt los ist! Die jüngste Berliner Massendemo, weiträumig angekündigt mit Plakaten und dem nicht ganz unpathetischen Brecht-Zitat "Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren", liegt genau eine Woche zurück. Die Kundgebung fand am Himmelfahrtstag um 14 Uhr statt. Schauplatz: der Schlachtensee. Ein von der Berliner Feierbevölkerung geradezu mythisch geschätztes, von dichtem Waldbestand und alten Villen gesäumtes, traumhaft schönes Gewässer im Westen der Stadt. Wenn auch ein Ort, der in ökologischer und sozialer Hinsicht als sensibel zu bezeichnen ist. Denn seit geraumer Zeit scheiden sich an der Nutzung des Sees die Geister. Die der Schwimmer einerseits, die der Hundebesitzer andererseits.

Um den politischen Gehalt des eklatanten, die deutsche Kapitale in Atem haltenden Konflikts kurz zusammenzufassen: Es geht in erster Linie um Hundefäkalien. In zweiter Linie geht es irgendwie auch um bürgerliche Grundrechte, wie sie seit der Französischen Revolution vom aufgeklärten Teil der Menschheit beansprucht werden. Die Hundebesitzer pochen auf das Recht ungehinderten Gassigehens. Die Schwimmer auf das Recht fäkalienfreien Wassers. Nun hat das zuständige Bezirksamt mit aller Härte durchgegriffen. Seit dem 15. Mai 2015 herrscht am Ufer des Schlachtensees Hundeverbot. Auf dem Waldweg oberhalb des Sees dürfen die Tiere laufen. Am Ufer nicht. Und dagegen protestierten am Himmelfahrtstag mehr als tausend zornige Herrchen und ihre an Leinen gehaltenen Lieblinge. Viel Presse war da, diverse TV-Teams, auch Ordnungskräfte. So eine richtige politische Bewegung mündet ja bekanntlich schnell mal in einer handfesten Revolte.

Allein wenn man sich an den kollektiven Aufruhr erinnert, den die Enthüllungen Edward Snowdens über das flächendeckende, potenziell jeden Bürger (auch jeden deutschen Hundebesitzer und Schwimmer) betreffende Datenabgreifen und Ausspionieren durch Geheimdienste auslöste! Wiederum Massendemos! Monatelanges Belagern der amerikanischen Botschaft durch Wutbürger, die für ihre Grundrechte kämpften! Kann sich noch jemand an den Ausnahmezustand erinnern? Kaum, da es ihn in Wahrheit nicht gab. In Wahrheit könnte es nämlich so sein, dass sich das Bruttovolumen der neuen Erregungs- und Empörungsbereitschaft tatsächlich in erstaunlicher Weise dehnt. Zugleich aber der politischen Verhältnismäßigkeit ihrer Anlässe und Inhalte etwas seltsam Regressives anhaftet.

NSA? Da kann man nichts machen, an meiner Person werden die schon kein Interesse haben. Aber die skandalöse Verschiebung eines Hundeauslaufgebiets um hundert Meter schreit nach Bürgerinitiativen. Manipulatorische Aktivitäten von Internetfirmen? Das bringt das digitale Zeitalter eben mit sich. Aber der halb blöde Satz eines halb wichtigen Promis ist schon mal einen exzessiven Shitstorm wert. Griechenland verlässt Europa? Pech für die vergangenen drei Jahrtausende. Aber der Bau einer Moschee bringt Kleinstädte auf die Barrikaden. So verhalten sich Kinder, die den infernalischen Platzregen, der den Picknickplatz der Familie überspült, nicht weiter tragisch finden, eine Stunde später aber durch drei Tropfen auf ihren Pommes in rasenden Zorn versetzt werden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22 vom 28.5.2015.

Beängstigend ist (oder war) die Pegida-Bewegung, immerhin die massivste Protestbekundung jüngerer Zeit, nicht nur durch ihre ideologische Ausrichtung. Sondern auch durch einen Stammtischgebrauch diffuser, realitätsresistenter Ressentiments, der die Grenze zum politischen Infantilismus augenscheinlich überschreitet. Wer sich je zu einer solchen Kundgebung begab und dort von Leuten hörte, ihr politisches Hauptanliegen sei es, deutsche Erstklässler davor zu bewahren, an deutschen Grundschulen in arabischer Sprache alphabetisiert zu werden, fühlt sich unwillkürlich in der Gesellschaft von Sechsjährigen, die gebannten Blicks die Küchenuhr anstarren, weil sie wissen, dass um Punkt 17.45 Uhr vor ihren Augen ein Alien aus seiner Kapsel steigen wird. Und wenn die Hälfte der wahlberechtigten Bevölkerung Bremens nicht zur Wahl geht, dann kann man das auf verschiedenste Weise interpretieren: Mit Parteienermüdung, mit Demokratieermüdung, mit Ausflugswetter oder allgemeinem Defätismus. Aber für politisches Handeln im Sinn mündiger Erwachsenheit sollte man es nicht unbedingt halten.

Vor riesigen Popcorneimern genießen Kinobesucher ihre Verzwergung

Vor knapp zehn Jahren legte der amerikanische Politikwissenschaftler Benjamin R. Barber eine Studie über die Verkindlichung westlicher Gesellschaften vor. Das Buch hat den Titel Consumed und den länglichen Untertitel: Wie der Markt Kinder verführt, Erwachsene infantilisiert und die Demokratie untergräbt. Als Regisseur des regressiven Mentalitätswandels machte Barber den maßlosen Konsumkapitalismus aus. Er vertreibe die Menschen aus der Rolle des Staatsbürgers und zwinge ihnen die Rolle des Verbrauchers auf, der nicht wirkt und gestaltet, sondern auf die Fluten immer neuer Angebote reagiert und sie entgegennimmt. Er erschaffe somit die Figur des "kidult", wie der moderne Typus des Kinderwachsenen im soziologischen Jargon heißt. Als Consumed 2007 erschien, verströmte es ein klein wenig das Aroma solider, wenn auch nicht mehr ganz taufrischer Kapitalismuskritik. Nur muss man von heute aus sagen: Das Prestige von Erwachsenheit und Reife scheint sich weiterhin im Sinkflug zu befinden, das Prinzip der Retardierung allerdings hat Konjunktur.