Über den Dächern von Mae Salong im Norden Thailands liegt ein leichter Schleier. Es riecht nach Rauch. Irgendwo in den Bergen des Goldenen Dreiecks fackelt jemand wieder mal ein Feld ab, um mit der Asche der verbrannten Pflanzen den Boden zu düngen. James Surapol blickt von der Terrasse seines Hauses ins Tal hinab, zu den Teeplantagen. Er schüttelt den Kopf, so als glaube er seinen Augen nicht. "Als ich hier aufwuchs, haben die Bergstämme oft Schlafmohn angebaut", sagt er. Surapol leitet heute ein Gemeindezentrum bei Mae Salong. Er ist selbst ein Kind der Berge, seine Vorfahren waren Angehörige der dortigen Bergvölker, seine Mutter war eine Akha, sein Vater ein Lahu. "Und heute?", fragt er. "Man findet kein Mohnfeld weit und breit!"

Wo einst Männer mit kleinen, gebogenen Messern die grünen Mohnkapseln anschnitten, um wenig später den angetrockneten, klebrigen Rohopiumsaft abzuschaben, gedeiht heute der Tee.

Vor 50 Jahren sah es hier ganz anders aus. Damals wurde das Goldene Dreieck, ein Landstrich in der Grenzregion zwischen Thailand, Birma und Laos, zur wichtigsten Quelle für Opium und Heroin in der Welt. Die GIs, die in Vietnam kämpften, verlangten nach Drogen. Von dort breiteten sie sich schnell in die USA und nach Westeuropa aus. Das Goldene Dreieck lieferte permanent Nachschub. Das unwegsame, von Urwald bewachsene Gebiet entzog sich der Kontrolle des thailändischen Staates, Drogenbarone, bewaffnete Gangster und Rebellen hatten hier das Sagen.

Heute, so offizielle Schätzungen, wird Mohn in Thailand nur noch auf einer Fläche von höchstens 800 Hektar angebaut. "Überall gibt es Straßen und Flugplätze, kein Gebiet kann sich noch der staatlichen Kontrolle entziehen", sagt Surapol.

Dafür schlängeln sich nun ewig grüne Teesträucher in langen, ordentlichen Reihen an den steilen Berghängen empor. Dazwischen arbeiten Pflückerinnen in bunten Kleidern. Sie kommen aus den benachbarten Bergdörfern der Akha. Mit geübten Griffen reißen sie die jungen Teeblätter ab, immer zwei Blätter und die Spitze. Sie werfen die Blätter in große Körbe, die sie auf ihrem Rücken tragen. Für ein Kilo frische Teeblätter bekommen die Arbeiterinnen etwa 10 Bhat an Lohn, umgerechnet etwa 30 Eurocent. Eine gute Pflückerin kommt am Tag auf etwa drei Dollar: Damit kann sie ihre ganze Familie ernähren. "Ja, früher haben wir Schlafmohn angebaut", sagt eine Alte, die sogar beim Pflücken an einer selbst gedrehten Zigarette zieht – aus Tabak. "Aber irgendwann lohnte es sich nicht mehr, immer wieder kam die Armee und zerstörte die Mohnfelder."

Mae Salong war früher ein wichtiges Zentrum des Drogenhandels. "Wir haben selbst keinen Schlafmohn angebaut", sagt der 54-jährige Dorfbewohner Tsang Tsao. "Unsere Leute haben aber für die Drogenbosse gearbeitet. Wir eskortierten die Schmugglerkarawanen, die Drogen nach Chiang Mai und Bangkok transportierten, wir bewachten die Mohnfelder und die Heroinlabore."

Die Mehrheit der Bewohner von Mae Salong sind heute Chinesen. Die kleine Stadt wurde erst 1961 vom General Tuan Shi-wen gegründet, dem Befehlshaber der 93. Division der chinesischen Kuomintang-Armee. Nach der Niederlage von Chiang Kai-shek im Bürgerkrieg gegen die Kommunisten weigerte er sich, die Waffen niederzulegen, und floh 1949 mit 4.000 Soldaten zunächst nach Birma. Zehn Jahre irrten sie dort in den Bergen umher. Sie warteten auf eine Gelegenheit, nach China zurückzukehren und gegen die kommunistische Regierung zu kämpfen. Die USA und Frankreich hatten ihnen zwar moderne Waffen und logistische Unterstützung versprochen, aber nie geliefert. "Sie haben uns jahrelang etwas vorgegaukelt, und dann ließen sie uns fallen", sagt Tsang Tsao, selbst der Sohn eines Adjutanten von General Tuan. In Mae Salong ließen sie sich dann nach elf Wanderjahren nieder.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22 vom 28.5.2015.

Der Anfang war schwierig. Die USA und der Westen haben ihre Kuomintang-Verbündeten schlicht vergessen. "Wir hatten nichts, kein Geld, keine Lebensmittel", sagt Tsang Tsao, der alte Publikationen über die Exilarmee sammelt. "Also boten wir der Drogenmafia unseren Schutz an." Die Bosse zahlten, denn niemand wollte sich mit den Chinesen militärisch anlegen.

Ende der siebziger Jahre wurde allen klar, dass die Rückeroberung Chinas nicht stattfinden wird. Der Kommunismus breitete sich aus, der Vietnamkrieg war verloren, die Amerikaner hatten keine Lust auf weitere Abenteuer. "Es war an der Zeit, sich mit der Regierung in Bangkok zu arrangieren", sagt Tsang Tsao.

Früher wurde in Thailand, das ziemlich nah am Äquator liegt, kaum Tee angebaut. Erst als die Regierung nach Alternativen zum Opium zu suchen begann, stellte sie fest, dass das Klima und die geologischen Verhältnisse im Goldenen Dreieck ähnlich sind wie in Taiwan, wo der Tee prächtig gedeiht. König Bhumipol lud taiwanesische Experten nach Mae Salong ein, damit sie ihren Landsleuten helfen: Sie weihten ehemalige Soldaten in die Geheimnisse des Teeanbaus und der -produktion ein. Die besten Teesorten wurden nach Thailand gebracht, unter anderen der Oolong Nr. 17, der unter den Teeliebhabern weltweit begehrt ist. "Der Tee ist unser neues Gold", sagt James Surapol und lacht. "Er lässt das Goldene Dreieck wieder glänzen."