Große Datensätze gibt es auch zu Finanzen, Wetter und Tourismus. Der erste Text, den Saim Alkans Software aus Daten generierte, hatte vier Absätze, es war eine Zielortbeschreibung für einen Reiseort, noch heute lässt sie sich im Netz finden. "Hier können Sie die typischen Spezialitäten Espetada, am Spieß gegrilltes Rindfleisch und den Tiefseefisch Espada genießen", heißt es. Anfangs lieferte der Computer 1500 Texte in einer Nacht, wenig später schon mehr als 7000, inzwischen sind es bis zu 90 Millionen am Tag – Nachrichten zu Wetter, Sport und über Prominente zum Beispiel oder Texte für E-Commerce-Anbieter. Alkan sagt: "Einen handgeschriebenen Text können Sie heute nicht mehr von einem computergenerierten unterscheiden."

Eine Studie des Kommunikationswissenschaftlers Mario Haim von der Ludwig-Maximilians-Universität in München gibt Alkan – mit Bezug auf einfache Meldungen – recht. Knapp tausend Probanden hat der Forscher Nachrichten aus den Bereichen Sport und Finanzen vorgelegt, die entweder Computer oder Menschen geschrieben hatten. Das Ergebnis: Die Leser machten kaum einen Unterschied aus. Einzig: "Computergenerierte Texte werden als sachlicher und glaubwürdiger empfunden, Texte von Journalistenhand hingegen sind angenehmer zu lesen", sagt Haim.

Die Tatsache, dass ein Text, geschrieben von einem Menschen, genauso gut oder schlecht sein kann wie der von einem Etwas ohne Herzschlag, ist geeignet, die Medienbranche zu verunsichern. Wieder ein Algorithmus mehr, der sie bedroht. Dabei hat man, zumindest im Journalismus, den schlechten Start mit diesem Internet noch nicht verdaut. Informationen aus dem Netz sind für Leser weitgehend kostenfrei. Dazu kann jeder nun mitmachen, per Blog, YouTube, Twitter, Instagram. Was Journalismus in diesen Zeiten ausmacht, wie er wieder mehr Geld verdienen kann und ob er überhaupt überlebt, sind für die Branche existenzielle – und oftmals sehr negativ aufgeladene – Fragen. In Onlineredaktionen sitzen derweil Journalisten, die mit der hohen Nachrichten-Schlagzahl mithalten müssen, weil News alles sind. Ob sie gute oder schlechte Arbeit leisten, bewerten ihre Chefs vor allem anhand der Klicks. Man kann an Charlie Chaplins Moderne Zeiten denken.

Man kann aber auch einen Schritt weiter gehen und sich überlegen, wie Algorithmen die Arbeit des Menschen in Zukunft erleichtern und sie besser machen können – auch im Journalismus.

Anfang März erschien auf der Onlineseite der New York Times ein Artikel zum Einfluss des Ortes, an dem man aufwächst, auf die spätere Entwicklung im Leben. Wissenschaftler der Harvard-Universität hatten Dutzende Orte Amerikas entsprechend bewertet. Andrew DeVigal, der an der Universität Oregon den Bereich innovativen Journalismus leitet, las diesen Text – vor allem, erinnert er sich, weil es um seinen Wohnort ging. "Ich war überrascht, dass die Times von dort berichtet", sagte er in einem Interview. "Der Artikel war wie für mich gemacht."

Das war er wirklich. So wie er für Leser in New York, Michigan oder Chicago – für jeden Amerikaner – gemacht war. Die New York Times- Seite erkennt, von wo aus der Rechner des Lesers auf die Seite zugreift – und passt Absätze des Artikels an diesen Ort an. Geschrieben haben den Text Journalisten, personalisiert hat ihn ein Algorithmus.

Für Zeitungsredakteure und auch für deren Leser könnte sich diese Entwicklung als segensreich erweisen. Warum sollte sich nicht ein Algorithmus um schnelle News kümmern, derweil sich der Mensch um die Einordnung bemüht, kommentiert und analysiert, indem er Weltwissen nutzt, das ein Computer nicht hat? Indem er andere Menschen trifft und begleitet, um daraus eine Reportage zu schreiben, eine Textform, die vom Menschsein lebt?

Es könnte auch in Deutschland schon bald so weit sein, denn Saim Alkan präsentiert derzeit Zeitungen seine Software. Er will nicht sagen, mit wem er schon gesprochen hat. Zählt er jedoch die Städte auf, in denen er war, kann man vermuten, dass er mit allen größeren Verlagshäusern im Gespräch ist. Tageszeitungen in Deutschland, die aufgrund des wirtschaftlichen Drucks immer mehr Agenturnachrichten abdrucken, könnten mit seiner Hilfe künftig ortsbezogen individualisieren und in Newslettern die Sprache den Lesern anpassen, um mehr von ihnen zu erreichen.

Der Sport-Informations-Dienst (sid) testet Alkans Software schon, dort macht sie aus Tabellen Texte zu Spielen. Die Mitarbeiter seien anfangs misstrauisch gewesen, erzählt Jens Wagner, der bei der Agentur die Technik leitet. "Ich konnte sie aber beruhigen", sagt er. Die Software schreibe nämlich Texte, die bislang keiner schreibt. Sie sind ein Mehrwert für die Leser. Keine Bedrohung für Journalisten.