Ein restaurierter Sektionssaal von 1926 im Medizinhistorischen Museum Hamburg auf dem Gelände des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf © dpa

Sie ist 102 Jahre alt. Übernächste Woche erhält die Ärztin Ingeborg Rapoport am UKE ihren Doktortitel, den ihr die Nazis 1938 verweigerten. Der Arzt Hendrik van den Bussche, 70, erforscht seit mehr als 30 Jahren die Geschichte der Hamburger Universitätsmedizin in der NS-Zeit. "Sie war kein Einzelfall", sagt er.

DIE ZEIT: Am 9. Juni bekommt Ingeborg Rapoport am UKE ihren Doktortitel – fast 80 Jahre nachdem sie ihre Doktorarbeit abgegeben hat. Ist das nicht schrecklich spät?

Hendrik van den Bussche: Es geht ja nicht nur um Frau Rapoport, es geht um alle, die aufgrund der diskriminierenden Politik der Nationalsozialisten nicht mehr promovieren oder studieren durften. Und um alle, denen der Doktortitel entzogen wurde. Die Nazis haben insgesamt 16 Professoren und Privatdozenten der Medizinischen Fakultät aus ihren Positionen vertrieben. Frau Rapoports Fall steht für das Wenige an Wiedergutmachung, was man den Betroffenen jetzt noch geben kann.

ZEIT: Was weiß man heute über diese Leute?

Van den Bussche: Über vertriebene Studierende wurden keine Akten geführt. Auch auf Frau Rapoport sind wir nur durch Zufall aufmerksam geworden. Wir wissen lediglich, dass von den 52 vor der Machtübernahme eingeschriebenen jüdischen Studenten 1938 nur noch vier übrig geblieben waren. Frau Rapoport ist vermutlich eine davon.

ZEIT: Wie konnte sie überhaupt so lange studieren? 1933 mussten Juden die Uni doch verlassen.

Van den Bussche: Es gab einige wenige, die trotzdem weitermachten, auch ein paar linke Studierende. Sie wurden von ihren NS-Kommilitonen eingeschüchtert, verprügelt oder gleich nach Fuhlsbüttel ins provisorische KZ verschleppt. Anderen wurden Prüfungen oder Promotionsarbeiten erschwert oder nicht anerkannt, wie bei Frau Rapoport.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 22 vom 28.5.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Gab es keinen Widerstand von Professoren?

Van den Bussche: Nur vereinzelt. Und ich würde nicht unbedingt von Widerstand sprechen.

ZEIT: Sondern?

Van den Bussche: Eher von Opposition. Das bekannteste Beispiel ist Professor Rudolf Degkwitz, der damalige Direktor der Kinderklinik. Er hat Frau Rapoport ein Schreiben ausgestellt, in dem er aussagte, er habe ihre Doktorarbeit angenommen, könne sie aber aufgrund der geltenden Gesetze nicht zur Promotion zulassen. Nur deswegen konnte Frau Rapoport jetzt ihre mündliche Prüfung nachholen. Degkwitz hat sich nicht einschüchtern lassen, er hat überall laut verkündet, dass er das NS-Regime für barbarisch und kriegstreiberisch hielt. Er war eine Art Fluchtpunkt für Ärzte und Studierende, die genauso eingestellt waren. Viele Studierende haben nach dem Krieg erzählt, dass er eine Art Leuchtturm für sie war.

ZEIT: Was wurde aus ihm?

Van den Bussche: Er wurde 1943 von einem Kollegen denunziert und kam ins Zuchthaus nach Celle. Nach dem Krieg leitete er im Auftrag der Briten die Gesundheitsbehörde. Er war aber so frustriert über die alten Nazis, die massenweise angeblich entnazifiziert an die Universität zurückkehrten, dass er in die USA auswanderte.