Wie es im Leben weitergeht, hängt immer noch stark vom sozialen Status der Eltern ab.

Manchmal öffnet ihr keiner, obwohl sie merkt, dass jemand zu Hause ist. Dann versucht sie es ein paar Tage später wieder. Anderswo kommt es vor, dass sie nach zwei Minuten wieder auf der Straße steht, die Aufforderung, sich bloß nicht mehr blicken zu lassen, noch im Ohr. Auch das nimmt sie hin. Schließlich hat niemand sie eingeladen. In den meisten Fällen ist Björna Ladage jedoch willkommen. Dann steht wie an diesem Morgen sogar Kaffee auf dem Küchentisch, ein Säugling liegt frisch gewickelt in den Armen seiner Mutter, die erwartungsvoll auf die Mitbringsel blickt, die Ladage vor ihr ausbreitet.

Freikarten für den Zoo sind dabei, ein Thermometer für die Babybadewanne und das Handbuch mit den Hinweisen zu Kitas, der Kindergeldstelle und der Schreiambulanz im Krankenhaus. Ladage erkundigt sich, ob die Mutter nachts zum Schlafen kommt, und erinnert an den nächsten Vorsorgetermin beim Kinderarzt. Gleichzeitig sieht sie sich beiläufig in der Wohnung um und geht die Fragen für das Besuchsprotokoll durch, das sie später schreiben wird: Wächst das Kind mit beiden Eltern auf? Ist die Wohnung groß genug? Zeigt der Säugling irgendwelche Auffälligkeiten? Ein Ampelsystem zeigt ihr an, ob man sich um die junge Familie kümmern muss.

Björna Ladage ist ein sogenannter Familienbesucher. Sobald sie über das Einwohnermeldeamt erfährt, dass die Stadt Herford einen neugeborenen Bürger hat, kündigt sie den Eltern ihr Kommen an. Auf eine Bestätigung wartet sie erst gar nicht. 600 Hausbesuche unternehmen sie und ihre drei Kolleginnen jedes Jahr in Herford, einer 60.000-Einwohner-Stadt nicht weit von Bielefeld. Ihr Arbeitgeber ist die Carina-Stiftung, eine private Initiative in Herford, die sich unter anderem der Bildungsgerechtigkeit verschrieben hat.

Die Familienbesucherinnen überreichen das Begrüßungspaket mit dem schriftlichen Gruß des Bürgermeisters, versorgen die Eltern mit Informationen, wie sich ein Säugling im ersten Lebensjahr entwickeln sollte – und was man tun kann, um das Kind in dieser Frühphase zu fördern. Knapp eine Stunde dauert die Visite einer Familienbesucherin im Schnitt. Meist verabschieden sich Frau Ladage und ihre Kolleginnen dann bis zum nächsten Jahr, wenn sie noch einmal mit einem Stapel Kinderbücher zum Vorlesen vorbeikommen. In einigen wenigen Fällen aber – und um die geht es den Familienbesucherinnen besonders – steht Ladage kurze Zeit später schon wieder vor der Tür. Dann mit neuen Informationen und weiteren Hilfsleistungen im Angebot.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22 vom 28.5.2015.

Bei Sybille Finke* leuchtete die Ampel rot, als Ladage zum ersten Mal zu Besuch kam. Zwei Kinder hatte die 32-Jährige damals bereits. Der Vater hatte sich aus dem Staub gemacht und der Frau einen Berg Schulden hinterlassen. In ihrem Zuhause wucherte der Schimmel. Und nun drohte ein drittes Kind von einem neuen Mann, ihr Leben vollständig aus dem Gleichgewicht geraten zu lassen. Apathisch saß Sybille Finke der Familienbesucherin gegenüber, ihr Neugeborenes schrie sich die Seele aus dem Leib.

Ladage stellte der verzweifelten Mutter eine Familienhebamme an die Seite. Diese zeigte ihr, wie man einen brüllenden Säugling mit gezielten Griffen und tröstenden Worten beruhigt, füllte für sie den Antrag fürs Elterngeld aus und organisierte Betreuung für die älteren Geschwister. Dankbar war Sybille Finke auch für etwas anderes: Nie habe man ihr das Gefühl gegeben, eine miese Mutter zu sein.

Vier Familienbesucherinnen arbeiten in Herford. Sie verstehen sich als Lotsen durch den Dschungel all jener Hilfen, die Ämter, Wohlfahrtsverbände und Privatinitiativen für Eltern in Herford bereithalten. Gleichzeitig sind die Familienbesucherinnen Teil eines pädagogischen Frühwarnsystems. Wenige Wochen nach der Geburt versuchen sie jene Kinder ausfindig zu machen, die von ihren Eltern nicht bekommen, was zum gelungenen Start ins Leben gehört: Liebe und Zeit, Sprache und Stimulation.

Früher fielen diese Sorgenkinder oft erst im Kindergarten oder in der Schule auf. Heute jedoch versuchen immer mehr Städte vorausschauend, die möglichen Problemfälle bereits in den ersten Lebensmonaten zu entdecken. Vorsorgende Fürsorge könnte man den Ansatz nennen oder auch präventive Bildungsarbeit. Doch keine andere Stadt erreicht einen derart großen Teil der jungen Familien wie Herford – und keine kann ihnen eine so breite Unterstützung anbieten: mit Elternkursen und Familienhebammen, Müttercafés und ehrenamtlichen Paten.

"Chancenreich" heißt das mehrstufige Programm, zwei Drittel der jungen Familien in der Stadt nehmen daran teil. Das liegt zum einen daran, dass nicht wie in anderen Städten Dienstpersonen des Jugendamtes oder der Sozialbehörden mit strengem Blick in den Türen stehen, sondern Mitarbeiterinnen einer privaten Stiftung. Alle Familienbesucherinnen sind erfahrene Erzieherinnen oder Sozialpädagoginnen, die selbst Kinder haben. Zum anderen bietet das Programm den Eltern der Stadt einen in Deutschland einzigartigen Deal an: Wer sich an allen Bausteinen des Programms beteiligt, erhält am Ende 500 Euro. Dafür müssen die Eltern einen kostenfreien Erziehungskurs belegen, alle Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt nachweisen und ihr Kind vor dem dritten Geburtstag in der Kita angemeldet haben.