Am Fuß des markanten Tafelbergs Ben Bulben liegt William Butler Yeats begraben.

In London erlitt der irische Dichter William Butler Yeats mit 23 Jahren einen schweren Anfall von Heimweh. Im Schaufenster eines Getränkeladens sah er ein Reklamebrünnlein, auf dessen Fontäne eine kleine Holzkugel tanzte, und sofort zog es ihn an allen Herzbändeln fort. "Vom grauen Pflaster" flogen die Gedanken zur Grafschaft Sligo an der irischen Westküste, zu den plätschernden Wassern von Lough Gill und der kleinen grünen Insel Innisfree. Er träumte von einer Hütte dort – "neun Reihen Bohnen, ein Bienenvolk" – und vom Frieden, "der von des Morgens Schleiern tropft".

So schrieb der junge Yeats sein berühmtestes Gedicht, Die Seeinsel von Innisfree. Und man muss Aufnahmen mit der Stimme des alten Yeats gehört haben, seinen atemlosen, orgelnden Singsang, in dem dieser Gedankenflug anhebt: "I will arise and go now, and go to Innisfree ...", auf dass sich leis das Haar sträube und man ebenfalls eine Art Inselweh zu spüren beginne. Den Wunsch, vom grauen Pflaster abzuheben und dem Mann hinterherzufliegen – nach Irland und nach Innisfree.

William Butler Yeats (1865 - 1939) im Jahr 1908 © Alvin Langdon Coburn/Hulton Archive/Getty Images

Zwischenlandung in Dublin, kurz vor dem großen Jubiläum. Am 13. Juni vor 150 Jahren wurde im Vorort Sandymount W. B. Yeats geboren – Nobelpreisträger 1923, treibende Kraft der literarischen irischen Renaissance, Mitbegründer des Nationaltheaters, als junger Mann ein Revolutionär, als alter ein Senator des Freistaats und alles in allem so etwas wie Irlands Goethe. In Dublin, Galway und Sligo sind jetzt an den Stätten seines Wirkens die ernsten und die heiteren Würdigungen im Gange. Yeats’ Stücke werden in Theatern gespielt und getanzt, seine Gedichte im Freien und in Kneipen rezitiert und gesungen. Yeats-Fans aus aller Welt tragen im Internet ihre Lieblingsverse vor und erstellen ein Audioarchiv. Die National Library in Dublin zeigt eine Ausstellung über Leben und Werk: Zwischen Leinwänden, an denen Fotos der irischen Westküste aufscheinen, ist Yeats’ haarsträubende Stimme in einer knisternden, schleifenden BBC-Aufnahme von 1932 zu hören. Chanting nannte der Dichter die von ihm entwickelte Vortragsweise, eine musikalische Rede zwischen Sprechen und Singen, von der er glaubte, die keltischen Barden hätten so ihre Lieder und Legenden deklamiert. "Die Betonung der Rhythmen mag Ihnen eigenartig erscheinen", sagt er, aber "diese Verse haben mich höllisch viel Arbeit gekostet, und deshalb werde ich sie nicht wie Prosa lesen – I will arise now ..."

Also, aufstehen. Von Dublin nehme ich den Zug nach Sligo. Kein Frieden an Bord. Eine "Hühnerparty" steigt zu, ein Dutzend Mädels, die Junggesellinnenabschied feiern. Die zukünftige Braut trägt über der Jeans ein rosa Tutu, Schleier und Diadem im Haar und eine rosa Trillerpfeife um den Hals. (Ja, sie trillert.) Eine der Jungfern hilft der Braut, nacheinander in die Brautgeschenke – ein Dutzend Schlüpfer – zu steigen. Große Begeisterung. Sekt perlt um rosa Trinkröhrchen. Zwei Stationen vor Sligo fällt die ganze Gesellschaft unter dem Geschepper leerer Flaschen aus dem Zug.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 23 vom 3.6.2015.

Nach einer strapaziösen Reise mit seiner Muse Maud Gonne, einer leicht entflammbaren Kämpferin für Irlands Freiheit, war der Dichter einmal vor Erleichterung in Tränen ausgebrochen, als sie den englischen Zoll ohne Skandal passiert hatten. Oh, Mr. Yeats, hätten Sie diese Damen erlebt! Auch bei mir löst sich nun eine gewisse Starre. Draußen zieht das friedliche Irland vorbei, Moor und Binsen, nasse Kühe auf der Weide, von Efeu erdrosselte Bäume, das Rhododendrongärtchen eines Eisenbahners. Stechginster blüht; sein Gold brennt Löcher in die graue Luft. Nach drei Stunden wird die letzte Station auf Englisch und Gälisch angekündigt: Sligo – Sligeach, eine vieltürmige Stadt an der Mündung des Garavogue River, der sich schnell, glatt und torfdunkel unter den Steinbögen der Hyde Bridge hindurchwälzt. Möwen, dick wie Pinguine, werfen sich vom Geländer. Vor der Ulster Bank steht ein bronzener Yeats und hebt die Hand in künstlerischer Geste, sein geblähter Mantel ist bedeckt mit Worten. So war der Dichter einst auch durch die Straßen geweht, in schwarzem Umhang und mit flatternder Halsschleife, den Kneifer am silbernen Kettchen – ein Wortzauberer, ein Tonsetzer, in Träume von Irlands mystischer Vergangenheit gehüllt.

Sligo mit seinen umliegenden Bergen und Ufern, Wäldern und Wasserfällen war seine spirituelle Heimat. Als Kinder hatten er und seine Geschwister die Sommerferien bei der Familie der Mutter, wohlhabenden Schiffseignern, verbracht. Hier wurden ihm die alten Geschichten erzählt, die sein frühes Werk und seine politische Richtung prägten: Märchen von keltischen Göttern und Heroen, vom Volk der Feen, das Kinder entführt, und von dessen Königin Maeve, die mit den Wolfshunden jagte und auf dem Zauberberg Knocknarea südwestlich von Sligo begraben liegt. Auch als er sich später literarisch und politisch für die Unabhängigkeit engagierte, blieb Irlands sagenumwobene Geschichte für ihn der Humus, aus dem ein neues Nationalbewusstsein sprießen würde.