Wer wissen will, wie verschieden Abc-Schützen sind, kann Tests studieren und Statistiken zurate ziehen. Er kann Lehrer und Eltern befragen. Oder er besucht Matthias Brockstedt. Der zieht dann einen Ordner aus dem Schrankregal, holt zwei Blätter hervor und stellt fest: "Diese Zeichnungen sagen alles."

Auf dem einen Blatt ist eine weibliche Figur mit langen Zöpfen gemalt, die ihre Arme ausbreitet. Sie trägt einen weiten Mantel und eine Krone auf dem Kopf und lächelt. Das andere Blatt zeigt einen schiefen Kreis, von dem mehrere tentakelartige Striche wegstreben. Das sollen die Gliedmaßen und Haare dieses Lebewesens sein. Das eine Bild zeigt eine Prinzessin, das andere einen Kopffüßler.

Die Urheber der beiden Zeichnungen sind gleich alt: knapp sechs Jahre. Sie stammen aus demselben Bezirk, vielleicht sogar aus derselben Straße. Doch zwischen ihnen liegen Welten: an Körperbeherrschung und Konzentrationsfähigkeit, Anstrengungsbereitschaft und Fantasie, Weltwissen und Denkvermögen. In wenigen Monaten kommen beide Kinder in die erste Klasse. Aber schon jetzt spricht aus den Zeichnungen ein Entwicklungsunterschied von mindestens drei Jahren.

Matthias Brockstedt leitet den Kinder- und Jugendgesundheitsdienst in Berlin-Mitte. Zu ihm kommen alle Kinder des Bezirks zur Einschulungsuntersuchung. Sie müssen Farben erkennen, geometrische Figuren zuordnen und Sätze unterschiedlicher Länge und Komplexität nachsprechen. Brockstedt lässt die Vorschüler über eine Linie hüpfen oder eben einen Menschen zeichnen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22 vom 28.5.2015.

4.000 Kinder hat der Amtsarzt in den letzten zehn Jahren auf ihre Schulreife hin getestet. Auf dem Stühlchen neben seinem Schreibtisch saßen Fünfjährige, die aus dem kleinen Einmaleins vorrechneten, und solche, die nicht bis zehn zählen konnten. Er sah Mädchen, die mit einem englischen Buch unter dem Arm hereinstolzierten, und türkischstämmige Jungs, die in einer Kinderkarre hereingeschoben wurden. Die Unterschiede zwischen den Kindern seien so tiefgreifend, sagt Brockstedt, dass er nach einer halbstündigen Untersuchung mit ziemlicher Treffsicherheit vorhersagen könne, "ob ein Kind nur den Hauptschulabschluss schaffen wird" oder vielleicht das Abitur.

Herkunft bestimmt Zukunft. Wie sehr dieser Satz stimmt, wissen wir spätestens, seitdem es Pisa-Studien gibt. Danach hat das Kind eines Professors eine dreimal höhere Chance, ein Gymnasium zu besuchen, als das Kind einer Verkäuferin. Bislang wird für diese Chancenungleichheit vor allem die Schule verantwortlich gemacht. Man fordert mehr Förderunterricht, Ganztagsschulen von der ersten Klasse an und eine spätere Auslese.

Was aber, wenn all die Reformen der Ungerechtigkeit kaum beikommen können? Warum ist der Einfluss der Eltern auf Lernfreude und Denkvermögen so groß, dass kein Lehrer ihn auch nur halbwegs ausgleichen kann? Wieso wird die Prinzessin dem Kopffüßler immer voraus sein?

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An Brockstedts Bürotür hängt eine Karte. Sie zeigt den geografischen Zuständigkeitsbereich des Amtsarztes, aufgeteilt in verschiedenfarbige Flächen, sogenannte Sozialräume. Je dunkler eine Einheit, desto weiter verbreitet Armut und Arbeitslosigkeit, desto höher der Migrantenanteil – und desto geringer die Bildungschancen der Kinder.

An einer Stelle der Karte stößt ein tiefdunkles an ein fast weißes Viereck. Die Bruchlinie zwischen den beiden Flächen teilt den Westberliner Bezirk Wedding vom Stadtteil Alt-Mitte, dem alten und neuen Regierungsviertel im Osten. "Hier, entlang der Bernauer Straße, führte früher die Mauer", sagt Brockstedt und fährt mit dem Finger die alte Grenze nach, "heute verläuft hier eine soziale Grenze."

Auf deren einer Seite bezieht jeder zweite Haushalt Hartz IV, auf der anderen Seite nur jeder zehnte. Hüben sind über 60 Prozent der Menschen Einwanderer, drüben 20 Prozent. Nördlich dieses sozialen Äquators wohnen die Kopffüßler, südlich die Prinzessinnen. In der Regel haben sie nichts miteinander zu tun. Doch an einer Stelle treffen sich einige von ihnen jeden Tag.

Montagmorgen, kurz nach acht, die Schüler der 1b der Gustav-Falke-Schule erzählen vom Wochenende. Die 23 Kinder sind aufgekratzt, jeder will etwas sagen. "Ich war beim Räuber Hotzenplotz", sagt ein Junge. "Ich hab bei Fußball Knie wehtut", ein anderer. Ein Mädchen berichtet, wie sie mit der Oma "einen Hexenbesen aus Reisig" gebastelt hat, ein anderes vom "Spielen mit Cousins mit der Wii".

Klassenlehrerin Stephanie Aschenbrandt erteilt das Wort, korrigiert ("Du meinst, du hast dich beim Fußball verletzt") und fragt nach. Aschenbrandt hat Jungen und Mädchen bunt durcheinander platziert, Emil* und Ethan neben Emre und Erbay, Hanna und Hülya gegenüber von Charlotte und Cigdem. Doch auch ohne die Kinder zu kennen, lassen sie sich leicht nach ihrer Herkunft in jenseits und diesseits der Bernauer Straße auseinandersortieren. Während die Schüler aus Mitte wortreich den Theaterbesuch oder die Fahrt zur Datsche ins Brandenburgische schildern ("Wir haben Rotwild beobachtet"), berichten ihre Klassenkameraden aus dem Wedding in Stummelsätzen von Nachmittagen vor dem Computer oder Ausflügen ins Einkaufszentrum ("nach Center").

Nach dem Morgenkreis darf Pia in die Mitte. Sie ist heute die Buchstabenkönigin. Die anderen Kinder sollen ihr Geschenke darbringen, die wie Pia mit P anfangen. Pia bekommt einen "Papagei" und einen "Panther". Von Emma, einer kleinen Rothaarigen im bunten Kleid, erhält sie eine "Panflöte". Dann ist Tarek dran, der Kleinste in der Runde: "Ich schenk Pia ein Krone", sagt er feierlich.

Später in der Stunde müssen die Kinder Gegenstände mit P ankreuzen. Tarek findet in einer Viertelstunde aus zehn Bildern nur das "Paket" heraus. Emma dagegen beendet die Aufgabe lange vor der Zeit. Nur beim Pilz muss das Mädchen passen. Denn dieser sieht für Emma eindeutig nach Fliegenpilz aus, und der fängt schließlich mit F an.

Stephanie Aschenbrandt hat die Klasse vergangenen September übernommen. Mehr als zehn Jahre unterrichtet die Lehrerin bereits an der Gustav-Falke-Schule. So brauchte sie auch in dieser Klasse nur wenige Tage, um zu erkennen, dass Emma eine sehr gute Schülerin werden dürfte und Tarek das Sorgenkind der Klasse. Dabei beunruhigte sie weniger, dass der Junge den Stift wie einen Faustkeil zwischen den Fingern hielt und bei der ersten Schreibprobe nur ein Gekrakel hinterließ, wogegen andere Kinder wie Emma schon ganze Wörter zu Papier brachten. Schreiben lernt man schließlich in der Schule.

Sorgen bereitete Aschenbrandt etwas anderes: Tarek konnte weder einzelne Silben unterscheiden noch die Laute der Buchstaben identifizieren. Selbst Monate nach Schulbeginn hatte er Probleme, zu erkennen, dass Hose sich auf Dose reimt, nicht jedoch auf Pullover.