Ein kleines Mädchen sitzt auf einem rostigen Geländer im Innenhof eines Plattenbau-Wohngebiets in Frankfurt (Oder). © dpa

Die gute Nachricht lautet: Deutschland ist stabil. Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst nicht, das Land driftet nicht immer weiter auseinander. Das zeigt ein internationaler Bericht zur Ungleichheit, den die Industrieländerorganisation OECD vergangene Woche veröffentlichte. Demnach öffnet sich der Spalt zwischen den Topverdienern und den Armen in den Industrieländern immer weiter, in vielen Staaten ist er nach der globalen Finanzkrise breiter geworden als je zuvor. Deutschland weicht von diesem Muster ab, weil sich hier seit einem Jahrzehnt praktisch nichts bewegt. Die Einkommen waren zuletzt genauso gleich oder ungleich verteilt wie im Jahr 2005. Auch die Armut nahm laut OECD in der vergangenen Dekade nicht zu.

Die schlechte Nachricht lautet genauso wie die gute: Deutschland ist stabil. Denn das bedeutet auch, dass die Kluft zwischen Arm und Reich nicht kleiner geworden ist. Seit rund zehn Jahren tut sich nichts. Dabei wäre jetzt – bei guter wirtschaftlicher Lage – eigentlich die Zeit für eine Trendumkehr. Wie enttäuschend die Stabilität – oder der Stillstand – ist, zeigt ein Blick zurück. Zwischen den neunziger Jahren und Mitte des vergangenen Jahrzehnts wuchs die Kluft zwischen Arm und Reich in der Bundesrepublik. Für deutsche Verhältnisse stieg die Ungleichheit auf ein bisher unbekanntes Niveau. Damals erklärten Experten der OECD diesen Trend mit der katastrophalen Lage am hiesigen Arbeitsmarkt. Kaum in einem anderen Industrieland gebe es mehr Haushalte, in denen niemand mehr einer Erwerbsarbeit nachgehe, als in Deutschland.

Inzwischen hat sich die Lage enorm verbessert. Die Wirtschaft floriert, es sind so wenige Menschen arbeitslos wie seit 25 Jahren nicht mehr, viele gut abgesicherte Normalarbeitsplätze entstehen statt bloß Minijobs, und auch die Löhne wachsen wieder stärker. Dennoch schließt sich die Schere zwischen Arm und Reich nicht. Sie bleibt ähnlich weit geöffnet wie in den Krisenjahren.

Man kann sich damit trösten, dass Deutschland im internationalen Vergleich immer noch gut dasteht. Die oberen zehn Prozent in der Einkommenshierarchie verfügen hierzulande über knapp siebenmal so viel Geld wie die untersten zehn Prozent. Im Durchschnitt der OECD liegt das Verhältnis bei eins zu zehn. Betrachtet werden hierbei die Einkommen nach Steuern und Umverteilung durch Sozialleistungen. In Deutschland sind die Einkommen noch immer gleichmäßiger verteilt als in den USA, in Großbritannien, Italien oder Frankreich. Und geringfügig hat sich die Lage in der Bundesrepublik auch schon verbessert. Im Jahr 2005 litten nach OECD-Berechnung 9,1 Prozent der Bundesbürger unter relativer Einkommensarmut. Zuletzt waren es 8,4 Prozent. Relative Armut heißt nach OECD-Definition: Sie hatten weniger als 50 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung. Viele Verbesserungen der jüngsten Zeit können sich zudem nicht in der OECD-Statistik niederschlagen, denn viele Zahlenreihen darin reichen nur bis 2012. Also alles halb so schlimm?

Klar ist, dass die Ungleichheit bisher nicht in ähnlich starkem Maß zurückgeht, wie sie zuvor gestiegen ist. Offenbar genügt wirtschaftliches Wachstum allein nicht, um wieder zu dem alten Zustand größerer Gleichheit zurückzukehren. Und betrachtet man die Verteilung der Vermögen, ist Deutschland sogar überdurchschnittlich ungleich. Hier besitzen die wohlhabendsten zehn Prozent fast 60 Prozent des Vermögens im Lande. Im OECD-Schnitt liegt der Wert bei 50 Prozent. Es gibt also gute Gründe, von der Politik zu fordern, dass sie mehr unternimmt, um die Gesellschaft zusammenzuhalten. Zumal Ungleichheit auch noch dem Wirtschaftswachstum schadet, wie die OECD-Experten betonen.