"Tut mir sooo leid." Hohläugig starrt der junge Mann neben mir auf seine blonde Freundin, die sich für einen Augenblick am Eingang zum Badehaus zeigt. Eigentlich wollte sie nur kurz hinein, und er wartete lieber draußen. Jetzt entschuldigt sie sich mit biblischer Inbrunst und strahlt dabei wie eine frisch gedämpfte Kartoffel. "Es dauert noch etwas länger." Erschöpft sinkt er auf die Wartebank zurück, während sie wieder im Innern verschwindet. Sie steckt in einer merkwürdigen Uniform: ein orangefarbenes Baumwoll-T-Shirt in Monstergröße und riesigen, tomatenroten Bermudashorts. Die Angestellte im Kassenhäuschen bellt etwas in meine Richtung, das nur "Zack, zack, der Nächste!" auf Koreanisch heißen kann. Ergeben nehme auch ich die Einheitsbadekleidung, die sie mir nach einem prüfenden Blick hinwirft. Größe XXL. Und jetzt hinein ins Jjimjilbang, das traditionelle Badehaus. Für Koreaner der beliebteste Ort, um sich zu entspannen. Das könnte mir auch nicht schaden.

Jjimjilbangs gibt es in Seoul an jeder Ecke. Meist sind sie nur für den Bedarf der Anwohner ausgelegt. Ich habe mich für das fünfstöckige Siloam unter einer Autobahnbrücke nicht weit vom Hauptbahnhof entschieden, weil es mit der rätselhaften Inschrift "Sauna & Fonication" auch Ausländer einlädt. Der größte Unterschied zu unseren Saunas: Jjimjilbangs sind 24 Stunden am Tag geöffnet, und man kann darin auch für wenig Geld ganz offiziell übernachten. Mit mir in der Schlange warten Frauen, die wie Hausfrauen aussehen, einige angeschickerte Teenager und Geschäftsleute mit Rollkoffer. Das Siloam ist ein beliebter Zwischenstopp, wenn man mit dem letzten Zug ankommt und auf die Weiterfahrt mit dem ersten wartet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 23 vom 3.6.2015.

Jenseits der Garderobentür geht das strenge Regiment weiter. Schuhe gegen Schlüssel. Schlüssel gegen anderen Schlüssel. Zwei magere Frottiertücher. Ausziehen und dann zack, zack zum Duschen. Wie einen Laserstrahl lässt die Hüterin der Frauenumkleide ihren Blick schweifen. Obwohl es schon gegen Mitternacht geht, ist der gelblich erleuchtete Raum noch voller Besucherinnen, die sich am Ende ihrer Badestunden hingebungsvoll die Haare föhnen und das Gesicht eincremen. Für Neuankömmlinge wie mich heißt es erst mal: ausziehen und dann zum Duschen ins Untergeschoss. Dort bearbeitet die Herrin des Nassraums in einem tropfnassen Shirt mit Tigermuster den blitzblanken Boden. Dabei entgeht ihr keine Bewegung der Gäste, die sich im Neonlicht abschrubben, enthaaren und auch gleich noch die Zähne putzen. In der Badezone nebenan planschen Frauen in Jacuzzis und einem Schwimmbecken, aber dafür ist jetzt noch nicht die Zeit. Erst kommt die Sauna. Quietschsauber schlüpfe ich in die unförmige, steif gewaschene Riesenuniform. Am Ausgang der Garderobe komme ich an der Beauty-Abteilung vorbei. Ein mit Haarteilen und Shampooflaschen vollgestopftes Glaskabuff dient als Friseursalon. Dessen Wächterin hat die Schürze gelockert und gähnt. Im Glaskasten daneben starrt ihre Kollegin auf einen Fernseher. Um sie herum sind Hocker aufgereiht, deren Sitzflächen je ein ausgesägtes Loch aufweisen. Darunter sind elektrische Herdplatten installiert. Ob hier die "Plazenta-Dampfmassage" stattfindet, die auf einem Schild in der Umkleide angeboten wurde? Mir fehlt der Mut, es herauszufinden.

Nach der Grundreinigung treffen Männer und Frauen im ersten Stock, der "Aufenthaltsetage", zusammen. Der weitläufige Raum erinnert an ein leer geräumtes Kaufhaus, kein Vergleich mit üppig dekorierten westlichen Wellnessoasen. Der Marmorfußboden ist warm und mit dünnen Bastmatten belegt. Darauf lagern zwanglos ein paar Männer, die auf ihr Tablet starren oder dösen. Ihre braune Version der Badeuniform lässt sie wie übergroße Teddybären aussehen. Behaglichkeit liegt in der feuchtwarmen Luft.

In der hintersten Ecke stoße ich auf den "Sauerstoff-Raum". Hier sind die Liegeflächen abgetrennt wie Boxen in einem Pferdestall. Für den Kopf liegen eingekerbte Holzblöcke bereit. Die angereicherte Luft strömt fast von allein tief in die Lungen – eine Befreiung nach der smogigen Großstadtbrühe in Seoul. Als ich mich, im Sauerstoff-High leicht schwankend, aufmache, die eigentlichen Saunas zu suchen, kommt mir energisch ein stämmiger Mann in weiß gestärktem Hemd entgegengeschlappt. "Willkommen im Siloam!" Herr Kang stellt sich als der Nachtschichtdirektor vor. "Wir freuen uns über ausländische Gäste!" Nachdrücklich empfiehlt er mir das Restaurant, das hinter einer Glasscheibe liegt. Er rät mir zur südkoreanischen Spezialität Bulgogi. Ich folge brav, schlucke dann aber ein bisschen, als die Köchinnen gar nicht mehr aufhören, Schälchen und Platten mit eingelegtem Beilagengemüse auf mein Tablett zu schichten. Es ist weit nach Mitternacht.