Es begann mit einem Versprechen. Das Versprechen stand in einem Buch mit grünem Einband. Roman Szierer lag gerade auf einem Etagenbett bei der Bundeswehr, als er auf Seite 102 seine Zukunft entdeckte.

Szierer war nie einer der Jungs gewesen, die immer schon wussten, was sie werden wollten: Arzt, Anwalt oder Fußballer. Aber hier, auf einer zerknitterten Seite des Studienführers, blieb sein Blick hängen. "Diplom Wirtschaftsingenieur der Seeverkehrswirtschaft" stand da. Szierer las von Reedereien, die dringend nach deutschem Nachwuchs suchten. Von einer Wachstumsbranche. Von einem Einstiegsgehalt über 4000 Euro. Es klang beinahe zu gut, um wahr zu sein.

Szierer dachte an die Häfen dieser Welt und an Schiffe, so groß wie Häuserblocks. Er, Roman aus Radeburg, einem 9000 Seelenkaff bei Dresden, könnte zur See fahren. Die Welt sehen.

Szierer schaute sich um. Die Bundeswehrstube war grau und roch nach Schweiß. "Ich hab es", rief er seinen dösenden Kameraden zu. "Ich fahre zur See, hört ihr? Ich werde Kapitän!"

Heute, sieben Jahre später, sitzt Roman Szierer auf dem Deck eines kleinen Schleppers im Hamburger Hafen und gähnt. "Es war eine große Verarsche", sagt der 28-Jährige.

Es ist ein warmer Apriltag, Szierer blinzelt müde in die Sonne. Heute morgen ist er mit dem Auto aus Radeburg gekommen. Jetzt tut er das, was er im Moment fast pausenlos tut: warten. Bei der Sache gehe es ja nicht nur um ihn, sagt Szierer, sondern um das große Ganze. Die Zukunft eines Berufs, der zu schön klang, um wahr zu sein.

Dann sagt er einen Satz, der im Moment überall durch die Branche geistert, durch die schicken Büros der Reeder und die Kajüten der großen Schiffe: Wenn es so weitergeht, sagt Szierer, wäre das das Ende. "Der Tod des deutschen Kapitäns."

Hinter Szierer gondeln Touristendampfer durch den Hamburger Hafen, winkende Rentner in beigefarbenen Westen.

Irgendwann ruft jemand etwas aus dem Innenraum, und Szierer schaut auf. Er greift nach seinem Blaumann. Ein Auftrag. Endlich.

Seit Januar arbeitet Szierer auf dem Schlepper Wilhelmine im Hafen. Er arbeitet, immerhin. Aber er steht nicht am Steuer, sondern ist nur einfacher Matrose. Er putzt das Deck, streicht die Reling und angelt die dicken Taue der Containerschiffe, an denen der Schlepper die Schiffe zu den Anlegestellen zieht. Dabei hat Szierer Nautik studiert; er dürfte auf Schiffen fahren, die so groß sind wie Flugzeugträger. Die Krise der deutschen Schifffahrt ist zu seiner Krise geworden. Szierer sagt: "Verdammt, ich will endlich aufs Meer!"

Um Kapitän werden zu können, müssen Nautiker wie er nach dem Studium zur See fahren. Sie starten als dritte Offiziere und arbeiten sich dann hoch. Nach zwölf Monaten auf See werden sie in der Regel 1. Offizier. Danach können sie ihr Kapitänspatent freifahren, wie es heißt. Das Patent ist ihr Freibrief: Wer es hat, kann entscheiden, ob er weiter zur See fahren möchte, an Land für Reedereien arbeiten oder als Lotse im Hafen; Nautiker mit Patent sind begehrt.