So schön ist London bei Nacht lange nicht mehr erkundet worden. Im Video zu seinem neuen Song Loud Places kann man Jamie Smith auf einem Skateboard durch die Halfpipes und U-Bahn-Schächte der britischen Hauptstadt tanzen sehen. Beobachten, wie er, begleitet von Romy, der Sängerin der Band The xx, Fahrt aufnimmt in den labyrinthischen Gewölben und zum Finale in einem riesigen Konfettiregen landet. In dem Moment, da Smiths hypnotischer House-Track erklingt, verwandelt sich der öffentliche Raum in einen Dancefloor, der die Storys von den großen Emotionen einer ganzen Generation mit sich führt.

Dieser Ort der Sehnsucht wird momentan von niemandem mit so viel Geschichtssinn ertastet wie von dem als Jamie xx bekannt gewordenen britischen Produzenten, DJ und Drummer. Der Jubel in den Musikmagazinen und Blogs ist ihm gewiss, er speist sich aus der Bewunderung für die Beflissenheit, die der 26-Jährige in seinen Aufnahmen fürs Solodebüt In Colour an den Tag legt. Hören wir dort nicht ein lustvolles Spiel mit Erinnerungsstücken aus britischen Dancemusic-Traditionen, aus US-Hip-Hop und House, mit Samples aus TV- und Clubkultur verbunden und manchmal hymnischen Melodien bestückt und, ja, auch noch summa cum laude in Sound gesetzt?

Dem Farbenrausch im Video entspricht die eklektische Klangkomposition – Jamie xx erzählt das Nachtleben mit den Mitteln eines Nerds und Plattenliebhabers. Er ist Produzent, Mixer und Menschmaschine in einer Person, nur das Singen überlässt er lieber den Bandkollegen von The xx, den A-cappella-Chören und herzerwärmenden Stimmen, die er den feinsten Platten seiner 1970er-Soul-Sammlung entnommen hat. Die Erzählung beginnt in einem Drum-&-Bass-Club mit dem Schepperbeatspektakel Gosh, entführt in nostalgische Steel-Drum-Welten, scannt die elektronischen Tanzstellen der letzten 20 Jahre nach rauschhaften Sequenzen ab und kriegt kurz vor Schluss gar noch einen dialektischen Twist. Romy Madley Croft singt "I go to loud places, to search for someone to be quiet with". Melancholischer lässt sich Disco-Glück kaum beschreiben, die Zeile möchte man der Techno-Generation nachträglich ins Poesiealbum schreiben.


Als Smith mit The xx vor sechs Jahren im Pop-Universum aufschlug, wurde er als stiller Teilhaber der später mit dem Mercury Prize bedachten Band wahrgenommen, ein wortkarges, von Kopf bis Fuß in Schwarz gewandetes Nachtschattengewächs, das im Hintergrund arbeitete und die weit offenen Soundräume für das prägnante Gesäusel seiner besten Freunde Romy und Oliver bereitstellte. Doch aus dem vermeintlichen Dienstleister ist inzwischen ein eigener Star geworden. Smith wurde gefeiert für die Kunst der respektvollen Annäherung, er verlustierte sich 2010 schon einmal in historischen Milieus, als er die jüngsten Aufnahmen von Hip-Hop-Godfather Gil Scott-Heron mit jahrzehntealten Songs in einem dionysischen Electro-Remix verband, er wurde hofiert von Radiohead und Adele, von Rapper Drake und R&B-Diseuse Alicia Keys, die sich ihre Songs von ihm neu interpretieren ließen.

Heute interpretiert Jamie xx seine eigene Geschichte und stellt damit die Frage nach den Ursprüngen der Pop-Sozialisation: Wann habe ich begonnen, mich für Tanzmusik zu interessieren? Die Antwort findet er in den scharfkantigen Sound-Steinbrüchen der 1990er. Als er die ersten Jungle-Beats in den britischen Pirate Radio Stations hört, ist er noch zu jung, um einen Rave zu besuchen. Die beiden Plattenspieler im Kinderzimmer und die House-Platten, die ein cooler Onkel aus New York, selbst DJ, ihm vermacht hatte, eröffnen ihm bald ein Heimspielfeld, auf dem er die Klänge so hin- und herschieben, die Beats pitchen und die Gesänge kopieren kann, wie er mag. In Colour ist über weite Strecken eine Reminiszenz an diese Momente der Inbesitznahme von Musik. "Die sind für mich mit dem Gefühl von Freiheit verbunden", sagt er. "Wie die Skateboard-Touren, die ich mit Romy in London unternommen habe."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22 vom 28.5.2015.

Jamie xx gebührt momentan auch deshalb solch enorme Aufmerksamkeit, weil er so ganz nebenbei ein Album zum Stand der Dinge im Pop aufgenommen hat. Der Zerfall in Minderheitenmusiken, die sich um Verästelungen und Referenzen gruppieren oder im spannenderen Fall Geisterstimmen aus der Historie wiederaufführen, darf auch als Ausdruck einer größeren Popmüdigkeit gelesen werden. Niemand will mehr einen Trend hören, das Lagerfeuer der großen Popgemeinde ist schon lange erloschen. Aus der Asche tritt nun dieser bestens informierte Twentysomething, um die verstreuten Geschichtspartikel in einer Feierstunde lose zusammenzufügen – und sei es nur für dieses eine Album. Oder für eine Nacht auf dem Dancefloor, der in Jamie Smiths Soundsamples als Hintergrundrauschen hell aufscheint.

Das ist nicht die Musik, die die Verhältnisse zum Tanzen bringt, wie die Apologeten der Raving Society sich das vor gut 20 Jahren ausgedacht hatten. Aber wenn die Verhältnisse schon nicht tanzen lernen wollen, dann möchte man mit Jamie Smiths Plattenkiste die Orte der größten Verführung wie in einem Film aufsuchen können. Im gesampelten Refrain von Loud Places meldet sich der Jazz-Drummer Idris Muhammad von einem erleuchtenden Trip ins Disco-Paradies: "Could heaven be ever like this".

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