Angenommen, ein deutsches Stadttheater käme auf die Idee, den Zustand der Europäischen Union in eine antike Tragödie zu verwandeln. Was würde das Publikum zu Gesicht bekommen?

Es sieht im schummrigen Bühnenlicht eine Versammlung aus Gesandten und Führern, unter denen ein älterer Herr hervorragt, der Primus inter Pares. Neben ihm ein muskulöses Dreigestirn. Alle sind in großer Sorge, denn Unheil ist von außen über den Kontinent hereingebrochen. "Ab jetzt müssen wir streng haushalten", sagt der Älteste. "Wer auf anderer Leute Kosten gelebt hat, muss alle Schulden zurückzahlen." Ein Murren geht durch die Runde, aber der weise Alte spricht ein Machtwort. Plötzlich tritt hinter dem Felsen ein Fremder hervor, der sich als griechischer Gesandter ausgibt, ihm folgt ein Spanier mit Pferdeschwanz. "Unsere Völker leiden", sagen sie, und der Grieche tritt dem Dreigestirn dabei kräftig vors Schienenbein. Einige nicken zustimmend, doch dann ruft die Gemeinde: "Selber schuld!", und jagt die Fremden in die Wüste.

Klar, der Älteste in der Runde ist Wolfgang Schäuble, in den beiden Fremden erkennen wir den griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis, hinter ihm Pablo Iglesias von Podemos ("Wir können"), einer erst 14 Monate alten Partei, die bei der spanischen Regionalwahl das Zweiparteiensystem gesprengt hat. Iglesias ist ein Hardcore-Linker; Varoufakis ein wachstumsgläubiger Wirtschaftswissenschaftler, der sich, aus welchen Gründen auch immer, als Marxist bezeichnet. Die Rolle, die er im Euro-Spiel übernommen hat, kennt man aus der Literatur. Er ist der Trickster, der kurz den Laden aufmischt und dann wieder verschwindet. Zwischendurch macht er Muttis Lieblingsvase kaputt, kratzt am Lack und stört den Scheinfrieden der Gesellschaft. Dafür hasst man ihn.

Für Politiker und Journalisten ist Varoufakis der Schurke im Euro-Stück. Unvergessen, wie der gebührenpflichtige Herr Jauch seinem Publikum ein manipulativ datiertes Video unterjubelte, auf dem Varoufakis Deutschland den Stinkefinger zeigte. Die Süddeutsche Zeitung ließ es sich online nicht nehmen, ein Forum für gebildete Leser einzurichten ("Was sagen Sie zur Schwächung von Varoufakis?"), und wie bestellt, dankte der patriotische Chor mit vielen Likes. Aber so ist die Stimmung. Ein linker Grieche wagt es, dem neudeutschen Helden Wolfgang Schäuble Widerworte zu geben. Majestätsbeleidigung!

Lustig ist das nicht. Was ist geschehen, dass die europäische Krise als Zweipersonendrama gezeigt wird, als Showdown zwischen dem dauerbeleidigten Herrn Schäuble und dem unverfrorenen Herrn Varoufakis? Und wie kann man das Publikum glauben machen, die Probleme seien gelöst, sobald Minister Schäuble siegreich die Bühne verlässt?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22 vom 28.5.2015.

Die Antwort ist kompliziert und doch ganz einfach. Europa erlebt einen Konflikt, der bislang unter Kreditblasen verborgen und von Wachstumsschüben abgefedert war – den Konflikt zwischen nationaler Demokratie und Brüsseler Durchsetzungsmacht. Die in großer Eile durchgesetzte Euro-Rettungspolitik schneidet nämlich tief ins Fleisch der nationalen Souveränität, vor allem ihr Dreigestirn, die berüchtigte Troika aus Internationalem Währungsfonds, der Europäischen Kommission und der Europäischen Zentralbank. Was sie an Reformen durchsetzt, besitzt die Wirkung von Gesetzen, und deshalb war die Troika verhasst: Sie erschien als Souverän über dem Souverän, gleichsam als Brüsseler Implantat im nationalen Parlament. Gerade nationalstolze Konservative empfanden die Interessenvertreter der Geldgeber als demütigend. Die Troika, so der ehemalige Vizepräsident der EU-Kommission Günter Verheugen, "hat Athen wie eine Außenstelle Brüssels" behandelt. "Cash gegen Reformen" – dieses erpresserische Programm sei "gescheitert".

Die Troika verlangte noch andere Opfer. Sie nötigte den Schuldnerländern ein "alternativloses" Sparprogramm auf, das nicht nur wegen seiner Erfolgsaussichten, sondern auch wegen seiner dramatischen sozialen Folgen unter Ökonomen von Anfang an umstritten war. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman bestreitet ganze Abende damit, sich über Wolfgang Schäubles ökonomischen Heilsplan lustig zu machen: Sparen in der Rezession? "Niemand glaubt diesen Unsinn in den internationalen Organisationen." Auch nach Ansicht von Joseph Stiglitz, ebenfalls Wirtschaftsnobelpreisträger, hat die Austeritätsmedizin den griechischen Patienten beinahe umgebracht. Inzwischen räumt sogar der IWF ein, er habe "Fehler gemacht".

Keine Frage, dass Griechenland erhebliche Mitschuld trifft. Beim Finanzmarkt-Crash 2008 war das Land bis zur Halskrause verschuldet, mit Billigkrediten, die ihm die großen Banken – natürlich völlig selbstlos – gewährt hatten. Unverzeihlich war auch die demokratische Korruption. Jahrelang haben sich die Parteien durch Aufblähung des Staatsapparats Zustimmung erkauft; sie verwandelten den Staat in ein Shoppingcenter der Partei, um sich am Ende selbst zu verstaatlichen. Klientelpolitik plus Stimmenkauf: Ein schlimmeres Gift kann man einer Demokratie kaum verabreichen.