Alle Sätze erhöhten die Wahrscheinlichkeit, dass die Steuerschuld binnen Wochen beglichen wurde, und zwar signifikant. Besonders wirksam war der Hinweis, dass die Menschen in der direkten Umgebung schon gezahlt hätten und man zur Minderheit gehöre, die dem Finanzamt noch nichts überwiesen habe. In der Summe konnte der britische Fiskus in den Wochen nach dem Versenden der Briefe mehrere Millionen Pfund zusätzlich einnehmen.

Erich Kirchler, Professor für Psychologie an der Universität Wien, wundert das Ergebnis nicht. "Wir orientieren uns am Verhalten der Masse", sagt er. Und um nicht zu den Außenseitern zu gehören, tun wir das, was die meisten anderen auch tun. Auch die Kölner Studie von 2014 zeigte, dass vor allem das direkte Umfeld die Bereitschaft, Steuern zu hinterziehen, beeinflusst. Probanden, in deren Familien- oder Bekanntenkreis offen über begangene Steuerdelikte gesprochen wurde, neigten weit häufiger dazu, Steuern zu hinterziehen, als andere.

Besonders mächtig aber ist die Frage, was mit den Steuergeldern konkret geschieht. "Die Transparenz der Verwendung der Steuergelder spielt eine große Rolle für die Steuermoral", sagt der Wiener Psychologe Erich Kirchler. In Deutschland stören sich die Steuerzahler daran, wie der Staat mit ihrem Geld umgeht. In der Umfrage der Universität Erlangen-Nürnberg etwa waren 60 Prozent unzufrieden damit, wie die Steuereinnahmen hierzulande verwendet werden. In Deutschland fließt die Einkommensteuer erst in einen großen Topf und wird dann zwischen dem Bund, den Ländern und den Kommunen aufgeteilt. So geht für den einzelnen Bürger jeder direkte Bezug verloren.

Als Land mit den ehrlichsten Steuerzahlen gilt – ausgerechnet, mögen die Deutschen denken – die Schweiz. Laut Erich Kirchler liegt das vor allem daran, dass die Menschen dort ihren Politikern vergleichsweise großes Vertrauen entgegenbringen und viele Schweizer das Gefühl haben, mitbestimmen zu können, was mit ihrem Geld passiert. Es gibt starke Mitspracherechte, beispielsweise über Volksentscheide. Außerdem zahlen die Schweizer einen großen Teil ihrer Steuern an die Kantone und Gemeinden, also an lokale Verwaltungen. So können sie einfacher verfolgen, wohin das Geld, das sie dem Staat überlassen, fließt – ob in den Bau eines neuen Kindergartens oder in die Sanierung der maroden Brücke.

Auch andere Länder versuchen, die Verwendung der Steuermittel transparenter zu gestalten. In Österreich bekommen die Bürger mit jedem Lohn- oder Einkommensteuerbescheid eine Auflistung, was mit dem Geld passiert: welcher Teil etwa in Pensionen oder in die Landesverteidigung fließt. Die Italiener können bei der sogenannten Mandatssteuer sogar direkt bestimmen, was mit ihrem Geld im Einzelnen passieren soll. Diese Mandatssteuer beträgt zwar nur 0,8 Prozent der Lohn- oder Einkommensteuer, aber dafür kann jeder Bürger selbst entscheiden, an welche karitative oder kulturelle Einrichtung sein Geld fließen soll. Spanien und Ungarn haben ähnliche Steuern.

Neben der Intransparenz über die Verwendung ihres Geldes ärgert viele Steuerzahler in Deutschland, dass das Steuerrecht so kompliziert ist. In der Erlanger Studie waren 71 Prozent der Befragten dafür, lieber das Steuersystem zu vereinfachen, als die Steuersätze zu senken. Auch hier war der Wunsch: mehr Durchblick, bitte! Allerdings sind die Deutschen nicht allein. Im Steuerrecht der USA etwa gibt es ebenfalls ein kompliziertes Geflecht aus Ausnahmen. Das komplizierteste Steuerrecht der Welt haben wir also nicht – auch wenn es schwierig ist, verschiedene Rechtssysteme zu vergleichen. Ein Musterbeispiel in puncto Einfachheit ist dagegen Schweden: Das Steuerrecht dort kennt weder verschiedene Steuerklassen noch besonders viele Ausnahmen.