Es ist mal wieder so weit: Ende dieses Monats ist die Steuererklärung fällig, zumindest für all jene, die keine externe Hilfe in Anspruch nehmen, etwa von einem Steuerberater. Es dürften sich in diesen Tagen also wieder viele Menschen den Kopf zerbrechen: Was war noch mal gleich ein Verlustvortrag? Geht die Garage als außerhäusliches Arbeitszimmer durch? Einige werden sich wohl auch fragen, ob sie hier und da etwas unter den Tisch fallen lassen könnten – dem Finanzamt ein paar kleine Beträge verschweigen, das tut doch niemandem weh. Macht doch ohnehin jeder, oder?

Nein, nicht ganz. Zwar fehlen dem Staat – und damit der Allgemeinheit – durch Steuerhinterziehung riesige Geldbeträge. Die Deutsche Steuer-Gewerkschaft, die für die Mitarbeiter in der Steuerverwaltung eintritt, schätzt, dass dem deutschen Fiskus durch hinterzogene Einkommensteuern jährlich rund 30 Milliarden Euro entgehen.

Doch Studien zeigen, dass es um die Steuermoral in Deutschland besser bestellt ist, als oft angenommen wird. Das dürfte vor allem an der öffentlichen Debatte um das Steuergeheimnis, um Steuerhinterziehung und Selbstanzeigen liegen. Wegen des Schadens verhängt der Staat traditionell Strafen, wenn er Steuerbetrug entdeckt. Je nach Schwere des Delikts kommen Geldbußen oder – wie im Fall Uli Hoeneß – sogar Freiheitsstrafen infrage. Die Steuerpsychologie hat aber noch andere Möglichkeiten entdeckt, um Steuerhinterziehung einzudämmen: So kann der Staat die Steuermoral seiner Bürger auch durch ermunternde Maßnahmen und mehr Transparenz verbessern.

Zunächst der Status quo: Eine Studie von Matthias Wrede, Professor für Sozialpolitik an der Universität Erlangen-Nürnberg, kam 2013 zu dem Ergebnis, dass nur ein Viertel der Befragten angab, schon einmal ernsthaft über Steuerhinterziehung nachgedacht zu haben. Das klingt erstaunlich, wird aber durch eine Studie der Forschungsstelle für empirische Sozialökonomik in Köln aus dem Jahr 2014 gestützt. Diese attestierte den Deutschen insgesamt eine gute Steuermoral. So verneinten 80 Prozent der Befragten die Frage, ob sie in ihrem Leben schon einmal Steuern hinterzogen hätten. Natürlich besteht bei solchen Untersuchungen immer die Gefahr, dass die Befragten antworten, was sie für sozial erwünscht halten, doch die Studien bestanden aus ganzen Katalogen direkter und indirekter Fragen – und das Bild, das sich ergab, war stimmig. Wenn, dann müssten die Befragten also schon umfassend und konsequent lügen.

Auch andere Ergebnisse legen nahe, dass Steuerbetrug in Deutschland keineswegs ein "Volkssport" ist und als "Kavaliersdelikt" angesehen wird – wie häufig behauptet wird. In der Kölner Studie waren 83 Prozent der Teilnehmer der Meinung, dass man in der Steuererklärung immer alles "ganz korrekt angeben sollte". 82 Prozent hielten Steuerhinterziehung "generell für moralisch nicht vertretbar".

Wolfgang Franzen, ein Co-Autor der Studie, glaubt, dass die öffentliche Verurteilung prominenter Steuersünder wie Uli Hoeneß oder Alice Schwarzer die Moralvorstellungen der Befragten beeinflusst hat, ebenso die Diskussion um den Kauf von Daten-CDs durch den Staat, um Steuersünder im Ausland zu enttarnen. "Durch die gemeinsame Empörung versichern wir uns gegenseitig, dass Steuerhinterziehung moralisch zu verurteilen ist", sagt Franzen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22 vom 28.5.2015.

Neben Strafen und öffentlichen Debatten stehen dem Staat weitere Instrumente zur Verfügung, um die Steuermoral zu erhöhen, und auch diese haben etwas mit der Beziehung des Einzelnen zur Gesellschaft, in der er lebt, zu tun. Wie das geht, hat vor zwei Jahren eine groß angelegte Studie in Großbritannien gezeigt. Dort überlegte man, wie man säumige Steuerzahler dazu bewegen kann, ihre Schuld zu begleichen. Zu diesem Zweck arbeitete die Steuerbehörde mit dem Behavioural Insights Team der britischen Regierung zusammen, besser bekannt unter dem Namen Nudge Unit.

To nudge bedeutet so viel wie "anstupsen" oder "schubsen", und genau das versucht die Arbeitsgruppe mithilfe kleiner psychologischer Tricks. Die Steuerbehörde verschickte Briefe an die säumigen Steuerzahler, deren Wortlaut gleich war – mit Ausnahme von ein oder zwei Sätzen, deren Wirkung man im Vergleich testen wollte. Manchmal erinnerte man die Steuerschuldner daran, dass die Gesellschaft ihr Geld für Straßen oder Schulen brauche. Andere bekamen den Hinweis, dass die meisten Bürger in ihrer Gemeinde die Steuern pünktlich zahlen. Manchmal wurde das noch ergänzt durch einen Satz wie den folgenden: Sie gehören zu der kleinen Minderheit, die noch nicht gezahlt hat.