Wenn es einen Preis gäbe für die originellste Vorlesung der Fächer Kunstgeschichte und Filmwissenschaft im Sommersemester 2015 – diese hier hätte beste Chancen. Ja! In diese Vorlesung darf man ein Glas Wein mitnehmen oder eine Fritz Limo Holunder, 3 Euro. In dieser Vorlesung darf ich mich in einen der 140 sehr bequemen, sehr roten Sessel fläzen. Welcher Hörsaal bietet mehr? Wobei von Hörsaal eigentlich nicht gesprochen werden kann. Die Ringvorlesung der Fakultäten Kunstgeschichte, Filmwissenschaft und Romanistik trägt den Titel "Lecture & Film: Das Kino des Pier Paolo Pasolini", donnerstags, 20.15 Uhr. Ort: Filmmuseum am Frankfurter Schaumainkai. Ticket bitte online ordern.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22 vom 28.5.2015. Lesen Sie in den runderneuerten Chancen in dieser Woche auch, was die Uni Maastricht so viel besser macht als deutsche Unis und wie es um die Zukunft der Odenwaldschule steht.

Pasolini, der ebenso stilbildende wie skandalgeplagte Dichter, Zeichner und Regisseur – ein Mann für die akademische Einordnung? Bisschen spezieller Fall, klar. 20.25 Uhr: Einführend liefert Professor Regine Prange die inhaltliche Klammer. Pasolini (1922 bis 1975) hat Kunstgeschichte bei Roberto Longhi studiert. Und gerade im ersten Film des Abends, in La ricotta (Der Weichkäse, 1963), geht es – ha! – um Intermedialität: Gemälde, Bewegtbild, Handlung, Dialog und Reflexion sind untrennbar ineinander verwoben, hören wir.

Der Vorhang öffnet sich, wir sind in Rom, irgendwo außerhalb. Pasolini filmt, wie ein Regisseur am Set (stoisch gespielt von Orson Welles) die Kreuzabnahme Christi nachstellen will, angelehnt an ein Gemälde von Rosso Fiorentino (1521). Chaos bricht aus, ständig fallen die zehn Schauspieler aus der Rolle, eine Diva flippt aus, chaplineske Zeitraffer-Szenen wechseln ab mit Kunst- und Bibelzitaten (Bibel, Matthäus-Evangelium: "Wer Ohren hat, der höre"). Ein Heldentod: Stracci, der dauerhungrige, gehetzte und missachtete Statist, hängt als Schächer neben Jesus am Kreuz. "Armer Stracci, er musste sterben, um uns daran zu erinnern, dass er lebte", sagt der schuldbewusste Regisseur. Ein Satz, der glatt ein Philosophie-Hauptseminar bestücken könnte. Dann wird es hell im Kinosaal, mit dem typischen Blinzeln tasten die Zuschauer sich zurück in die reale Welt. Einige Studenten checken das Smartphone, andere gehen raus, um zu rauchen. Und wieder öffnet sich der Vorhang, und wieder: Rom, Ewige Stadt.

In gröbstem Zeitraffer: Drei Filme später, 23.15 Uhr, legt Regine Prange Wert darauf, das Thema abzubinden. Ist eine Anklage gegen den Konformismus zu erkennen? Stellt Orson Welles Pasolini selbst dar? Draußen empfängt uns die kühle Nachtluft, der glitzernde Main – doch im Kopf sind alle noch bei Stracci. In Rom.

In unserer neuen Kolumne "Hörsaal", die zeitgleich in der gedruckten Ausgabe der ZEIT erscheint, schildern Autorinnen und Autoren der ZEIT Woche für Woche ihre Eindrücke von Vorlesungen an Hochschulen in Deutschland und im Ausland. Wir sind gespannt auf Ihre Diskussionen.

Falls Ihnen eine besonders spektakuläre Vorlesung auffällt, die wir besuchen sollten, dann freuen wir uns über einen Hinweis an: hoersaal@zeit.de.