Kaffeepause im Grand Elysée. Wagner schlendert zu den Pharmaständen im Foyer. Bayer informiert über Xarelto, das neue Medikament der Bayer Pharma AG zur Gerinnungshemmung. Xarelto ist laut dem jüngsten Arzneiverordnungsreport 21-mal teurer als das meistverordnete Standardpräparat, aber schützt es Herzpatienten auch besser, etwa vor Schlaganfällen? Der Stellenwert der neuen Gerinnungshemmer – neben Xarelto sind zwei weitere Präparate zugelassen – ist strittig. Am Bayer-Stand liegt die Leitlinie der europäischen Kardiologen aus, verfasst von Autoren mit umfangreichen finanziellen Beziehungen zu den Herstellern. Wenig überraschend kommen sie zu ganz anderen Empfehlungen als die pharmaunabhängigen Autoren einer Leitlinie der DEGAM. Wagner, auch Präsidiumsmitglied bei der DEGAM, hat an ihr mitgearbeitet.

Die Kardiologin Barbara Richartz, leitende Ärztin an einer Privatklinik am Tegernsee, hält den ersten von zwei Vorträgen über die neuen Gerinnungshemmer. Laut Transparenzerklärung wird sie von Bayer Vital, einem Tochterunternehmen von Xarelto-Hersteller Bayer Pharma, finanziell unterstützt, ferner auch von der Firma Boehringer, die ein weiteres der neuen Mittel herstellt. Schon der Titel Neuer Goldstandard bei der oralen Antikoagulation suggeriert, es habe einen Paradigmenwechsel gegeben – weg von den altbewährten, preisgünstigen Medikamenten hin zu den neuen, teuren. Richartz gibt sich Mühe, diesen Eindruck zu unterstreichen. Ausführlich thematisiert sie vermeintliche Nachteile der alten Mittel: Je schlechter sie bei Patienten anschlagen würden, umso höher sei deren Schlaganfallrisiko.

Richtig. Doch das Argument müsste umgekehrt lauten: "Wenn Patienten gut eingestellt sind, ist ihr Schlaganfallrisiko eher niedriger als unter der Therapie mit den neuen Präparaten", sagt der Bremer Pharmakologe Hans Wille angesichts der Folien. Gut eingestellt heißt: Die Gerinnungshemmung bei den Patienten sollte mindestens für 70 Prozent der Behandlungszeit im erwünschten Bereich liegen.

Eine nicht optimale Behandlung der Patienten mit dem Standardpräparat könnte laut Wille in allen drei Zulassungsstudien als verzerrender Faktor gewirkt haben. "Wenn man die Einstellungen betrachtet, die bei uns üblich sind, bieten die neuen Mittel keine gesicherten Vorteile", so der Mitautor des Leitfadens der Arzneimittelkommission. Auch andere kritische Punkte habe Richartz nicht thematisiert. "Das ist in meinen Augen eine Werbeveranstaltung."

Die Kardiologin, mit der Kritik konfrontiert, führt ein längeres Telefonat mit der ZEIT, will wörtliche Zitate aber nur autorisieren, wenn sie zuvor den gesamten Artikel vorgelegt bekommt. Als Auftragsschreiberin der Industrie sieht sie sich nicht. Sie sei der wissenschaftlichen Evidenz verpflichtet, Inhalte müssten so objektiv wie möglich sein. Vermutlich glaubt sie das sogar. Das Fatale ist nur: Die Nähe zur Industrie kann auch dann wirken, wenn man es nicht wahrhaben will. Laut einer 2010 im Deutschen Ärzteblatt veröffentlichten Umfrage unter 300 Fachärzten glauben nur sechs Prozent der antwortenden Ärzte, sie seien häufig oder immer von Pharmavertretern beeinflusst; von den Kollegen nehmen das hingegen 21 Prozent an.

Im Festsaal steuert die Veranstaltung auf den Höhepunkt des Vormittags hin. Die Urologin Maike Beuke spricht über Männergesundheit. Interessenkonflikte deklariert sie nicht. Gegenüber der ZEIT räumt sie aber ein, auch von Pharmafirmen Geld zu erhalten, zum Beispiel von Lilly, das ein Medikament für eines der im Folgenden besprochenen Probleme neu zugelassen hat. Die Transparenzerklärung habe nicht eingefügt werden können, weil die Referentin erst kurz vor ihrem Vortrag aus der Praxis kam, teilt Omniamed auf Anfrage mit. Beuke referiert über so sensible Themen wie Prostatavergrößerung, Testosteronmangel und Erektionsstörungen – und bleibt ganz locker. "Ich spreche jeden Patienten auf die Sexualität an." Schließlich sei jeder fünfte Mann ab 40 Jahren von Erektionsstörungen betroffen. Ebenso verbreitet sei Testosteronmangel, sagt Beuke und zitiert als Beleg aus einer einzelnen Studie.

"Das klingt wie Pharmarhetorik. Man nennt hohe Verbreitungszahlen, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen", kommentiert der Rostocker Epidemiologe Robin Haring die ihm vorgelegten Folien. Es gebe keine gesicherte Zahl zur Häufigkeit des Testosteronmangels. In Untersuchungen sei von 5 bis 40 Prozent alles dabei. "Eine einzige Zahl zu präsentieren ist sehr selektiv. Sie hätte eine Spanne nennen müssen."

Im Folgenden präsentiert Referentin Beuke korrekte Erkenntnisse: dass der Testosteronspiegel mit dem Alter nicht unbedingt sinken müsse. Dass er vielmehr im Zusammenhang mit einem teuflischen Quartett sinke: Diabetes, Übergewicht, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck. Und dann folgt eine Aussage, die man richtig und falsch verstehen kann: "Männer mit niedrigem Testosteronspiegel sterben früher." In der Tat. Allerdings heißt das nicht, dass die Männer sterben, weil ihr Testosteronspiegel niedrig ist. "Es gibt noch keine Studie, die diesen Zusammenhang bewiesen hat", sagt Haring. Referentin Beuke schreitet dennoch kühn zur Therapie fort. Sie präsentiert eine Studie, wonach die Behandlung des Testosteronmangels Wunder wirke: bessere Knochendichte, mehr Libido, mehr Lebensqualität ...

"Die Studie, die sie da präsentiert, ist hoch umstritten, weil sie methodische Einschränkungen hat", sagt Haring. Zudem sei es fahrlässig, sich aus einer Unmenge von Testosteronstudien eine einzige rauszupicken. "Da kann ich auch einen Dartpfeil werfen." Aussagekräftig sei hier nur eine Metaanalyse, eine Gesamtschau aller verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse. "Dann sieht man: Die Datenlage zur Testosterontherapie ist sehr dünn, eindeutige Effekte wurden bisher nicht beobachtet." Während Beuke die angeblichen Segnungen der Testosterontherapie lobt, vermisst Haring etwas anderes: "Wenn ich mich gut ernähre, genug schlafe und Sport treibe, kann ich meinen Testosteronspiegel positiv beeinflussen. Da gibt es belastbare epidemiologische und klinische Studien, die hat sie leider nicht erwähnt."

Den Zuhörern ist all dies offenbar nicht aufgefallen. Sie stimmen vor der Mittagspause ab, welches Thema ihnen am besten gefallen habe und wo sie am meisten gelernt hätten. Ergebnis: Männergesundheit.

Überhaupt sind viele der Anwesenden zufrieden. "Fortbildungen ersetzen mir die Erfahrung", sagt Irina K. aus Rendsburg, die im November 2014 ihr Studium beendet hat. Hat sie einen Einfluss des Sponsorings wahrgenommen? "Für mich nicht merklich, es gab keine Empfehlungen in irgendwelche Richtungen." Aber die neuen Gerinnungshemmer seien doch einhellig positiv dargestellt worden. "Da habe ich im Studium schon starke Statements gehört, dass man eine Revolution erwartet." Gunther S. aus Kellinghusen besucht Veranstaltungen wie die von Omniamed seit zehn Jahren. Ein bisschen pharmalastig seien die schon, aber: "Das kann ich abziehen." Wie das geht? "Mit Erfahrung." Ein Allgemeinmediziner aus Schwarzenbek ist skeptischer: "Wenn die was geben, wollen die auch was dafür haben." Immerhin, einige Daten nehme er mit. Und: "Wir brauchen die Punkte, das ist auch etwas Positives."

Fachärzte müssen gegenüber ihrer Ärztekammer in fünf Jahren 250 Punkte aus zertifizierten Fortbildungen nachweisen. Sonst drohen ihnen Kürzungen bei der Vergütung oder sogar der Entzug der Zulassung. Von der Omniamed-Veranstaltung erhoffen sich die Teilnehmer acht Punkte, das Maximum für eine eintägige Fortbildung. Veranstalter müssen sich meist keine Sorgen machen, dass ihre Fortbildung nicht zertifiziert wird. Die Ärztekammern sind heillos damit überfordert, die wirtschaftliche Unabhängigkeit zu prüfen. Nicht mal die Zahlen werden einheitlich erfasst. Die eine Kammer gibt sechs Prozent Sponsoring an, die andere 62 Prozent. Allein in Hamburg sollen nach Angaben der Pressestelle bis zu 1.000 Fortbildungen im Jahr finanziell unterstützt werden.

Im Grand Elysée ist jetzt Mittagspause, die Ärzte verbinden das Nützliche mit dem Angenehmen. Omniamed hat im Foyer ein fürstliches Buffet auffahren lassen: Hähnchenbruststreifen in Curry-Sahne-Soße, Risoleekartoffeln, Pollo bollito mit pikanter Peperonata, Thunfisch mit Hamburger Bohnen, Zanderfilet mit Spinatgemüse, Steinpilztortelloni, Rinderrücken, rosa gebraten, zum Nachtisch Crème brûlée, Schoko-Mousse, Tiramisu, Apfelbeignets ... Hausarzt Wagner widersteht tapfer der Versuchung. Er macht sich auf den Weg zu einem Stehcafé und genehmigt sich für 4,60 Euro eine Frischkäse-Semmel und einen Kaffee. "Fortbildungspunkte darf es nur ohne Sponsoring geben", sagt er. Selbst wenn ein Arzt um das Risiko der Beeinflussung weiß: Wie soll er einschätzen, welche Folie pharmalastig ist?

Meist prüfen die Ärztekammern sowieso nur formale Kriterien. Diesmal hat Hamburg eine Beobachterin in die Omniamed-Veranstaltung geschickt. Einen Kommentar lehnt die Ärztekammer allerdings ab. Das Thema ist juristisch heikel. Falls eine Kammer nicht zertifiziert, klagen die Veranstalter nicht selten vor Gericht. Am Ende gibt es sieben von acht Punkten. In einem Schreiben an die Teilnehmer dankt Omniamed der Ärztekammer später. Diese habe sich durch ihre Auditorin vor Ort ein direktes Bild von der wissenschaftlichen Qualität und Neutralität der Fortbildung machen können.