In einem Wald nahe Oslo wächst seit 2014 eine Bibliothek – noch besteht sie aus tausend jungen Bäumen. Hundert Jahre darf das Rohmaterial gedeihen, bevor es zu Papier und das Papier zu Büchern verarbeitet wird. Möglicherweise sind es die einzigen Bücher, die im Jahr 2114 noch auf Papier gedruckt werden, denn die Zukunft der Bibliothek stellen wir uns heute ja eher als digitales Archiv vor. Der Wald als potenzielle Büchersammlung ist jedoch Teil des Projekts Future Library der Konzeptkünstlerin Katie Paterson. Pro Jahr soll sich ein prominenter Autor darauf einlassen, einen Text beizusteuern, der ungelesen in einem von Paterson speziell gestalteten Raum der neuen Deichmanske-Bibliothek in Oslo weggeschlossen wird. Nach dem hundertsten Beitrag darf dann endlich abgeholzt und gedruckt werden. Analog zur Maserung der hundert Jahre alten Baumstämme wird jedes Buch in der Anthologie von 2114 für einen Jahresring stehen.

Kürzlich überreichte Margaret Atwood während einer feierlichen Zeremonie mit Waldspaziergang das erste Manuskript. Sie ist zur Geheimhaltung des Inhalts verpflichtet. Womöglich steht aber auch gar nichts drin? Wie auch immer: Atwood wird nie erfahren, ob ihre Arbeit nach dem Dornröschenschlaf jemals einen Leser findet. Die Autorin preisgekrönter Dystopien bezweifelt angesichts der Folgen des Klimawandels ohnehin, ob die Menschheit noch ein Jahrhundert überdauert. Durch ihren Beitrag ginge die Kanadierin, die gerne zuversichtlicher wäre, zumindest sicher: Sollte es dann noch lesende Menschen geben, werden sie Margaret Atwood lesen können.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22 vom 28.5.2015.

Mit der Future Library konserviert Katie Paterson die Bibliothek, wie wir sie kannten, als eine Art Zeitkapsel. Nachdem die in Berlin lebende Schottin schon einen Meteoriten zurück ins Weltall schickte, Tonbänder schmelzender Gletscher abspielte und ein nanometergroßes Sandkorn in der Sahara verbuddelte, ist ihr neues Vorhaben von einer Dimension, deren Reichweite zwar schon außerhalb unserer Kontrolle, aber noch nah genug für unsere Vorstellungskraft liegt. Darauf kommt es den beiden, Paterson und Atwood, letztlich an. Alle vier Jahre wechselnde Treuhandverwalter, die sowohl für die Autorenauswahl als auch für die Baumpflege zuständig sind, sollen die Fortdauer des Projekts gewährleisten. Und damit das Ganze nicht am Fortschritt der Technik scheitert, lagern die Texte zusammen mit einer Druckerpresse, die notfalls reaktiviert werden kann. Doch ansonsten beruht alles auf Zukunftsvertrauen, so wie bei John Cages langsamstem Musikstück der Welt, das seit 2001 in Halberstadt aufgeführt wird und erst im Jahr 2639 verklingen soll. Derzeit festgelegt sind allerdings nur die Tonwechsel bis 2071; es ist den nachfolgenden Generationen überlassen, in welchem Rhythmus die Partitur weitergespielt wird. Auch die Future Library überliefert mit den materiellen Ressourcen in erster Linie eine Möglichkeit: Liebe Wesen im Jahr 2114, hier habt ihr Holz, die Technik des Buchdrucks und einen literarischen Querschnitt der letzten einhundert Jahre – macht was draus!