Da steht er, ganz aus Marmor, erstrahlt im Sonnenlicht, ein Titan seiner Zeit. Erfinder der Biologie und Psychologie, Physiker, Logiker, Ethiker, Politologe – ein Mann, der die Welt ordnete, alles verstehen wollte: was die Seele ist, wozu der Staat dient, was eine Tragödie ausmacht, wie Kraken sich fortpflanzen. Ein Denker, dessen Werke die Landschaft des Wissens bis heute überragen: Aristoteles. Ehrwürdig, mit einer Papyrusrolle in der Hand, thront er inmitten eines begrünten Themenparks unweit des Bergdorfes Stagira. Dem großen Sohn der Heimat zu Ehren errichtete die Gemeinde den Park, wohl auch in der Hoffnung, eines Tages mehr zu sein, als nur ein unscheinbarer Durchgangsort mitten in den Bergen der Halbinsel Halkidiki.

Die Marmorstatue ist umgeben von Parabolspiegel und Brennlinse, Pentafon, Sonnenuhr und Pendel – Gerätschaften, die an physikalische, von Aristoteles beschriebene Phänomene erinnern. Zu seinen Füßen liegen bewaldete Berge und die lang gestreckte Bucht von Ierissos. Autos mit Strandurlaubern brettern am Park vorbei. "Kalo dromo", wünsche ich, gute Reise. Denn statt zum Baden zu fahren, lässt es sich hier trefflich wandern. Gegenüber dem Park beginnt ein 26 Kilometer langer Weg zum antiken Küstenort Stageira, dem Geburtsort des Philosophen. Benannt wurde der Pfad nach dem Meister – die Region setzt ganz auf ihren berühmten Sohn. Sogar der Bezirk heißt wie er: Aristoteles.

Der große Denker und Wandern: Geht das zusammen? Zumindest soll Aristoteles im Auf- und Abgehen gelehrt haben – womöglich weil sich so die Gedanken leichter lösen. Auch der Name der von ihm gegründeten Schule Peripatos – übersetzt "Wandeln" – kündet von Bewegungsfreude. Doch ob der Meister je gewandert ist oder sich nicht lieber im Liegen bei einem Becher Wein das Hirn zermarterte, weiß kein Mensch. Überhaupt ist außer seinen Werken eher wenig über den 384 vor Christus geborenen Philosophen bekannt. Vielleicht kommt man ihm ja beim Wandern auf die Spur.

Bildnis von Aristoteles © Hulton Archive/Getty Images

Es ist zehn Uhr früh. Die Startbedingungen sind ideal: Sonne, Wolken und im Wald kühle Nebelbänke. Ich nehme einen Schluck aus dem Flachmann und spurte los. Steil windet sich der Weg zwischen den Bäumen hindurch. Schlangen und Eidechsen flitzen über Steine. Immerzu raschelt es im Laub. Scharen von Nachtigallen zwitschern und jubilieren, der Wald ist ein einziger vergnügter Gesang. Gut 300 Höhenmeter Aufstieg sind zu meistern, danach geht es 800 Höhenmeter bergab. Ein Kinderspiel. Doch ich bin erst 15 Minuten unterwegs, da gabelt sich die Route, und weit und breit ist kein Wegweiser. Auf die Wanderkarte der örtlichen Tourismusorganisation habe ich verzichtet: eine Skizze wie ein Comic, als hätte der Verfasser selbst keinen Schimmer. Nun stehe ich da und weiß nicht, wo es langgeht – ausgerechnet auf dem Aristoteles-Weg! Der Meister, akribisch, analytisch, stets methodisch, liebte Ordnung und Übersicht. Er schuf ein ganzes System der formalen Logik aus Denkregeln, Syllogismen und Begriffen, die auf dem Weg der Erkenntnis Orientierung bieten sollten.

Motorsägen kreischen auf. Ich klettere einen Hang hinauf. Neben einem Traktor liegen wuchtige Baumstämme. Zwei Männer beladen den Anhänger mit Brennholz. Heizen im Spätfrühling? "In dieser Gegend ist es kühl. Und Holz gibt es ja im Überfluss", sagt Ilias, 57. "Heute wird das meiste aus Rumänien importiert, weil das billiger ist. Aber früher lebten wir hier vom Holz." Auf Maultieren wurde es aus dem Wald gebracht. Schmale Pfade dienten dem Abtransport und verbanden die Bergdörfer Stageira, Stratoniki, Varvara und Neochori mit der Küste, wo die Händler in ihren Booten warteten. Doch in den Siebzigern, als die Forstämter noch Geld hatten, schufen Planierraupen Forstwege für Lastwagen, die mehr Holz befördern konnten. Geblieben ist ein chaotisches Netz aus Pisten. Als ich Ilias sage, ich wolle bis nach Stageira wandern, verdreht er die Augen: "Du wirst dich verlaufen! Nichts ist beschildert."

Mit seiner Wegbeschreibung im Gepäck – hinter der großen Tanne links, vor einem Steinblock rechts, an einer scharfen Biegung wieder rechts und dann geradeaus – marschiere ich weiter. Durch Dickicht, über Hügel und Bäche, durch dichten Laubwald. Beim Wandern tritt man tatsächlich Gedanken los. Man sinnt über die Frösche im Bach, die goldglänzenden Käfer im Moos und die Füchse, die man hinter Bäumen zu entdeckten glaubt. Man grübelt über das eigene Leben, das einem in den Bergen plötzlich unfrei und verplant vorkommt. Man staunt über Linden, Buchen, Kastanien, Steineichen und gewaltige Platanen, die dem Himmel entgegenwachsen. Die Wälder Halkidikis erinnern an einen Dschungel.