Mit dem Unterschreiben der Magna Carta wollte König Johann sich Zeit verschaffen, um seine Truppen neu in Stellung zu bringen. © CM Dixon/Print Collector/Getty Images

Die Botschaft ist deutlich: "Dem Tyrannen zu widerstehen bedeutet, Gott zu gehorchen", tönt es am 4. Februar 1940 in den USA aus dem Radio, einmal, zweimal, zuletzt als strahlende Fanfare, tutti und forte. Komponiert hat die Hymne Kurt Weill, der Weltstar, der 1933 aus Deutschland fliehen musste und nun am Broadway Erfolge feiert.

Eine Antwort auf Hitler? Vordergründig nicht. Für eine Anspielung auf die Zustände in seiner alten Heimat, für die Gegenwart, hat Weill nur den Platz zwischen den Zeilen vorgesehen. Denn der Text führt weit zurück, ins Mittelalter.

Weills Tyrann ist Johann Ohneland, Englands König, der zu Beginn des 13. Jahrhunderts seine Untertanen gegen sich aufgebracht hatte: durch gnadenlose Steuern, willkürliche Justiz, Vetternwirtschaft und Unterdrückung. "Er war es, der reichen Juden jeden Tag einen Zahn ausriss, um ihnen Geld abzupressen", malt Weills Lied die Verbrechen des Herrschers aus. Erst nach einem großen Aufstand war dem ein Ende gemacht und dem Despoten endlich eine Verfassung abgerungen: die Magna Carta von 1215. Nicht nur Johann habe die Herrschaft der Gesetze anerkennen müssen; generell seien "Könige seit dieser Zeit auf menschliche Normalgröße zurechtgestutzt". Ein Lied vom historischen Triumph der Freiheit also, das Weill seinen amerikanischen Hörern vorspielt, just als sein altes Heimatland die Welt in den Abgrund reißt: The Ballad of Magna Carta.

Das Lied findet offene Ohren. Für die New Yorker Weltausstellung ist Anfang 1939 eines der vier existierenden Exemplare der Carta aus England ausgeliehen worden und hat dort eine wahre Hysterie ausgelöst. "Viele Tausende Amerikaner" hätten Tag für Tag in langen Schlangen gewartet und die Urkunde voller "Ehrerbietung und Stolz" betrachtet, stellt ein Vermerk der britischen Regierung befriedigt fest. Man begreife die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 als "Kind der Magna Carta" und zähle den mittelalterlichen Sieg über die Tyrannei deshalb auch zu den eigenen nationalen Gründungsmythen.

Die Verbundenheit mit diesem Erbe ist durch die Zustände, die seit der Oktoberrevolution in Russland, vor allem aber nach der Machtergreifung des Faschismus in Italien und Deutschland herrschen, noch sehr viel enger geworden. Die Magna Carta hat eine neue Aktualität gewonnen: Tyrannenmord ist Gottesdienst – eine rechtshistorische Parabel, die offenbar niemals zu den Akten gelegt werden kann.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22 vom 28.5.2015.

1215 war das alles natürlich überhaupt noch nicht vorauszusehen. Keiner derjenigen, die am Entstehen der Carta beteiligt waren, konnte damit rechnen, dass seine Taten (und Untaten) nach so langer Zeit noch besungen werden sollten.

Als König Johann aus dem Hause Plantagenet im Juni 1215 sein Siegel unter die große Urkunde setzt, da hat er ganz anderes im Sinn, als der Freiheit eine Verfassung zu geben. In seiner durch und durch unglücklichen Regentschaft braucht er einen innenpolitischen Befreiungsschlag; ein Zeichen des guten Willens, aber keine echte Reform.

Nach dem Tod seines Bruders, des sagenumwobenen Richard Löwenherz, hatte Johann 1199 den Thron bestiegen, ohne allerdings aus dem Schatten seines Neffen Arthur zu treten. Arthur war in Frankreich aufgewachsen; das Haus Plantagenet stammte von dort. Er hatte in Frankreich eine starke Gefolgschaft und galt lange Zeit selbst als der designierte Nachfolger Richards. Dass man ihn in England überging, beantwortete Frankreichs König Philipp II. mit Krieg. Johann gelang es zwar, Arthur zu beseitigen. Aber der Preis war hoch: Bis 1203 gingen fast alle Besitzungen der englischen Krone auf dem Festland verloren – nicht zuletzt finanziell ein Desaster.