Das Fünf-Sterne-Hotel Grand Elysée in Hamburg erwartet Ärztebesuch. Im Foyer ist ein Frühstück angerichtet, für Vorträge der Festsaal gebucht, der Screen hat die Größe eines Badmintonfeldes. Der Veranstalter Omniamed, eine Agentur aus München, lässt sich nicht lumpen. An Geld fehlt es nicht. Sieben Pharmafirmen sponsern die eintägige Fortbildung mit insgesamt fast einer Viertel Million Euro. Knapp 200 Hausärzte und Internisten aus Norddeutschland sind gekommen. Macht einen Aufwand von rund 1.250 Euro pro Kopf. Es wird um Medikamente gehen. "Acht topaktuelle, praxisnahe Themen" sind angekündigt. Selbstredend sollen die Vorträge "ausgewogen" und "produktneutral" sein, so Omniamed-Manager Götz-Johannes Peiseler. "Wir achten sehr genau auf die Einhaltung aller juristischen Vorschriften."

Ärzte sind verpflichtet, sich berufsbegleitend weiterzubilden. So steht es seit 2004 im Sozialgesetzbuch. Zudem müssen die Fortbildungsinhalte "frei von wirtschaftlichen Interessen sein". Aus gutem Grund. Früher ließen sich Ärzte samt Gattinnen in Fünf-Sterne-Hotels einladen, wo sie ein Freizeitprogramm genossen, in das dürftig als Fortbildung getarntes Marketing eingebettet war. Scheinbar ist jetzt alles besser: Führende Arzneimittelhersteller haben sich auf einen Kodex verpflichtet, die Bundesärztekammer hat Empfehlungen verabschiedet, die verhindern sollen, dass die Geldgeber Inhalte beeinflussen. Produktnamen zu nennen ist zum Beispiel tabu, Transparenz oberstes Gebot. Doch die Ärzteschaft mag die Unterstützung der Industrie beim lebenslangen Lernen noch immer nicht missen. Nach Schätzungen sponsern Firmen mindestens 60 bis 70 Prozent aller Fortbildungen.

Im Grand Elysée bekommen die Ärzte gleich bei der Anmeldung den Tagungsreader überreicht. Auf einer der ersten Seiten prangen die bunten Logos der Sponsoren. Fein säuberlich wird aufgelistet, wer wie viel gegeben hat: Bayer HealthCare 53.571 Euro, Lilly Deutschland 34.500 Euro, Novo Nordisk Pharma 42.500 Euro, eine Allianz aus Boehringer Ingelheim Pharma und Lilly Deutschland 57.870 Euro ... Die offiziellen Gegenleistungen sind vergleichsweise bescheiden, auch sie werden gemäß den Transparenz-Vorgaben offengelegt: ein Ausstellungsstand; die Teilnahmemöglichkeit einer vereinbarten Zahl von Mitarbeitern; ein Dankeschön in den Tagungsunterlagen ... Das soll eine fünfstellige Summe pro Firma wert sein? Novo Nordisk teilt auf Anfrage mit, "dass die Kosten dem von uns erwarteten Werbeeffekt ... entsprechen und marktgerecht sind".

Ins Grand Elysée gekommen ist auch der Allgemeinmediziner Hans-Otto Wagner. Sonst meidet er gesponserte Fortbildungen. Er engagiert sich lieber als wissenschaftlicher Leiter, wie am Vorabend in der Hamburger Ärztekammer: zwei Stunden zum Thema Fußerkrankungen. Kein Sponsoring, die Teilnehmer finanzieren das Ganze mit 30 Euro Gebühr, der Referent bekommt 178 Euro. Zu essen gibt es nichts, zu trinken eine Cola. Dass Wagner in der Omniamed-Veranstaltung sitzt, liegt an seinem Engagement für MEZIS – "Mein Essen zahl ich selbst". Die Ärzteinitiative setzt sich für pharmafreie Fortbildungen ein. Mitglieder schauen sich gesponserte Veranstaltungen auf ihre Neutralität hin an. MEZIS glaubt nicht, dass Interessenkonflikte verschwinden, nur weil sie offengelegt werden.

Der erste Vortrag im Grand Elysée handelt von der Insulintherapie bei Typ-2-Diabetes. Referent Marcel Kaiser aus Frankfurt präsentiert pflichtschuldig eine Folie zu Interessenkonflikten. Beziehungen zu 19 Firmen sind aufgeführt, darunter auch Hersteller von Diabetes-Medikamenten wie Novo Nordisk oder Lilly. "Einzelkonflikte dürften sich neutralisieren", kommentiert Kaiser seine zahlreichen Industriekontakte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22 vom 28.5.2015.

Kaiser informiert über Analoginsuline, die sich durch lang anhaltende Wirkung auszeichnen. Alle Daten aus Studien zitiert der Referent korrekt – und dennoch ist sein Vortrag einseitig. Eine Folie zeigt ein Behandlungsschema aus der Nationalen Versorgungsleitlinie, eine Art Handlungsanweisung für Ärzte. Die Besonderheit: Die Leitlinie gibt kommentarlos zwei voneinander abweichende Empfehlungen wieder, weil die Experten sich nicht einigen konnten. Die eine Empfehlung stammt von den industrienahen Fachgesellschaften der Diabetologen und Internisten, die andere von der Arzneimittelkommission und der pharmaunabhängigen Fachgesellschaft der Allgemeinmediziner (DEGAM). Kaiser präsentiert nur die Empfehlung der industrienahen Spezialisten – die halbe Wahrheit.

Am Ende kommt er zu einer klaren Empfehlung zugunsten der Analoginsuline. Wagner ist nicht zufrieden: "Das Wichtigste fehlt: Was bringt es dem Patienten?" Es sei nicht durch Studien belegt, dass Patienten dank der Präparate weniger Folgeerkrankungen haben und länger leben. Die ZEIT hat Kaisers Folien dem Diabetologen Peter Sawicki vorgelegt, der sechs Jahre lang das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen geleitet hat. Sawickis Fazit: "Der Vortrag preist die Analoginsuline an, ohne auf ihre fehlenden oder zumindest marginalen Vorteile und unkalkulierbaren Risiken einzugehen." So müssten die Medikamente oft lebenslang genommen werden. Wie sich das über viele Jahre auswirke, habe man bislang nicht untersucht. "Von den Kosten ganz zu schweigen."

Kaiser wie auch die anderen Referenten im Grand Elysée werden nicht etwa von der Industrie bezahlt, sondern von Omniamed. Manager Peiseler, ausgesucht höflich, betont die Neutralität und Unabhängigkeit des Unternehmens. Allerdings versagt manchmal sein Gedächtnis. Was denn der berufliche Hintergrund seiner Mitarbeiter sei? "Kann ich Ihnen jetzt so aus dem Stand nicht sagen. Keine Ahnung." Dabei ist es einfach, sich zu merken, woher die Mitarbeiter kommen – ihre Vorgeschichte klingt oft ähnlich:

Geschäftsführerin Martina Schreck war fast 15 Jahre bei Bristol-Myers Squibb. Chief Operation Officer Helmuth Seuthe bei Schwarz Pharma Deutschland und Orthomol. Director Speciality Care Thomas Klöckner bei Cephalon, Zeneus Pharma und Bristol-Myers Squibb. Senior Relationship Manager Thomas Seipp bei Wyeth Pharmaceuticals, Novartis Vaccines, Sanofi-Aventis. Martin Fedder, bis 2014 Medical Project Manager und weiterhin für Omniamed tätig, war bei UCB Pharma, Schwarz Pharma, Beecham Wülfing, E. Merck. Medical Director Andreas Wöhrmann, der mit Peiseler die Folien der Referenten auf wissenschaftliche Evidenz prüft, war bei Bristol-Myers Squibb und MSD Sharp & Dohme.

Und Peiseler selbst? "Ich bin Arzt, Internist und Intensivmediziner." Aber er habe doch viele Jahre für Pharmaagenturen gearbeitet. "Ich bin seit mehr als 20 Jahren auch als Medizinjournalist tätig und habe in dieser Eigenschaft auch Agenturen in medizinischer Hinsicht beraten." Zum Beispiel die Münchner Pharmaagentur New Performance, die Kampagnen für Grünenthal, Bristol-Myers Squibb, GlaxoSmithKline oder Stada entwickelte. Ob für ihn denn Medizinjournalismus und Pharmamarketing ein und dasselbe seien? Diese Frage will Peiseler lieber nicht diskutieren.