Seit drei Wochen streike ich. Seit drei Wochen müssen die Eltern von Elisa, Nike und den anderen Kindern ohne Kita auskommen. Ja, ich weiß, dass ich ihr Leben kompliziert mache, weil ich etwas für mich einfordere – eine bessere Bezahlung. Wir Erzieherinnen und Erzieher streiken für zehn Prozent mehr Lohn, vor allem aber für eine angemessene Anerkennung unserer Arbeit.

Ich arbeite in meinem Traumjob. Vor 36 Jahren, nach meinem Schulabschluss, wollte ich Erzieherin werden. Meine Eltern haben damals gesagt: "Lern einen anständigen Beruf, in dem du ordentlich bezahlt wirst." Ich habe eine Ausbildung zur Röntgenassistentin gemacht. Erzieherin bin ich erst auf dem zweiten Bildungsweg geworden.

Meine Eltern haben sich geirrt und zugleich doch recht gehabt: Ich habe einen anständigen Beruf erlernt, ich trage Verantwortung für die Kleinsten unserer Gesellschaft. Ordentlich bezahlt werde ich nicht. Mein Gehalt liegt bei 1.800 Euro netto, und Hamburg gehört zu den besser zahlenden Bundesländern. Zehn Prozent mehr mag nach viel klingen. Doch angesichts dessen, was eine Erzieherin heute verdient, ist das angemessen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22 vom 28.5.2015.

Warum ich nicht nur unsere Forderung, sondern auch die Mittel, mit denen wir sie durchsetzen wollen, für angemessen halte? Lassen Sie mich kurz von meinem Alltag in der Kita erzählen. Ich betreue zusammen mit sechs Kolleginnen unsere Kleinkindgruppe, 35 Jungs und Mädchen im Alter von ein bis drei Jahren. Theoretisch haben wir einen guten Betreuungsschlüssel von eins zu fünf. Praktisch arbeiten von sieben Erzieherinnen nur zwei in Vollzeit. Wenn eine von uns im Urlaub ist, die andere womöglich krank und die Dritte mit dem Schreiben von Berichten beschäftigt ist, dann wird es eng. Jetzt ist die Berichtspflicht nochmals ausgeweitet worden, detailliert muss die geistige und körperliche Entwicklung jedes Kindes dokumentiert werden. Sicher, der Staat will damit seiner Fürsorgepflicht gerecht werden. Aber mehr Dokumentation statt mehr und besser qualifizierten Personals? In solchen Momenten denke ich, viele Politiker haben keine Vorstellung davon, wie es in meinem Job zugeht. Sich um kleine Kinder zu kümmern heißt mehr, als zu wickeln, zu füttern und zu spielen. Ich bin eben nicht die Basteltante, die dabei hilft, Fensterbildchen auszuschneiden, die Lieder singt und Bauklötze in die Ecke räumt.

Ich bin Erzieherin, und das heißt, ich bin verantwortlich für das Gleichgewicht zwischen kognitiver und emotionaler Entwicklung der Kinder, fördere ihr Sozialverhalten und unterstütze sie darin, selbstbewusste Menschen zu werden. Für Väter und Mütter bin ich eine wichtige Bezugsperson, schließlich verbringt ihr Kind unter der Woche oft mehr Zeit mit mir als mit ihnen. Sie erwarten von mir, dass ich es nicht nur versorge, sondern begleite und fördere. Sie wollen eben das Beste für ihr Kind – und ich soll es ihm geben.

Das sind die Anforderungen an meinen Beruf, und ich bemühe mich jeden Tag, sie zu erfüllen. Doch ich stoße an Grenzen, wenn wir uns zum Beispiel zu zweit um 24 Kinder kümmern müssen, weil die Personaldecke so dünn ist, oder wenn meine Woche mal wieder 44 Stunden hat, obwohl mein Arbeitsvertrag 38,5 Stunden vorsieht.

Ich streike nicht nur für mich und meine 240.000 Kollegen in Deutschland, sondern auch für alle, die in sozialen Berufen tätig sind. Letztlich geht es um die Frage, was uns die Arbeit mit Menschen wert ist, mit Kindern, Alten und Behinderten. Diese Frage wollen wir Streikenden in die Öffentlichkeit tragen. Allerdings habe ich festgestellt, dass stillstehende Züge ein größeres Erregungspotenzial haben als geschlossene Kita-Türen. In politischen Reden wird die frühkindliche Bildung gern unsere wichtigste gesellschaftliche Aufgabe genannt. In der Wirklichkeit aber, so mein Eindruck, werden Erzieher und Eltern mit dieser Aufgabe alleingelassen. Umso mehr tut es mir leid, dass Väter und Mütter, unsere Verbündeten im Kampf für eine bessere Kinderbetreuung, die Betroffenen des Streiks sind. Ich bin dankbar, dass sie sich solidarisch zeigen und am Montag in Hamburg sogar gemeinsam mit uns protestiert haben.

Wir wissen, dass wir von Zehntausenden Familien gebraucht werden. Es mag paradox klingen, aber gerade deshalb haben wir unsere Arbeit niedergelegt. Wir wollen dem Vertrauen, das Eltern uns entgegenbringen, gerecht werden – mit ausreichend Personal, das qualifiziert und angemessen bezahlt ist. Dafür streike ich. Unbefristet.

Aufgezeichnet von Dagmar Rosenfeld